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Horvaths „Italienische Nacht“ : Draußen Prolet, drinnen Kapitalist

  • -Aktualisiert am

Unzufriedene Klassenkämpfer: Veronika Bachfischer als Leni und ganz rechts Sebastian Schwarz als Martin Bild: Marcus Lieberenz/bildbuehne.de

Gut gemeint, aber völlig harmlos: Thomas Ostermeier inszeniert Horvaths „Italienische Nacht“ an der Berliner Schaubühne.

          5 Min.

          Wir leben in einer seltsamen Welt. Früher, da standen auf den Toilettenwänden erotische Sprüche, da wurde sich wegen der Frauen gerauft, aber heute geht es immer nur noch um Politik. Jeder meint, etwas Werterhaltendes sagen zu müssen, und im Supermarkt rufen sie jetzt sogar über Lautsprecher zur Toleranz auf – zwischen der Werbung für Frischkäse und dem Ruf nach „Kasse fünf“. Symbole suggerieren Solidarität. Über den Erfolg der Rechten hat sich die Linke zerstritten, kein Tag vergeht, an dem der in die Knie gegangenen Sozialdemokratie nicht noch mal eins mitgegeben würde. Und währenddessen marschieren in den vergessenen Landstrichen die Neonazis auf.

          Als Ödön von Horváths Volksstück „Italienische Nacht“ im März 1931 in Berlin uraufgeführt wurde – die Buchausgabe war bereits 1930 erschienen – hatte die von ihm dramatisierte Wirklichkeit den literarischen Entwurf gerade eingeholt: Am 1. Februar 1931 war Horváth in der Gaststätte Kirchmann im bayrischen Murnau Zeuge einer Saalschlacht geworden, bei der Nationalsozialisten eine sozialdemokratische Versammlung sprengten. In seiner späteren Aussage vor Gericht erklärte er eidesstattlich, dass „der erste Wurf“ eines Bierkruges von Seiten der Faschisten getätigt worden sei. Seine „Italienische Nacht“ erzählt von nichts anderem: Ein geselliger Abend des SPD-Ortsverbands in der Dorfkneipe wird von einem Trupp junger Nationalsozialisten gestört. Während man sich drinnen in gemütlicher Atmosphäre noch über den Grad seiner Fortschrittlichkeit und Moralität streitet, haben sich die Underdogs draußen schon bewaffnet und brüllen los.

          Als Thomas Ostermeiers Horváth-Inszenierung am Wochenende an der Berliner Schaubühne Premiere hatte, war die Wirklichkeit auch hier wieder schneller gewesen. Das „Pack“ von Chemnitz hatte da seine Parolen schon lange skandiert, aber im Foyer saß Didier Eribon immer noch mit Katja Kipping zusammen und ließ sich weise lächelnd zuprosten. Während das, was dann zwei Stunden lang auf der Bühne gezeigt wurde, so bieder und um Relevanz bemüht wirkte wie ein Fernsehfilm im Rahmen einer ZDF-Sondersendung über die dunklen Machenschaften der Geheimdienste. Gut gemeint, aber völlig harmlos.

          Verteidigung des „Pantoffelsozialismus“

          Der Schauspieler Sebastian Schwarz, der seit einiger Zeit bei der „Aufstehen“-Bewegung aktiv ist (F.A.Z vom 14. November) spielt in der Rolle des linken Jung-Revolutionärs Martin gewissermaßen sich selbst beziehungsweise seinen eigenen politischen Bewusstseinswandel. Als ehemaliges SPD-Mitglied repräsentiert der „Überläufer“ Schwarz genau das, was der junge Marxist Martin bei Horvath darstellt: die Hoffnung beziehungsweise Gefahr einer Aufspaltung der Linken. Mit Lederjacke, Jeans und Wiener Wurst zwischen den Zähnen versucht Schwarz sein Mögliches, um uns den aufrecht unzufriedenen Proletarier glaubhaft vorzuführen.

          Von der realexistierenden Kneipenausstattung (Bühne: Nina Wetzel) an Authentizität übertroffen, wirkt er mit seiner nie wirklich zum Ausbruch gelangenden Wut gegen die Parteioberen allerdings eher wie ein verhinderter Aufrührer. Einer, der seine Freundin auf „den politischen Strich“ schickt, um beim Feind zu spionieren. Seinen parteiinternen Konkurrenten, den Stadtrat Ammetsberger, spielt Hans-Jochen Wagner als gesinnungsloses Mitglied der Toskana-Fraktion, der – „draußen Prolet, drinnen Kapitalist“, wie seine Frau bissig sagt – die Gemütlichkeit seines Pantoffelsozialismus um jeden Preis verteidigen will. Er repräsentiert das politische Spießertum, das lieber Kartenspielen und in Sozialkitsch schwelgen als seine Frauen anständig behandeln und den wirklichen Gefahren der Zeit ins Auge sehen will.

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