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Beethovenwoche in Bonn : Pucks Kondensstreifen

Das Beethovenhaus in Bonn veranstaltet die Beethovenwoche. Die Konzerte sind im Nachbarhaus. Bild: dpa

Bei der Beethovenwoche in Bonn haben Tabea Zimmermann und Luis Gago „Beethoven pur“ aufs Programm gesetzt. Es ist ein gut gelaunter Intensivkurs in Kammermusik und schon jetzt ein Höhepunkt des Jahres.

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          Das Publikum fliegt von den Sitzen zum Applaus. Was für ein Werk! Alle, denen die Musik eben in die Glieder fuhr, die Hörer im Hermann-Josef-Abs-Saal in Bonn und die Spieler auf der Bühne, sind berauscht und doch hellwach. Was haben wir da eigentlich gehört? Das Finale hatte gar kein Thema. Es fing an mit gequirlter Luft: Nur Girlanden der ersten Violine überm Tremolo der übrigen Streicher, aber eine Harmonik, die sich in die Kurven legte wie ein Bob auf der Abfahrt. Thematisch alles nur Ankündigung, nirgends Erfüllung. Dann aber, in denkbar größtem Gegensatz zu dieser Luftigkeit, ein fest gefügtes, zugleich waghalsiges Fugato im strammen Marschschritt. Nach erneutem Wirbelwind plötzlich ein pompöses Menuett mit himmelwärts gerecktem Kinn, gelüpfter Augenbraue und einem rumsenden Basta-Akkord. Und dann? Zerstiebender Funkenflug und Pucks Kondensstreifen vor den Augen der Gefoppten.

          Jan Brachmann

          Redakteur im Feuilleton.

          Ludwig van Beethovens Streichquintett in C-Dur op. 29, geschrieben von einem Dreißigjährigen im Vollgefühl seiner Kräfte, ist ein Stück, das staunen macht. Und kaum jemand kennt es. Die Zahl der Einspielungen ist rar. Die Bratschistin Tabea Zimmermann, die hier in Bonn am Beethovenhaus die künstlerische Leitung der Beethovenwoche gemeinsam mit Luis Gago verantwortet, hat das Quintett an diesem Abend zum ersten Mal in ihrem Leben gespielt, zusammen mit dem Armida-Quartett. „Ich kann das gar nicht begreifen“, sagt sie, „jetzt spiele ich seit dreißig Jahren Kammermusik auf allen möglichen Festivals und bin diesem Quintett noch nie begegnet. Ich bin wirklich schockiert darüber“. Aber genau das ist die Folge der steten Konzentration des Konzertlebens auf kanonische Hauptwerke oder Werkgruppen bei Beethoven, der Überbewertung der Klaviersonaten und Streichquartette mit einhergehender Abwertung dieses überragenden C-Dur-Quintetts als „Werk des Übergangs zwischen den Quartetten op. 18 und op. 59“ einerseits und andererseits des dünkelhaft kultivierten Beethoven-Überdrusses bei Betriebseliten, die sich selbst als „kritisch“ vermarkten, indem sie vorgeben, Beethoven hinterfragen, übermalen und mit anderer Kunst konfrontieren zu müssen, statt sich einmal mit seiner Musik selbst auseinanderzusetzen.

          Tabea Zimmermann und Luis Gago haben stattdessen „Beethoven pur“ aufs Programm gesetzt: die komplette Kammermusik von Ludwig van Beethoven in Zusammenstellungen, die etwas erhellen und zugleich luxuriös sind. Luxuriös ist nämlich die Programmierung von Werken verschiedener Besetzung an einem Abend. Dass man das Streichquartett op. 95, die Sonate für Klavier und Violine op. 96 und das Trio für Klavier, Violine und Violoncello op. 97 unmittelbar hintereinander im Konzert hören konnte, wie am 18. Januar, das ist meistens aus Kostengründen gar nicht möglich, weil man dazu verschiedene Ensembles gleichzeitig einladen muss.

          Erhellend aber war etwa die Kombination dreier Werke in Es-Dur aus unterschiedlichen Zeiten, zwischen denen jeweils fünfzehn Jahre liegen: des Streichtrios op. 3, des Quartetts op. 74 und des Quartetts op. 127, gespielt vom Edding Quartet. Man hat hier am 1. Februar erleben können, wie unterschiedlich Beethoven Musik als kommunikativen Austausch, als Dialog begriff. Im frühen Trio zeigt er sich als Causeur mit Esprit, der sich auf die mit Bonmots gespickte Konversation des adligen Salons versteht: höflich, virtuos, pointiert, im Finale – das konnte der Geiger Baptiste Lopez manchem Handicap zum Trotz lebhaft zeigen – sprudelnd vor Witz und Wagnis. Das Streichquartett op. 74 hingegen sucht eine Intimität, für die der Salon bereits zu groß ist. Der wunderbare erste Satz hat die Dramaturgie einer Begegnung, bei der das Wichtigste erst kurz vor der Trennung gesagt wird: In der Coda nämlich bricht Unterdrücktes, lang Verborgenes mit der überwältigenden Wucht eines Geständnisses hervor.

          Das späte Quartett op. 127 wirkt dagegen wie eine fröhliche Mission sozialer Teilhabepädagogik. Beethoven erweitert den Diskursfähigkeitshorizont der elitären Gattung „Streichquartett“ über den Kreis verständiger Kenner hinaus: Mitreden dürfen jetzt auch die „Unvernünftigen“, die keinen Kant gelesen haben, vielleicht sogar überhaupt nicht lesen können, denen das Sprechen in vollständigen Sätzen schwerfällt, die sich auch nicht zu benehmen wissen. „Murky-Bässe“ der Folklore (um-ta, um-ta, um-ta, um-ta) platzen ungeschlacht ins Geschehen, „falsche“ Töne blöken in den Satz hinein, bei denen es sich eigentlich um den Grundton handelt, der nur schräg harmonisiert wurde. Beethoven feiert das alles als Utopie wechselseitiger sozialer Zuwendung. Es herrscht ziemlich gute Laune in diesem Chaos und ein Vertrauen darauf, dass man schon miteinander klarkommen wird.

          Das Armida Quartett und Tabea Zimmermann am 2. Februar 2020 im Hermann-Josef-Abs-Saal des Beethovenhauses Bonn: Sie spielen Beethovens Streichquintett op. 29.

          Tabea Zimmermann beschreibt diese Beethovenwoche, die noch bis zum 9. Februar weitergeht, als „Intensivkurs“ und als „unglaubliche Bereicherung“ für sich selbst. Als sie die Trillerketten in den ersten Klaviertrios op. 1 hörte, merkte sie plötzlich, wie viel vom Spätwerk, den letzten Klaviersonaten, schon im Frühwerk angelegt sei. Und dann der Humor! „Beethoven ist unglaublich komisch – und zwar in ganz unerwarteten Momenten“, sagt sie. Wenn im Adagio des C-Dur-Quintetts nach all dem strömenden Lyrismus, den blütenstaubzarten Quintfallsequenzen mit ihren schimmernden Septimen und Nonen und dem schockierenden Einbruch einer ganz dramatischen Coda plötzlich lakonische, im Takt verschobene, leise Kadenzakkorde kommen, dann ist das für sie eine besondere Pointe. „Da rupft’s mich jedes Mal, und ich muss an mich halten, dass ich nicht laut loslache“, sagt sie. Und es gelingt ihr mit dem erfrischenden Armida-Quartett auch, diese Erfahrung aufs Publikum zu übertragen. Schon jetzt ist dieses Festival ein Höhepunkt des Beethovenjahres.

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