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Houellebecqs „Karte und Gebiet“ auf der Bühne : Der Baudelaire des Supermarkts

Das Bühnenbild drückt die Schauspielerei an die Wand: „Karte und Gebiet“ nach Michel Houellebecq in Düsseldorf Bild: Sebastian Hoppe

Auftakt am Düsseldorfer Schauspielhaus: Falk Richter bringt Michel Houellebecqs Roman „Karte und Gebiet“ beflissen und einfallslos auf die Bühne.

          3 Min.

          "Michel Houellebecq" kommt Michel Houellebecq gefährlich nahe. Im Parka, mit Zigarette und Weinglas sitzt er, die Beine übereinandergeschlagen, auf der Bühne, als wäre er aus einem der von ihm kursierenden Pressefotos getreten. Nur der Hund fehlt. Ein "gequältes Wrack", wie es später heißen wird, depressiv und selbstzerstörerisch, ein Intellektueller, der sich, wie er sich am ganzen Körper kratzt, nicht wohl fühlt in seiner Haut. Mit zitternder Energie, vehement und doch gefangen in seinem Autismus, spielt Olaf Johannessen die Kunstfigur, mit der das französische enfant terrible in seinem jüngsten Roman "Karte und Gebiet" ein überscharfes Selbstporträt zeichnet. "Ich habe den Eindruck, dass sie sich selbst persiflieren", kommentiert Jed Martin, Künstler und Hauptfigur des Romans, den als "Baudelaire des Supermarkts" bewunderten Schriftsteller, den er für das Vorwort seines Ausstellungskatalogs gewinnen möchte.

          Andreas Rossmann

          Freier Autor im Feuilleton.

          In derart groteske Übereinstimmung mit der Vorlage kommt die szenische Fassung, die Falk Richter aus dem Prosawerk gefiltert und am Düsseldorfer Schauspielhaus herausgebracht hat, sonst nicht. Dabei versucht sie beflissen, den Roman, der Künstlerbiographie und Kunstbetriebssatire, Zivilisationskritik und bis ins Jahr 2048 gespanntes europäisches Endzeitpanorama vereint, auf der Bühne nachzuerzählen. Vierhundert Seiten in zweieinhalb Stunden. Die Frage, die das zur Mode verkommene Dramatisieren von Prosaliteratur begleitet, stellt sich dabei exemplarisch: Wer das Buch vorher gelesen hat, vermisst Wesentliches, wer dem Stoff zum ersten Mal begegnet, lernt ihn nur ausschnittweise kennen. So oder so, die Bühnenfassung schrumpft zum Surrogat.

          Abgeschottet von der Welt

          Die Bühne von Katrin Hoffmann verschränkt Fotoatelier und Architekturbüro. Ein Tisch wird, senkrecht aufgestellt, zur Leinwand, auf der Jed Martin sein Bild "Damien Hirst und Jeff Koons teilen den Kunstmarkt unter sich auf" komponiert und zerstört. Im Sauseschritt durcheilt die Regie den Roman, und was sich der szenischen Umsetzung nicht anbietet, wird von Chris Kondek in Videoprojektionen übersetzt: Playmobil-Figuren beleben die Michelin-Karten, die Jed Martin fotografiert und bearbeitet, Spruchbänder laufen in Endlosschleifen, Textteppiche rollen über die Bühne. Die sechs Schauspieler bleiben unterbeschäftigt, auch wenn sie ein neues Kostüm oder auch nur Requisit genügt - durch mehrere Rollen wechseln. Vor allem Christoph Luser, der viel aufzusagen, doch wenig zu spielen hat, bleibt ehrfürchtig deklamierend neben der Figur: Wenn Jed Martin im Bistro weint, wird der leuchtende Eiffelturm, wenn er Houellebecq in Irland besucht, Vogelgezwitscher eingeblendet. Karin Pfammatter verwandelt sich in die schöne Russin Olga, an deren Seite er zum angesagten Künstler wird, indem sie eine Pelzmütze überzieht und das "R" rollt, und auf das Stichwort "Le Corbusier" hin türmt sich im Hintergrund eine Hochhaus-Silhouette. Immer wieder verdoppeln die Bilder den Text, das Theater hechelt, mal in die Revue, mal in einen Rap ausweichend, dem Roman hinterher.

          Noch dem bestialischen Mord an Houellebecq, dessen Leichenteile, von einem Laserschneider zerschnitten, in seinem Landhaus drapiert wurden, gerät der Roman zum Krimi und die Düsseldorfer Aufführung vollends zur unfreiwilligen Parodie. Der Kommissar erscheint als Pfeife rauchendes Maigret-Double, an der Schreibmaschine sitzt die Karikatur eines Flics, und die Begleitmusik beginnt ominös zu raunen. Jed Martin, der es, von einem Galeristen - ein gieriger Zocker: Moritz Führmann - beraten, mit Bildern wie "Serien einfacher Berufe" und doch eher unfreiwillig zum millionenschweren Promikünstler gebracht hat, lässt die Nachricht vom Tod des Schriftstellers einen Kollaps erleiden, aus dem Luser einen heftigen Krampfanfall macht. Der Rückzug in sein Gebiet, einen siebenhundert Hektar großen Landbesitz, wo er sich von der Welt abschottet, bevor er schließlich dem Darmkrebs erliegt (sein Vater - mitleiderregend: Werner Rehm - war davor zur Sterbehilfe in die Schweiz geflohen), wird nur noch erzählt. Große Romanthemen wie der Diskurs über Kunst oder die Erfahrung der Zeit, die das Leben jahrelang an Jed Martin vorbeiziehen lässt, kommen zu kurz oder gar nicht erst vor.

          In einer Videosequenz, die Houellebecqs Beerdigung zeigt, taucht Staffan Valdemar Holm, der neue Düsseldorfer Generalintendant, kurz als Pfarrer auf. Doch der Beistand, den er jetzt braucht, kommt nicht von oben. Der Hoffnungsträger aus Schweden hat mit seiner "Hamlet"-Inszenierung, die als Eröffnungspremiere angesetzt war und, da die Sanierung des Großen Hauses nicht rechtzeitig fertig wurde, um drei Wochen zurückgestellt werden musste, etwas geradezurücken. Denn Falk Richter, den er als Hausregisseur verpflichtet hat, setzt mit "Karte und Gebiet" ein falsches Signal: Ein Auftakt, der die Berliner Schaubühnen-Ästhetik von vor zehn Jahren recycelt, kann kein Neubeginn sein.

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