https://www.faz.net/-gqz-9ykqo

Klassische Musik streamen : Videos sind keine Lösung

So könnte es gehen: Der Geiger Daniel Hope bei einem seiner Wohnzimmerkonzerte Bild: obs

Livestream auf der Couch statt Konzertsaal? Die Corona-Krise verändert unseren Umgang mit Musik. Professor und Autor Holger Noltze über Sinn und Unsinn von Livestreams und über die digitale Zukunft klassischer Musik.

          4 Min.

          Haben sich die Zugriffszahlen auf takt1 erhöht seit Einsetzen der Corona-Krise?

          Jan Brachmann

          Redakteur im Feuilleton.

          Ja, deutlich, das merken wir. Die Nutzung von Videostreams hat einen Aufschwung genommen, nicht nur bei uns. Viele Leute spüren jetzt das Bedürfnis, auf digitalem Weg erleben zu können, was ihnen analog fehlt. Natürlich ist es momentan nicht einfach, weiter LiveKonzerte anzubieten, die kreativ auf den Moment reagieren und kurativ betreut werden. Das Interesse dafür ist gleichwohl da und ebenso eine große Dankbarkeit.

          Streamingdienste gibt es schon lange. Worin liegt die neue Qualität jetzt?

          Einmal ganz banal: Die Menschen haben mehr Zeit. Ich war immer schon der Meinung: Über das Audiostreaming müssen wir nicht mehr diskutieren. Das ist allgegenwärtig. Die Zuwachszahlen der Streamingdienste sprechen für sich. Mich hat immer gewundert, dass das Videostreaming demgegenüber eine noch marginale Rolle spielte. Selbst die größeren Anbieter wie Medici-TV sind immer noch klein, gemessen an Audio-Plattformen und daran, dass klassische Musik ein weltweites Thema ist und sich ein doch nicht unbeträchtlicher Prozentsatz der Menschheit dafür interessiert. Ich habe diese Randständigkeit des Videostreamings immer auf noch mangelnde Gewöhnung geschoben. Wir sind so verwöhnt durch die geographische Dichte unserer Konzerthäuser in Deutschland, durch das Angebot öffentlich-rechtlicher Kanäle, dass wir uns kaum genötigt sehen, auf Video-Streams zuzugreifen.

          Es ist ja nicht zuletzt auch eine wirtschaftliche Frage, ob sich Video-Streams überhaupt tragen.

          Genau. Entscheidend ist, ob es möglich sein wird, Bezahldienste auf Dauer zu etablieren, die auch für eine bestimmte Qualität stehen. Wenn so viele Inhalte frei ins Netz gestellt werden, wird es schwierig, für Angebote Geld zu verlangen, auch wenn die mehr bieten. Das Schlüsselmoment ist die Übung. Dass man sich sagt: „Ich setz mich jetzt hin; wenn ich live dabei sein will, muss ich mir die Uhr stellen. Und dann bin ich dabei.“ Inzwischen merken wir, dass dieses digitale Live-Dabeisein nicht nur Ersatz für einen Verlust ist, das wir mit dem physischen Live-Dabeisein abgleichen müssen, sondern wie faszinierend es ist, im Moment mitzuerleben, ob ein Stück Kunst gelingt oder nicht. Das ist doch noch etwas anderes, als sich ein Stück aus der Mediathek anzuschauen. Es geht um eine ästhetische Erfahrung eigener Art.

          Holger Noltze ist Professor für Musik und Medien an der TU Dortmund und Mitbegründer der Online-Plattform takt1.de.

          Es gibt gegenwärtig mehrere Konzert-Livestreams: von Igor Levit, Daniel Hope, dem Magazin „concerti“. Da bereits immense Mengen klassischer Musik rings um uns digital verfügbar sind, frage ich mich: Was geht da eigentlich vor? Sind das bloße Simulationen von Nähe, verzweifelte Versuche, sichtbar zu bleiben, Strategien, um aus der Not Kapital zu schlagen, nämlich Aufmerksamkeit? Oder geht es da wirklich um etwas Dringliches?

          Ich glaube, es hat all diese Aspekte. Weil jemand zu Hause für uns spielt und es nichts kostet, ist es deshalb nicht schon sehr gut. Da hat die Sängerin Simone Kermes mit ihrem Spott, Corona würde auch dazu benutzt, für sich selbst Reklame zu machen, durchaus einen Punkt getroffen. Aber ebenso antworten diese Streams auf das Bedürfnis, dass überhaupt etwas live passiert, das Bedürfnis nach Nähe, wenn Sie so wollen: emphatischer Kommunikation. Und ich schaue in das Wohnzimmer eines Künstlers, den ich sehr schätze. Doch das sind Effekte, die sich bald verlieren werden. Dann stellt sich die Frage nach Qualität. Eine Überfülle von schlecht gemachten Handy-Videos hilft auf Dauer niemandem. Man muss also nach der Qualität und nach der künstlerischen Notwendigkeit differenzieren. Die Ausweitung von Mittelmaß kann es nicht sein. Irritierend finde ich diesen medialen Kampf um awareness, um ein Wahrgenommenwerden schon.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Nach Tod von George Floyd : Die Wut wächst

          Tausende Menschen sind in London, Berlin und Kopenhagen wegen des gewaltsamen Tods des Afroamerikaners George Floyd auf die Straße gegangen. In Amerika eskaliert die Lage weiter. Donald Trump macht die Antifa verantwortlich – und will sie als Terrororganisation einstufen lassen.

          Öffnung der Gastronomie : Als das Krisengefühl verschwand

          Früher galten die Deutschen als Stubenhocker. Doch in der Krise zeigt sich, was sonst nicht ins Bewusstsein dringt: Die Gastronomie ist systemrelevant. Seit wann ist das eigentlich so? Über die erstaunliche Bedeutung einer Leitbranche.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.