https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buehne-und-konzert/hiob-nach-dem-roman-von-joseph-roth-am-schauspiel-frankfurt-18015338.html

„Hiob“ am Schauspiel Frankfurt : Glaube, Liebe, Abgrund

Eine Hütte in Wolhynien: Szene aus „Hiob“ nach Joseph Roths im Jahr 1930 erschienenem Epos über den leidgeprüften Mendel und seine Familie Bild: Birgit Hupfeld

Ein Schmerzensmann in New York: Johanna Wehner inszeniert „Hiob“ nach dem Roman von Joseph Roth am Schauspiel Frankfurt. Für das Publikum gibt es dieses Mal keine Erlösung.

          3 Min.

          Da steht sie. Die Fackel der Freiheit, gegossen in Kupfer, erleuchtet durch Elektrizität. Sie leitet den Weg zu „God own’s country“ Amerika. Daneben hockt ein gebrochener Mann: Mendel Singer, ein verzweifelter Thora-Lehrer aus Wolhynien in der heutigen Ukraine, im damaligen K.-u.-k.-Reich, dem bisher kein Glück in dieser Welt vergönnt war. Er ist die Hauptfigur in Joseph Roths Familienepos „Hiob“, das 1930 erschien und ein europäisches Menschenschicksal verhandelt.

          Kevin Hanschke
          Volontär.

          Eigentlich ist der Roman, der die Geschichte der Singer-Familie von der Jahrhundertwende bis zum Ende des Ersten Weltkriegs erzählt, viel zu komplex für die Theaterbühne. Es gibt sechzehn Kapitel, Dutzende Figuren und religiöse Metaebenen. Doch immer wieder wagen sich Regisseure an den Stoff, so jetzt auch Johanna Wehner in einem zweieinhalbstündigen Theaterabend am Schauspiel Frankfurt, der den Zusammenbruch des Mendel Singer in der neuen Welt thematisiert. Viele Aspekte, die Wehners abgewandelte Fassung aufwirft, haben erstaunlichen Aktualitätsbezug, beispielsweise die Flucht aus der ländlichen Armut, der sich anbahnende Krieg und die Zerstörungskraft der Religion.

          Doch der erste Akt des zweiteiligen Stückes scheitert. Das Schauspiel des siebenköpfigen Ensembles ist so hölzern wie das naturalistische Bühnenbild von Volker Hintermeier, das aus einer Holzhütte besteht. Das Schtetl-Häuschen ist ein Bungalow mit Schiebetür. Die beigen Anzüge und ausgewaschenen Schürzen, entworfen von der Kostümbildnerin Ellen Hofmann, sollen das Elend andeuten, in dem die Familie lebt.

          Der Patriarch wartet auf ein Wunder

          Immer wieder stellen die Schauspieler die eine Frage. Was ist das, das Leben? Wehner fokussiert sich auf drei Themen des Romans von Roth: die Armut der Familie, die Krankheit des Sohnes und die Probleme der Auswanderung. Zunächst schildert das Stück die Familiensituation der Singers in Zuchnow. Mendel, der orthodoxe Jude, „fromm, gottesfürchtig, ein alltäglicher Mann“, gespielt als gebrechlicher Grantler in der Midlife-Crisis von Matthias Redlhammer, verdient als Lehrer kaum Geld. Die Familie, bestehend aus drei Kindern und seiner resoluten Frau Deborah, dargestellt von Heidi Ecks, darbt deswegen „in Zeiten, in denen die Suppe immer wässriger wird und sich das Leben verteuert“. Mendel hofft auf Gott, doch das führt ihn in die Krise. Im Minutentakt werden Schicksalsschläge abgehandelt. Die Söhne müssen zum Militärdienst. Die Tochter Mirjam (Caroline Dietrich und Agnes Kammerer) bandelt mit raublustigen Kosaken an, und das vierte Kind Menuchim ist krank. Ob er jemals genesen wird, ist unklar, weil der Patriarch die Krankheiten nicht durch Medizin heilen lassen will, sondern lieber auf ein göttliches Wunder wartet, das die Familie vom Leid befreien soll. Für den jüngeren Sohn Schemarjah, gespielt von Nils Kreutinger, „schlau wie ein Fuchs“, kann die Mutter die Fahnenflucht aus Russland organisieren. Der ältere Jonas (Christoph Pütthoff), „stark wie ein Bär“ lässt sich zum Militärdienst einberufen.

          Christoph Pütthoff und Agnes Kammerer in einer Szene aus Johanna Wehners „Hiob“-Inszenierung
          Christoph Pütthoff und Agnes Kammerer in einer Szene aus Johanna Wehners „Hiob“-Inszenierung : Bild: Birgit Hupfeld

          Vor allem die Monologpassagen entwickeln sich zu Klamauk. Der Rezitations-Chor hüpft und rennt über die Bühne und schreit ohne Grund im Schtetl rum. Im ersten Akt gibt es kein Schauspiel, nur eine Abfolge von Romanfragmenten, die durch die Erzählstimme im Chor vorgetragen werden. Dies steigert sich zu einem unerträglichen Singsang der Orthodoxie. Wieder werden Gebete eingestreut, wieder schreit der verlorene Sohn lautstark „Mama“ und lässt Deborah seufzen und naiv aufhorchen. „Es bedeutet, er wird gesund werden.“ Immer wieder betet Mendel und hält daran fest: „Man muss nur auf ein Wunder hoffen.“ Im Programmheft steht, dass hier kein Chor spreche, sondern ein Stimmengewitter. Dieser dramaturgische Trick verwandelt Roths feinsinnigen Roman in eine hoffnungslose Elendssuade.

          Erfolglos etwas Besonderes erwartet

          Erst im zweiten Akt, nach der Pause, in der sich die Reihen des Schauspiels schon deutlich gelichtet haben, findet das Ensemble endlich zu großer Form. Schemarjah meldet sich mit einem Brief und will die Familie nach Amerika nachholen. Mittlerweile ist der Sohn ein erfolgreicher Geschäftsmann, der sich assimiliert hat und in den Vereinigten Staaten zum Missfallen des Vaters „Sam“ genannt wird. Schweren Herzens lassen sie den kranken Sohn Menuchim zurück, um ­auszuwandern. Die zersplitterte Familie erreicht New York. Eindrücklich schildert Wehner die Ankunftsszene. Zwischen hupenden Autos, tosenden Grammo­phonen und Wolkenkratzern, „die die Straßen verschatten“, vermisst Mendel schon bald die Heimat und den zurückgelassenen Sohn. Doch spätere Besuchs­pläne werden auf schreckliche Weise durchkreuzt, was erstaunliche Aktualität hat: „In Europa ist Krieg“, murmelt der Chor. Der Leidensweg des Mendel Singer geht weiter. „Es scheint als wäre Amerika über sie hergefallen. Nun, da sie es bemerkten, war es zu spät.“

          Im zweiten Teil wird auch das Bühnenbild spektakulärer. Die Freiheitsstatue erhebt sich im Hintergrund, die Scheinwerfer generieren eine vibrierende Stimmung. Nun setzen auch schnelle Dialoge ein. Das Ensemble wird immer spielfreudiger. Mendel wird nachdenklicher und besonnener. Die Musik, eines der positiven Elemente der Inszenierung, wandelt sich. Fragmente von Klezmer-Klassikern gehen in rasante Jazz-Sonaten über. Zum Schluss gelingen Redlhammer packende und berührende Momente. Als gebrochener Mann, der die Söhne an den Krieg, die Tochter an den Wahnsinn und die Frau an den Tod verloren hat, wendet er sich von seinem Glauben ab und damit von all den Dingen, die seiner geschundenen Seele Hoffnung gaben. Anrührend ist die Szene, als er plötzlich ein Volkslied aus der Heimat hört, im Plattenladen seines Freundes. Leise flüstert er, mit Tränen in den Augen: „Man muss doch etwas Besonderes vom Leben erwarten.“ Mendels Hoffnung auf ein Wunder, sie wird irgendwann erfüllt. Doch für das Frankfurter Publikum gibt es dieses Mal keine Erlösung. Die Theateradaption des Romans hat trotz des stärkeren zweiten Aktes nur wenig Fortune.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Hat sichtlich Spaß: Joe Biden während seiner Rede zur Lage der Nation vor dem amerikanischen Kongress.

          Rede zur Lage der Nation : Bidens gezielte kleine Hiebe

          In seiner Rede zur Lage der Nation schlägt US-Präsident Joe Biden versöhnlichere Töne gegenüber den Republikanern an. Und hört sich an wie ein künftiger Präsidentschaftskandidat.
          Der russische Präsident Wladimir Putin wägt einen Goldbarren: Russland hat zuletzt 3,6 Tonnen Gold verkauft.

          200 Millionen Dollar : Wladimir Putin greift die Goldreserven an

          Russland verkauft Gold im Wert von mehr als 200 Millionen Dollar. Damit sollen Löcher im Haushalt gestopft werden. Wie geht das überhaupt angesichts der Sanktionen des Westens?
          Schüler sitzen in einem Skilift.

          Kleinkind missbraucht? : Vater erhebt Vorwürfe gegen Skischule

          Der Vater eines Dreijährigen hat Missbrauchsvorwürfe gegen die Betreuungseinrichtung einer Skischule in Österreich erhoben. Der Junge soll sich auffällig verhalten haben. Auch andere Eltern sollen sich gemeldet haben.
          Arbeit ist nicht alles – nicht nur vor diesem Café in Berlin.

          Generation Z : Faul oder frei?

          Die rätselhafte Generation Z: Was bleibt von den Vorurteilen über ihre Arbeitsmoral und ihre Zukunftsängste übrig, wenn man genauer hinsieht?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.