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Herbert Fritschs „Null“ : Kakophonie der Vergeblichkeit

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Lehne dich zurück: Szene aus Herbert Fritschs „NULL“ an der Schaubühne. Bild: Thomas Aurin

Die Menge ist hin und weg: Herbert Fritsch zeigt in seinem neuen Stück „Null“ an der Berliner Schaubühne, dass der Sieg über die Schwerkraft realistisch erscheint.

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          Ziemlich leer ist es in der Berliner Schaubühne, wenn das neunköpfige Ensemble durch eine Tür an der Rückwand auf die flache Spielfläche tobt. Alle sind pastellfarben und ein bisschen komisch heutig gekleidet, rufen einander absurde Befehle und bizarre Kommandos zu, und irgendwie geht es bei alledem um die Bewegungsform des Drehens: in diese Richtung, in jene, oder wie auch immer. Die vorne aufgestellte raumhohe Pole-Stange aus dem Nachtclub-Inventar kümmert diese aufgekratzte Schar nicht bei ihrer dynamischen Orientierungssuche, schon eher das kleine Häufchen schwarzer Bänder in der Mitte der Bühne. Es wird entwirrt, und jeder bekommt eine Art Klettergurt, wie ihn Bergsteiger benutzen, wenn sie hoch hinauf wollen.

          Ganz so hoch hinauf will Herbert Fritsch in seinem neuem Stück „Null“ zwar nicht, aber doch hoch genug, dass der Sieg über die Schwerkraft realistisch erscheint. Denn die drei Schauspielerinnen und sechs Schauspieler hängen sich mit Karabinerhaken in die Seile, die plötzlich zu ihnen herabgesenkt werden. Herbert Fritsch, der die Uraufführung von „Null“ selbst inszeniert und das Bühnenbild entworfen hat, pflegt eine Vorliebe für jedwede Option zur Überwindung der Bodenhaftung, weshalb er etwa das Trampolin in seine spezielle Regie-Ästhetik eingebaut hat. Nun lässt er seine Akteure schweben und schwingen, flattern und segeln, aufs Gesicht kippen und auf den Rücken plumpsen. Dabei lachen sie alle und strahlen vor Glück. Es ist die zentrale Szene in diesem rund zweistündigen Abend, und sie hat eine wunderbare Leichtigkeit, zudem neben der physischen eine elegante mentale Transparenz.

          Drumherum indes verliert sich dies, ohne dass sich andere Komponenten als tragfähig erweisen würden, ob sich Axel Wandtke ans Steuer eines Gabelstaplers setzt und damit das Ensemble auf einer Europalette wie eine Ladung Konsumgüter herumkurvt, ob Ingo Günther wie ein begnadeter Dirigent ein stummes Orchester anfeuert oder ob sich Florian Anderer wie ein veritabler Zirkusartist an der Pole-Stange abarbeitet. Einmal bilden alle eine lange Reihe und schubsen sich abwechselnd, so dass sie wie Dominosteine umfallen. „Wem gehört das Metronom?“, wird später gefragt, und gleich tickt der unsichtbare Taktmesser elektronisch verstärkt los und bringt alle zum Mitzucken und Mitwackeln. Sogar die Warnleuchte auf dem Hubstapler flackert im Rhythmus, während runde, weiße Scheinwerferkegel über die Wände irren. Regisseursattitüden („Wir machen das jetzt einfach mal, würd ich sagen“) werden ebenso veralbert wie Manierismen des Tanztheaters („Äh, da sind wir aber gerade in einer Linie“) und Gepflogenheiten des Balletts mit dem ewigen zackigen Zählen.

          Zum Schluss bedecken rote, gelbe, blaue Lichtquadrate die Rückwand, und die Schauspieler pusten tonlos in allerlei Blasinstrumente. Die heiße Luft, die sie hier produzieren, bestimmt zu diesem Zeitpunkt bereits die gesamte Aufführung, die fröhlich-konkret begann und beliebig-läppisch endet. Daran ändert auch eine gewaltige mechanische Hand unter dem Plafond nichts, die sich stromgetrieben hebt und senkt und die Finger bewegt, als würde sie genüsslich etwas zerkrümeln, seien es Menschen, Nachrichten oder alle Ambitionen der Veranstaltung. Die lauen Lüfte, durch die anfangs vergnügte Figuren schaukelten, sind nun mit lauten, schrägen Klangmodulen versperrt. Die Darsteller sind verschwunden, der letzte kachelt mit dem Gabelstapler wild durch die Dämmerung.

          Mit dieser Kakophonie der Vergeblichkeit, in der Maschinen das Geschehen übernommen und die Menschen abgelöst haben, denen keine Gegenwehr mehr möglich ist, endet der Abend als erschöpftes Lamento. Oder unmissverständlich auf dem Nullpunkt der theatralischen Ausdrucksfähigkeiten: viel Aufwand, wenig Ertrag, viel Technik, wenig Herz. Ist für dieses dürftige Resümee Herbert Fritsch verantwortlich, der vielleicht als Regisseur nicht weiterweiß, oder die Welt, die vielleicht nichts anderes erlaubt? Sagen wir so: Schon in Ordnung, wenn die Null steht, aber schöner ist es, wenn sie fliegt.

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