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Bochumer Schauspielhaus : Die Seelenkämpferin

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Maria Galic als Marianne Bild: Lalo Jodlbauer

Karin Henkel inszeniert am Bochumer Schauspielhaus Ödön von Horváths „Geschichten aus dem Wiener Wald“. Vor allem Maria Galic überzeugt als unzerstörbare Marianne.

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          Es ist nur ein Zucken mit den Schultern, ein kurzes Hoch und Runter der Arme, eine Gewohnheitsbewegung, aber sie fasst diese Person ganz. Gibt ihr eine besondere Bedeutung. Mariannes Schulterzucken allein auf leerer Bühne zeigt, um wen es heute Abend geht: Nicht um eine Missbrauchte, kein Opfer der Umstände, sondern um eine, die dem Schicksal die Stirn bieten will. Aus ihren dunkel umschatteten Augen glüht – mühsam gebändigt – flammender Stolz. Sie weiß, dass sie eigentlich staunen sollte und sich fürchten, aller Welt die Schläge zeigen, die sie in ihrem Leben erlitten hat: Mit dem falschen Mann verlobt, mit dem falschen Mann geflüchtet, kein Geld, eine verlorene Vaterliebe und noch ein Kind, das man ihr wegnimmt und sterben lässt. Aber hier steht sie kerzengerade, die Hüfte leicht nach vorne geschoben, die Handflächen herausfordernd nach außen gestreckt, als wollte sie sagen: „Kommt her, wenn ihr Euch traut. Schlagt mich. Tretet mich. Ich werde immer so dastehen. Und meinen Kopf nicht beugen.“

          Marina Galic spielt diese Marianne als eine Widerstandskämpferin. Sie, die als arme, von den Männern missbrauchte Tochter eines Scherzartikelhändlers sonst oft großes Mitleid erregt, die von Ödön Horváth als Inbegriff der unschuldig Guten angelegt ist, die von den moralischen Sauereien um sie herum beschmutzt wird – sie tritt in Bochum mit mühsam unterdrückter Abscheu für ihre Umwelt auf. Nicht Verzweiflung, sondern Verachtung bestimmt ihr Gemüt. Schon ganz zu Anfang, wenn sie im gesteiften Reifrock inmitten von blutigen Plastikplanen und verstreuten Schweinsgedärmen an den Bühnenrand tritt und mit weit aufgerissenem Mund das berühmte Lied von der „Wachau“ singt, wo die Donau so blau fließt und ein Mädel so rote Lippen hat, wirkt sie wie eine stimmungsschwankende Souveränin.

          Eine, die ohne mit der Wimper zu zucken in die Tiefkühltruhe steigt und sich am Tag der Hochzeit von ihrem Verlobten trennt. Von ihm, Oskar – feinfühlig gespielt von Mourad Baaiz – dem sie oft befohlen hat, er solle nicht „so in sie hineinbohren“, der aber der immer weiter bohrt und an ihrer Seele herumschnüffelt. Die Furcht vor der dumpfen Dummheit treibt sie aus seinen Armen. Die Skepsis gegenüber dem Fortschritt entfacht in ihr die Sehnsucht nach einem anderen Typus Mann: „Ach, wir armen Kulturmenschen, was haben wir nur aus unserer Natur gemacht?“

          Souveräne, gelassene Regie

          Auf die Natur mehr als auf die Kultur setzt Alfred, ein junger Machomann mit Hang zu scharfen Messern und schnellen Pferden. Ulvi Teke spielt ihn mit wild schlackernden Armen und Beinen wie eine Voodoo-Puppe, die von fremder Hand gesteuert wird. Ihn, im Stück das Sinnbild morallosen Unheils und böser Lüge, lässt die Regisseurin Karin Henkel in Bochum wie einen kindlichen Gaunerjungen auftreten, der am Ende am liebsten in Mutters Schoß sitzt. Daneben stehen der von Bernd Rademacher leicht sarkastisch angelegte „Zauberkönig“, Mariannes enttäuschter Vater, der die ganze Menschheit „reif für die Sintflut“ hält und Erich, der von Marius Huth eindrucksvoll klischeelos gegebene Jungnazi, der von großen „Aufräumaktionen“ und verlorenem Heimatgefühl schwadroniert.

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