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Bochumer Schauspielhaus : Die Seelenkämpferin

  • -Aktualisiert am

Maria Galic als Marianne Bild: Lalo Jodlbauer

Karin Henkel inszeniert am Bochumer Schauspielhaus Ödön von Horváths „Geschichten aus dem Wiener Wald“. Vor allem Maria Galic überzeugt als unzerstörbare Marianne.

          4 Min.

          Es ist nur ein Zucken mit den Schultern, ein kurzes Hoch und Runter der Arme, eine Gewohnheitsbewegung, aber sie fasst diese Person ganz. Gibt ihr eine besondere Bedeutung. Mariannes Schulterzucken allein auf leerer Bühne zeigt, um wen es heute Abend geht: Nicht um eine Missbrauchte, kein Opfer der Umstände, sondern um eine, die dem Schicksal die Stirn bieten will. Aus ihren dunkel umschatteten Augen glüht – mühsam gebändigt – flammender Stolz. Sie weiß, dass sie eigentlich staunen sollte und sich fürchten, aller Welt die Schläge zeigen, die sie in ihrem Leben erlitten hat: Mit dem falschen Mann verlobt, mit dem falschen Mann geflüchtet, kein Geld, eine verlorene Vaterliebe und noch ein Kind, das man ihr wegnimmt und sterben lässt. Aber hier steht sie kerzengerade, die Hüfte leicht nach vorne geschoben, die Handflächen herausfordernd nach außen gestreckt, als wollte sie sagen: „Kommt her, wenn ihr Euch traut. Schlagt mich. Tretet mich. Ich werde immer so dastehen. Und meinen Kopf nicht beugen.“

          Marina Galic spielt diese Marianne als eine Widerstandskämpferin. Sie, die als arme, von den Männern missbrauchte Tochter eines Scherzartikelhändlers sonst oft großes Mitleid erregt, die von Ödön Horváth als Inbegriff der unschuldig Guten angelegt ist, die von den moralischen Sauereien um sie herum beschmutzt wird – sie tritt in Bochum mit mühsam unterdrückter Abscheu für ihre Umwelt auf. Nicht Verzweiflung, sondern Verachtung bestimmt ihr Gemüt. Schon ganz zu Anfang, wenn sie im gesteiften Reifrock inmitten von blutigen Plastikplanen und verstreuten Schweinsgedärmen an den Bühnenrand tritt und mit weit aufgerissenem Mund das berühmte Lied von der „Wachau“ singt, wo die Donau so blau fließt und ein Mädel so rote Lippen hat, wirkt sie wie eine stimmungsschwankende Souveränin.

          Eine, die ohne mit der Wimper zu zucken in die Tiefkühltruhe steigt und sich am Tag der Hochzeit von ihrem Verlobten trennt. Von ihm, Oskar – feinfühlig gespielt von Mourad Baaiz – dem sie oft befohlen hat, er solle nicht „so in sie hineinbohren“, der aber der immer weiter bohrt und an ihrer Seele herumschnüffelt. Die Furcht vor der dumpfen Dummheit treibt sie aus seinen Armen. Die Skepsis gegenüber dem Fortschritt entfacht in ihr die Sehnsucht nach einem anderen Typus Mann: „Ach, wir armen Kulturmenschen, was haben wir nur aus unserer Natur gemacht?“

          Souveräne, gelassene Regie

          Auf die Natur mehr als auf die Kultur setzt Alfred, ein junger Machomann mit Hang zu scharfen Messern und schnellen Pferden. Ulvi Teke spielt ihn mit wild schlackernden Armen und Beinen wie eine Voodoo-Puppe, die von fremder Hand gesteuert wird. Ihn, im Stück das Sinnbild morallosen Unheils und böser Lüge, lässt die Regisseurin Karin Henkel in Bochum wie einen kindlichen Gaunerjungen auftreten, der am Ende am liebsten in Mutters Schoß sitzt. Daneben stehen der von Bernd Rademacher leicht sarkastisch angelegte „Zauberkönig“, Mariannes enttäuschter Vater, der die ganze Menschheit „reif für die Sintflut“ hält und Erich, der von Marius Huth eindrucksvoll klischeelos gegebene Jungnazi, der von großen „Aufräumaktionen“ und verlorenem Heimatgefühl schwadroniert.

          Henkel führt eine souveräne, gelassene Regie. Ohne Hektik entwickelt sie die Szenen, baut nur manchmal etwas effektvolle Bilder, gleitet aber im Ganzen umsichtig durch von Horváths 1931 in Berlin uraufgeführtes Volksstück. Es gibt nach anderthalb Stunden eine Pause und dann dasselbe kreisförmig schlichte Bühnenbild. Auch die Ausstattung ist so reduziert wie möglich, um sich ganz auf die Stimmung zu konzentrieren, die nicht an gerade verklungene Walzerklänge denken lässt, wie es die Regieanweisung will, sondern an eine eben vorbei geruckelte Geisterbahn. Immer wieder treten Thomas Anzenhofer und Gina Haller als zwei düstere, Horváths viele Nebenfiguren repräsentierende „Gestalten“ auf, die hinter Gruselmasken versteckt das Geschehen kommentieren. Auch Karin Moogs Trafikantin Valerie beeindruckt als trunksüchtige Frau um die fünfzig, die im Altern die eigentliche Tragödie der Menschheit sieht. Aber aus allen Figuren sticht Marianne hervor. Lachend steht sie im kalten Wasser und begegnet den vielfältigen Beleidigungsarien und Moralsauereien der Anderen mit einfachen Glaubenssätzen: „Die Sterne werden noch droben hängen, wenn wir drunten liegen“ oder: „Oben webt das Schicksal Knoten in unsere Leben“.

          Marina Galic‘ Marianne ist eine Unzerstörbare. Statt Verzweiflung und Angst umgibt sie eine Aura des Ungenügens. Sie kann die Menschen nicht ernst nehmen, ihr raues Getue und albernes Fluchen langweilt sie. Um Geld zu verdienen, arbeitet sie in einer Animierbar, lässt aber dort die Hüllen mit so viel Verachtung fallen, dass keiner auf die Idee kommen kann, sie zu bemitleiden. Im Gegenteil steht hier eine Person vor uns, die kerzengerade ins schiefe Leben gebaut ist. Ungerührt von Gottes Schweigen auf ihre Frage, was er mit ihr vorhabe, glaubt sie fest daran, dass „sie noch einmal Glück haben wird“. Und erst als dieser Glaube enttäuscht wird, als man ihr das tote Kind in den Arm legt und sie mit leiser Stimme fast vorwurfsvoll sagt: „Ihr sollt mich nicht immer quälen“, überfällt sie eine skeptische Traurigkeit. Jetzt wird ihr wacher Blick auf einmal schwer, die schwarz gefärbten Lider senken sich, die Hände liegen eng am Körper wie, um ihn vor dem Auseinanderbrechen zu bewahren und langsam, widerwillig, fast wie unter Zwang formt ihr Mund den unvermeidlichen Satz: „Ich kann nicht mehr“.

          Mit ihrer konzeptuell zurückhaltenden, atmosphärisch präzisen Inszenierung der „Geschichten aus dem Wiener Wald“ setzt Karin Henkel eine Regieform fort, die nach dem Suspense sucht und im Spiel das Eigenartige, Unheimliche betont. Wie ihre gefeierte „Rose Bernd“ Inszenierung bei den Salzburger Festspielen 2017 sind auch diese Bochumer „Geschichten“ ein großartiger Wirkungsbeweis des Theaters. Vor unseren Augen stemmt sich eine Seelenkämpferin gegen ihr Schicksal, dreht und dehnt sich, küsst und kratzt, strippt, stiehlt und lässt sich verhaften und legt am Ende schwarze Erdklumpen auf das bleiche Gesicht ihres toten Kindes. Marina Galic, die im wirklichen Leben Anfang vierzig ist und vielleicht gerade deshalb in ihrem Bühnenleben als junges Mädchen so unverletzlich, so unberührbar wirkt, spielt hinreißend. An sie wird man sich erinnern. An ihr einsames Schulterzucken. An ihre gefasste Traurigkeit, die trotz allen Unglücks bis zum Schluss stolz bleibt. Auch jetzt noch kein Mitleid will. Von Nichts und von niemandem.

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