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Hier buht Zürich : Pfui Spinne, die Schweiz

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So etwas kommt mir nicht auf den Tisch: Die schwarze Spinne und der Grüne (Siggi Schwientek) Bild:

Mit Satan in die Schweizer Berge: Frank Castorf inszeniert am Zürcher Schauspielhaus mit „Schwarze Spinne“ und „Meister und Margarita“ gleich zwei Teufelspakt-Erzählungen. Ein Liebeswerben, das nicht erwidert wird.

          In Berlin und überhaupt in der Gegenwart fühlt er sich als letzter Partisan des Theaters schon lange nicht mehr wohl, und so muss er ab und zu zur Erholung in die Schweizer Kur. Die Schweiz ist für Frank Castorf eine qualitativ hochwertige DDR, deren Bewohner sich noch freuen können, wenn ihnen ein scharfer Pitbull zeigt, wo der Hammer und die Kuhglocke hängt (über der Bühne, als riesiges Damoklesschwert). Vor einem Jahr zertrümmerte Castorf am Zürcher Schauspielhaus den „Hofmeister“ von Lenz im Rübenfeld. Jetzt hat er zwei Teufelspakt-Erzählungen, Jeremias Gotthelfs „Schwarze Spinne“ und Michail Bulgakows „Meister und Margarita“, aufeinandergehetzt.

          Emmentaler Käsewelt

          Henryk M. Broder hatte als Islam- und Theaterverächter schon vorher, in einer Diskussionsveranstaltung, sein Urteil gefällt: bäuerlicher Mist. In der langweiligen Schweiz, wo man sich seines Reichtums schäme, brauche man eben eine Ersatzaufregung. Tatsächlich trottet dann gleich zum Auftakt von Castorfs Gotthelf-Dekonstruktion ein fettes Schwein auf die Bühne, in deren Zentrum eine Kloschüssel steht.

          Eine Kuhglocke als überdimensionales Damoklesschwert, nebst Schweizerfahne

          Aufreger in der Schweiz sind derzeit Ausschaffungsinitiative und Minarettverbot, und so hat auch Castorf seine Spinne auf fremdelnde Eidgenossen und integrationsunfähige deutsche Gastarbeiter losgelassen. Immerhin sind ja sowohl der Bauernschinder und Deutschordenskomtur Hans von Stoffeln wie auch Christine, die starke Frau aus Lindau, Ausländer. Fremde Taugenichtse haben sich in den Löchern der satten Emmentaler Käsewelt eingenistet, um Pest und Hölle auf hoffärtige Ausländerfeinde und verstockte Patriarchen herab zu beschwören.

          Feuriges Eichhörnchen

          Was die Mondmastdarm-Gedichte des schizophrenen Malerpoeten Friedrich Schröder-Sonnenstern damit zu schaffen haben, bleibt so unklar wie die Verbindung zur Passionsgeschichte Bulgakows. Allerdings hat Castorf „Meister und Margarita“ schon früher einmal inszeniert, und Christine ist ja auch irgendwie ein Opferlamm. Gottfried Breitfuß macht aus dem schwermütigen Träumer Pilatus wenigstens eine Figur, womit er sich schon mal von den übrigen Pappmaché-Monstern abhebt.

          Der Pfarrer zum Beispiel, der bei Gotthelf die ungetauften Kindlein vor Tod und Teufel rettet, ist bei Marc Hosemann ein dämonischer Schreihals, der den Beelzebub mit Artaud, dem Satan des Theaters der Grausamkeit, austreibt: „Wie die Pest ist das Theater zur kollektiven Entleerung von Exzessen da“. Ursula Dolls rothaarige Spider-Woman, die mit diabolischem Gelächter männliche Weicheier und „Quarktaschen“ Mores lehrt, ist mal Puffmutter, mal Schneewittchen im Kreise der Schweizer Zwerge. Ihr Sukkubus, der Grüne mit dem roten Bärtchen, ist bei Siggi Schwientek ein sehr nettes Teufelchen. Außerdem treten auf: ein Amerikaner, der den Kaugummi ins Emmental bringt; eine hyperventilierende Patin und ein Pate im Clownskostüm; das feurige Eichhörnchen, das des Teufels Holzfuhrwerk zog; deutsche Hilfskräfte, die sich beim großen Fressen der Taufgemeinde als Kellner versuchen.

          Flüchten vor spritzenden Säften

          So kommt Castorf, der Mann, der stets das Böse will und nur noch selten Gutes schafft, von Kreuzrittern zu Kreuzspinnen, von der Kreuzigung zum Kreuz mit Christoph Blocher, von Pontius zu Pilatus, von Jesus zum bosnisch-serbischen Krieg und vom Gerumpel im Mondmastdarm zur Entleerung auf der Toilettenschüssel. Bulgakows Passion wird in Castorfs Oberammergau unfassbar langweilig deklamiert, Gotthelfs Novelle als krachendes Bauerntheater exekutiert, und wenn der Teufel seine Hand im Spiel hat, kommt noch das schaurig hohltönende Gebrüll der Jahrmärkte dazu.

          Um Artauds „höhere Vorstellung vom Theater“ durchzusetzen, schreckt Castorf, fast wie einst Schlingensief, weder vor Geisterbahngrusel noch vor Volks- und Kasperletheaterklamauk zurück. Im Emmental bei Nacht fährt er Trommeln, Glockengeläut, Fackeln, Bauernchöre und Schweizerkreuze auf, in Jerusalem wallende Togen und Lattenkruzifixe. Dazwischen gibt es für die Galerie Kantinentratsch über René Pollesch, Matthias Hartmann und den Meister selber: „Ich habe gehört, dass der Frank am Ende ist.“ Deutsche Schauspieler, erklärt Unter-Hosemann seinen Entblößungszwang, seien „immer nach zwei Minuten nackt; das ist so eine Art Marke“

          Der Pfarrer ist tot, die Hölle lacht

          Nach vier Stunden ist die Ausschaffung von Gott und Gotthelf vollendet. Der Pfarrer ist tot, die Hölle lacht, denn das Loch, aus dem die Spinne kroch, ist fruchtbar noch. Das Publikum in den vorderen Reihen hat schon in der Pause die Flucht vor spritzenden Säften und ungetauften Sex- und Kinderpuppen ergriffen. Dabei wollte Castorf ja eigentlich niemand verletzen; er liebt die Schweizer doch, jedenfalls mehr als ihre deutschen Zwingherren. Als beim enden wollenden Schlussapplaus Buhs und Pfiffe laut werden, fleht er geradezu mielkemäßig: „Nicht pfeifen! Lacht doch! Wir wollen doch freundlich miteinander umgehen.“

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