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Bochumer Schauspielhaus : Die Seelenkämpferin

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Henkel führt eine souveräne, gelassene Regie. Ohne Hektik entwickelt sie die Szenen, baut nur manchmal etwas effektvolle Bilder, gleitet aber im Ganzen umsichtig durch von Horváths 1931 in Berlin uraufgeführtes Volksstück. Es gibt nach anderthalb Stunden eine Pause und dann dasselbe kreisförmig schlichte Bühnenbild. Auch die Ausstattung ist so reduziert wie möglich, um sich ganz auf die Stimmung zu konzentrieren, die nicht an gerade verklungene Walzerklänge denken lässt, wie es die Regieanweisung will, sondern an eine eben vorbei geruckelte Geisterbahn. Immer wieder treten Thomas Anzenhofer und Gina Haller als zwei düstere, Horváths viele Nebenfiguren repräsentierende „Gestalten“ auf, die hinter Gruselmasken versteckt das Geschehen kommentieren. Auch Karin Moogs Trafikantin Valerie beeindruckt als trunksüchtige Frau um die fünfzig, die im Altern die eigentliche Tragödie der Menschheit sieht. Aber aus allen Figuren sticht Marianne hervor. Lachend steht sie im kalten Wasser und begegnet den vielfältigen Beleidigungsarien und Moralsauereien der Anderen mit einfachen Glaubenssätzen: „Die Sterne werden noch droben hängen, wenn wir drunten liegen“ oder: „Oben webt das Schicksal Knoten in unsere Leben“.

Marina Galic‘ Marianne ist eine Unzerstörbare. Statt Verzweiflung und Angst umgibt sie eine Aura des Ungenügens. Sie kann die Menschen nicht ernst nehmen, ihr raues Getue und albernes Fluchen langweilt sie. Um Geld zu verdienen, arbeitet sie in einer Animierbar, lässt aber dort die Hüllen mit so viel Verachtung fallen, dass keiner auf die Idee kommen kann, sie zu bemitleiden. Im Gegenteil steht hier eine Person vor uns, die kerzengerade ins schiefe Leben gebaut ist. Ungerührt von Gottes Schweigen auf ihre Frage, was er mit ihr vorhabe, glaubt sie fest daran, dass „sie noch einmal Glück haben wird“. Und erst als dieser Glaube enttäuscht wird, als man ihr das tote Kind in den Arm legt und sie mit leiser Stimme fast vorwurfsvoll sagt: „Ihr sollt mich nicht immer quälen“, überfällt sie eine skeptische Traurigkeit. Jetzt wird ihr wacher Blick auf einmal schwer, die schwarz gefärbten Lider senken sich, die Hände liegen eng am Körper wie, um ihn vor dem Auseinanderbrechen zu bewahren und langsam, widerwillig, fast wie unter Zwang formt ihr Mund den unvermeidlichen Satz: „Ich kann nicht mehr“.

Mit ihrer konzeptuell zurückhaltenden, atmosphärisch präzisen Inszenierung der „Geschichten aus dem Wiener Wald“ setzt Karin Henkel eine Regieform fort, die nach dem Suspense sucht und im Spiel das Eigenartige, Unheimliche betont. Wie ihre gefeierte „Rose Bernd“ Inszenierung bei den Salzburger Festspielen 2017 sind auch diese Bochumer „Geschichten“ ein großartiger Wirkungsbeweis des Theaters. Vor unseren Augen stemmt sich eine Seelenkämpferin gegen ihr Schicksal, dreht und dehnt sich, küsst und kratzt, strippt, stiehlt und lässt sich verhaften und legt am Ende schwarze Erdklumpen auf das bleiche Gesicht ihres toten Kindes. Marina Galic, die im wirklichen Leben Anfang vierzig ist und vielleicht gerade deshalb in ihrem Bühnenleben als junges Mädchen so unverletzlich, so unberührbar wirkt, spielt hinreißend. An sie wird man sich erinnern. An ihr einsames Schulterzucken. An ihre gefasste Traurigkeit, die trotz allen Unglücks bis zum Schluss stolz bleibt. Auch jetzt noch kein Mitleid will. Von Nichts und von niemandem.

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