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Musik und Erotik : Erregung, Verzögerung, Höhepunkt

Schon in der „Odyssee“ stand ihr Gesang für die Verheißung von Lust und den - zumindest „kleinen“ - Tod: „Sirene“, gemalt von Max Klinger 1895. Bild: akg-images

Die Hirnforschung bestätigt es: Musik hat viel mit Erotik und Sex zu tun. Doch das Verhältnis ist raffiniert, und die Codes des Glücks wollen erlernt werden.

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          In Bo Widerbergs Film „Schön ist die Jugendzeit“ von 1995 gibt es eine hochgradig verdichtete Szene, die ebenso lustig wie tragisch, ebenso einleuchtend wie voraussetzungsreich ist. Der Dessoushändler Kjell, der recht schnell begriffen hat, dass seine Frau Viola eine Affäre mit ihrem fünfzehnjährigen Englischschüler Stig hat, führt diesen minderjährigen Liebhaber seiner Frau in die Welt der klassischen Musik ein und stellt ihm eines Tages nebenbei eine seiner zahlreichen mechanischen Erfindungen vor. Während die beiden Männer am Küchentisch sitzen und die Fantasie-Ouvertüre „Romeo und Julia“ von Peter Tschaikowsky hören, öffnet sich die Klappe der Kuckucksuhr an der Wand, völlig synchron zum Aufwärtslauf des Orchesters, und genau mit dem Einsatz der Reprise des Liebesthemas sieht man, wie der Kuckuck aus seinem Schnabel hinab in ein tiefer gehaltenes Schnapsglas in rhythmischen Stößen Wodka ejakuliert.

          Jan Brachmann
          Redakteur im Feuilleton.

          Der wortlose Bildwitz dieser Szene setzt einiges an Kenntnis und Erfahrung voraus. Er ist explizit sexuell, hat aber zugleich eine tragische Dimension, da die Alkoholsucht für Kjell zum Ersatz für seine Sexualität geworden ist: Seine Frau verweigert sich ihm, nachdem sie ihn der Untreue überführt hatte. Zugleich setzt Widerberg beim Betrachter die Kenntnis der gespielten Musik und das Verständnis des daraus gewählten Moments voraus. Der Spannungsstau und die Entladung, die Explosion eines Glücksgefühls müssen als solche gehört werden, das ganze Vokabular des Erotischen in der Musik, die harmonische Grammatik der Erregung und Befriedigung muss bereits verinnerlicht worden sein, um die Pointe als solche zu erkennen. Eine scheinbar unmittelbare, durchaus leiblich spürbare Erfahrung setzt einen langen kognitiven Lernprozess, eine Kulturation des Hörens voraus.

          Billy Wilder hat diese soziale und kulturelle Bedingtheit unserer erotischen Ansprechbarkeit durch Musik in seiner Hollywood-Komödie „Das verflixte siebte Jahr“ ebenfalls pointiert ins Bild gesetzt, als Tom Ewell glaubt, mit dem zweiten Klavierkonzert von Sergej Rachmaninow ein Techtelmechtel mit Marilyn Monroe anbahnen zu können, was nicht funktioniert, da ihr libidinöses System musikalisch anders codiert ist.

          Die erogenen Zonen der Durtonleiter

          In der europäischen Kunstmusik zwischen Monteverdi und Rachmaninow allerdings hat es gut dreihundert Jahre lang eine recht stabile Matrix des Erotischen gegeben. Sie arbeitet mit dem Qualitätsunterschied von Dissonanz und Konsonanz sowie von Nebentonarten in gestaffelter Entfernung zur Grundtonart. Beide musikalischen Polaritäten – die Auflösung der Dissonanz in die Konsonanz, die Rückkehr zur Grundtonart – werden empfunden als Verhältnis von Spannung und Entspannung, von Reiz und Stillung, Begehren und Befriedigung. Schon das Schlussduett „Pur ti miro“ aus Claudio Monteverdis Oper „L’incoronazione di Poppea“, das vermutlich gar nicht von Monteverdi stammt, sondern von Francesco Sacrati, Benedetto Ferrari oder Francesco Cavalli, übersetzt das Liebesspiel der Worte, die variantenreiche Verbalerotik der körperlichen Vereinigung zwischen Nero und Poppea, in eine Verschärfung des Dissonanzgrades als Steigerung der Lust. Im gezielten Ansteuern von Sekundreibungen zwischen den Singstimmen oder in Quart-Vorhalten vor dem fallenden Bass stimuliert der Komponist die erogenen Zonen der Durtonleiter, um die jeweilige Auflösung in die Konsonanz immer intensiver wirken zu lassen.

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