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„Jugend ohne Gott“ in Salzburg : Gehenkt werden wir sowieso

Jörg Hartmann in „Jugend ohne Gott“ Bild: dpa

Thomas Ostermeier adaptiert Ödön von Horváths „Jugend ohne Gott“ in Salzburg als Lehrstück. Auch auf der Bühne bleibt der Roman gefangen im eigenen Milieu.

          Wo ist der Zeitgeist? Wer bestimmt ihn? Wie kann man ihn greifen? Der Zeitgeist dominiert die Debatten und weht stets bei den anderen. Man kann ihm nur opportunistisch erliegen oder sich heldenhaft gegen ihn stemmen. So richtig zu fassen kriegt man ihn dabei nie, er ist schließlich ein Geist. Und Geister kann man wohl nur mit geschlossenen Augen sehen.

          Simon Strauß

          Redakteur im Feuilleton.

          Als Ödön von Horváth im Sommer 1937 seinen zweiten Roman „Jugend ohne Gott“ in einem Landgasthof sechzehn Kilometer östlich von Salzburg zu Ende schrieb, waren manch flattrige Geister allerdings schon zu marschierenden Truppen geworden. Die Gleichschaltung nahm ihren Lauf. Führerbefehle wurden als höhere Ordnung akzeptiert. Was im Radio verkündet wurde, galt den meisten als unumstößliche Wahrheit.

          Zu Beginn des Romans wird ein Lehrer wegen des Verdachts der „Sabotage am Vaterland“ zum Schulleiter bestellt. Dass Menschsein nicht von der Hautfarbe abhängt, hatte er den Schülern erklärt. Die protokollieren fortan jeden Satz, werden zu gefährlichen Gesinnungswächtern. Sein Gewissen plagt den Lehrer, aber die Angst um seine Anstellung ist zunächst stärker.

          Das Zeitalter der Fische

          Seine Schüler repräsentieren die Jugend in einer „plebejischen Zeit“. Gehorsamsbereit, ohne kritisches Bewusstsein, mit großem Hass auf alles Andersartige. In einem frühen Vorwort zu seinem (kurz nach Erscheinen in Nazideutschland verbotenen) Buch bezeichnet Horváth die junge Generation seiner Tage als „geistige Analphabeten, die wohl lesen und schreiben können, aber nicht wissen, was sie schreiben, und nicht verstehen, was sie lesen“. Im Roman selbst lässt er in Gestalt des Altphilologen „Julius Caesar“ eine Art Prophetenfigur auftreten, die im spenglerianischen Duktus den Niedergang voraussagt: „Es kommen kalte Zeiten, das Zeitalter der Fische.“

          Verkommen zu pflichtschuldigen Abschreibern, sei das Ideal der Jugend heute der Hohn. Ihre Seelen blieben auch im Angesicht noch so großer Schrecken unbeweglich „wie das Antlitz eines Fisches“. Ursprünglich das Zeichen von christlicher Nächstenliebe, wird der Fisch bei Horváth zum Schreckenssymbol einer unberührbaren, moralisch verrotteten Jugend. Ihren bitterbösesten Repräsentanten findet sie im fischäugigen „T“, der seinen Mitschüler „N“ erschlägt, nur, weil er einmal beobachten möchte, wie es ist, wenn einer stirbt.

          Der namenlose vierunddreißigjährige Lehrer ist die eigentliche Hauptfigur des Romans. Er ist der „ohne Gott“, denn er hat ihn ja einmal gekannt, früher, vor dem alles in Frage stellenden Weltkrieg. Ein wirklicher Widerständler ist dieser Lehrer aber nicht, auch er hängt zum Geburtstag des „Oberplebejers“ seine Fahne aus dem Fenster, auch er lügt aus Feigheit und läuft mit der Masse. „Wir sind alle verseucht“, lässt Horváth ihn einmal sagen, „unsere Seelen sind voller schwarzer Beulen, bald werden sie sterben. Dann leben wir weiter und sind doch tot.“

          In der Bühnenadaption von Thomas Ostermeier und seinem Dramaturgen Florian Borchmeyer wurde diesem düsteren Satz ein führertreuer Monolog hinzugefügt, mit dem der Lehrer dem Publikum seine moralische Doppelbödigkeit zu Beginn des Abends vorführt. Jörg Hartmann spricht seinen Lobpreis auf den Nationalsozialismus in einem schlichten, fast banalen Tonfall, so als hätte er die richtigen Schlüsselbegriffe nur eben für eine mündliche Prüfung auswendig gelernt. Nach und nach zieht er sich dabei um, nimmt die äußere Hülle des anständigen Intellektuellen an, wird zur verantwortlichen Autorität. Aber unter jeder noch so kleinkarierten Weste, so will die Regie uns wissen lassen, steckt in Wahrheit ein opportunistischer Mitläufer. Einer, der im Wesentlichen auch nur ein Mensch ist, der Wert darauf legt, dass seine Krawatte richtig sitzt, und darüber schnell vergisst, dass er eben noch die hungrigen Mädchen hinter den staubigen Fenstern einer Besserungsanstalt bemitleidet hat.

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