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Hochhuth-Uraufführung : Hitlers Köchin, Dichters Tod

  • -Aktualisiert am

Wie unter einem Brennglas: Wolfgang Bahro als Hitler, Eva Maria Kölling als Fräulein von Exner und Manfred Kloss als Prof. Dr. Theo Morell Bild: Bimah

Den Diktator in seinem darmgasgetriebenen Wahnsinn zeigen: Regisseur Dan Lahav inszeniert am Jüdischen Theater Berlin die Uraufführung von Rolf Hochhuths Einakter „Gasherd und Klistiere“.

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          Diesmal erschien Rolf Hochhuth zwar wieder mit seinem strahlend grünen Premierenschlips, aber nicht, wie sonst zumeist, auf dem Fahrrad, sondern per Taxi. Immerhin wird er heute, am 1. April, achtzig Jahre alt, und immerhin liegt das Bimah, das Jüdische Theater Berlin, tief im bekanntesten Problembezirk der Hauptstadt. Das Kopfsteinpflaster der zugehörigen Neuköllner Straße ist schadhaft, die Bürgersteige sind angeschlagen. Zum Frühjahrsputz wurden unter dem Motto „Hundekacke Attacke“ alle dementsprechenden Hinterlassenschaften mit neongrellem Spray markiert.

          So läuft man zu dem kleinen Theater zwischen Sportwetten-Läden, dem „Restposten Center“ und dem Friseursalon mit „Oriental Hairstyling“ wie über einen bunten Flickenteppich. Quer durch den Hinterhof geht es in das bald volle Foyer, durch das regelmäßig ein stämmiger Mann mit hellem Jackett und breit gestreifter Krawatte zum ebenso breit gestreiften Hemd eilt, hier Hände schüttelt, dort Küsschen verteilt. Es ist der 1946 in Israel geborene Schauspieler und Regisseur Dan Lahav, der 2001 das Bimah, die erste jüdische Bühne in Berlin nach dem Zweiten Weltkrieg, gründete und seit damals leitet. Er inszeniert jetzt auch die Uraufführung der beiden 2002 veröffentlichten Einakter „Gasherd und Klistiere oder Die Urgroßmutter der Diätköchin“ von Rolf Hochhuth.

          Die Verdauungsstörungen Adolf Hitlers

          Wie unter einem Brennglas erzählen sie als Requiem und als Posse zwei Begebenheiten aus dem Dritten Reich, in denen sich dessen furchtbare Verhältnisse exemplarisch bündeln. Zugute kommt den eher knappen Dramen, dass sich Hochhuth mit beredten Momentaufnahmen begnügte und nicht, wie häufig, zum geschwätzigen Rundumschlag gegen alle Welt ausholte. Zunächst wird das Schicksal des evangelischen Schriftstellers Jochen Klepper skizziert, der 1942 mit seiner jüdischen Frau Johanna und deren Tochter Renate Selbstmord beging. Dann werden die Verdauungsstörungen Adolf Hitlers thematisiert, samt der Tatsache, dass ihn weder sein Hausarzt Theodor Morell noch ein Kammerdiener je nackt sahen und er schließlich seiner geschätzten Diätköchin Magdalena von Exner als „Achteljüdin“ kündigte.

          Die Bühne ist eng und wird mit spärlichen Dekorationen als Küche und als Führerhauptquartier „Wolfsschanze“ hergerichtet. Schlichte Requisiten, wenig Scheinwerfer, kaum Technik: Es ist ein armes Theater, und eigentlich sind ihm die Konflikte, die es diesmal zeigen will, viel zu groß. Doch da Dan Lahav und sein Ensemble sie wirklich ernst nehmen, wird alles andere schnell nebensächlich.

          Staunen und Schrecken der Nachgeborenen

          Helga Seebacher als Johanna Klepper, Hilde Haberland als Renate, Eva-Maria Kölling als Magdalena von Exner, Hannes Ducke als Klepper, Manfred Kloss als Dr. Morell, Markus Riexinger als Erzähler und Wolfgang Bahro als Hitler spielen nicht nur einfach und engagiert die oft trocken vor sich hin raschelnden Sätze vom Blatt, sondern mischen auch immer das Staunen und den Schrecken der Nachgeborenen darunter. Weil sie sich trotz der Begrenztheit ihrer Mittel und der Texte nicht aus der Geschichte heraushalten, ziehen sie das Publikum ganz unangestrengt mit hinein.

          Beklemmend die stille Konsequenz, mit der sich die Kleppers überaus gefasst zur selbst zubereiteten Henkersmahlzeit setzen und sogar noch das Geschirr spülen, ehe sie sich fein ankleiden und den Gashahn aufdrehen. In „Klistiere“ wird es zwar grotesk, aber nicht albern, etwa wenn der Arzt und die Köchin genau wie Hitler die Hände vorm Unterleib falten oder wenn sie winkend und jubelnd das deutsche Volk vortäuschen, von dem der Diktator in seinem darmgasgetriebenen Wahnsinn phantasiert. Und so gelingt Dan Lahav mit dem Jüdischen Theater in aller Bescheidenheit das Kunststück, Rolf Hochhuths Recherche-Dramatik bewegend und unaufwendig lebendig werden zu lassen.

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