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Horváth-Uraufführung in Wien : Unser Innerstes? Kein schöner Anblick

Wladimir mordete für den vermeintlich kostbaren Ring aus Blech. Doch der Ring, hier in den Händen von Fürchtegott Lehmann (Florian Teichtmeister), hat eine Inschrift:: „Und die Liebe höret nimmer auf.“ Bild: dpa

Als Ödön von Horváths verschollenes Frühwerk im letzten Jahr wiederauftauchte, war das eine Sensation. Nun ist „Niemand“ in Wien uraufgeführt worden.

          Diese Premiere ließ lange auf sich warten: 92 Jahre. Die Gründe für die Verspätung werden sich vielleicht niemals ganz aufklären lassen, aber so viel ist immerhin bekannt: Eine betrügerische Verlagspleite spielte eine Rolle, zwei halb- bis dreiviertelkriminelle Verleger namens Julius Salter und Fritz Wurm, von denen Kurt Tucholsky mit alttestamentarischem Furor sagte, man möge sie mit Peitschenhieben verjagen, wo immer man sie treffe, und zwei Auktionen. Nach der ersten, Mitte der neunziger Jahre in einem kleinen Auktionshaus in Pforzheim, verschwand das bis dahin unbekannte Theaterstück ebenso spurlos wie unbemerkt in der Bibliothek eines Privatmannes, bei der zweiten, im März vorigen Jahres bei Stargardt in Berlin, wurde das unscheinbare Typoskript im Umfang von 95 verblichenen Seiten endlich als das erkannt, was es ist: der verzweifelte Aufschrei eines Dreiundzwanzigjährigen, das ehrgeizige Frühwerk eines der meistgespielten Dramatiker des zwanzigsten Jahrhunderts, eine literarhistorische Entdeckung ersten Ranges.

          Hubert Spiegel

          Redakteur im Feuilleton.

          Jetzt hat das Theater in der Josefstadt mit der Uraufführung von Ödön von Horváths „Niemand“ die Wiener Theatersaison eröffnet. Zuvor soll es Gerangel um die Aufführungsrechte gegeben haben. Den Zuschlag erhielt Herbert Föttinger, der Intendant der Josefstadt, angeblich, weil er weitgehende Texttreue zusicherte. Eigentlich eine Selbstverständlichkeit. Man möchte von einer Uraufführung doch erfahren, was der Autor mit seinem Stück im Sinn hatte.

          In diesem Fall ist die Antwort einfach. Ödön von Horváth, ebenso alt wie Büchner in seinem Todesjahr, wollte alles: gellenden Expressionismus und kälteste Sozialkritik, das Sittenbild und die Kriminalgeschichte, keusche Jungfrauen und lüsterne Huren, reichlich Nietzsche, aber auch ein bisschen Brecht, zarte Sehnsuchtsträume und die schockierende Brutalität der Verhältnisse. Eines wollte er damals indes noch nicht: aus den wie morsches Holz brechenden Seelen seiner Figuren einen Komödienstoff gestalten. „Niemand“ ist das einzige seiner Stücke, das die Bezeichnung „Tragödie“ trägt.

          Aus Mädchen werden Kellnerinnen

          Die sieben Bilder des Stücks spielen alle am selben Ort: im Treppenhaus eines Mietshauses. Walter Vogelweider hat es als expressionistisch angehauchten Belagerungsturm auf die Bühne gestellt, mit Türen, Stufen, Laufgitterfluren. Unten betreibt der „große Wirt“ seine Schänke und die Prostituierte Gilda ihr Geschäft, darüber wohnen das Ehepaar Meyer, eine „uralte Jungfer“ und in der winzigen Mansarde der bettelarme Musiker Klein. Das Haus gehört einem Mann namens Fürchtegott Lehmann, der es auf wackligen Beinchen mit harter Hand regiert. Lehmann ist Vermieter, Pfandleiher, Wucherer und verkrüppelt. Mühsam schleppt er sich auf Krücken vorwärts, aber weil er die Treppen nicht hinunterkann, hat er sich alle Mieter im Haus unterworfen: „Alle Beine wurden mein.“ Die schönsten Beine hat das Mädchen Ursula, das aus Hunger und Not ins Haus kommt, um zusammen mit Gilda auf den Strich zu gehen. Lehmann gibt ihr zu essen, sie wird seine Frau. Und Lehmann, der verbitterte Blutsauger und Tyrann, beschließt, ein besserer Mensch zu werden.

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