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Henze-Oper in Stuttgart : Der Träumer im Dienst der Gewalt

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Schlachtraum als Schlachtfeld: Pawel Konik (Zweiter Offizier), Robin Adams (Prinz Friedrich Artur von Homburg, stehend, Mitte), Mingjie Lei (Erster Offizier), Johannes Kammler (Wachtmeister), Michael Nagl (Dritter Offizier). Bild: Wolf Silveri

Ist der Fitness-Drill der Militarismus von heute? Stuttgarts Oper stellt Hans Werner Henzes „Prinz von Homburg“ neuerlich zur Diskussion.

          Friedrich Nietzsches Schrift „Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben“ thematisiert, wie vielschichtig, ja mäandernd die Geschichtsschreibung der Instrumentalisierung von Vergangenheit dient. So hat ein konkreter Fall ein Labyrinth von Spätfolgen erzeugt: Im Juni 1675 schlug das Brandenburgische Heer bei Fehrbellin die Schweden. Dem Sieger hat Andreas Schlüter in einer Büste, im Bad Homburger Schloss, gehuldigt: ein Barock-Potentat, der sich inmitten Tausender Leichen sein Festmahl munden ließ. Ein größerer Kontrast als der zu seinem Theaternachfolger ist kaum denkbar. Heinrich von Kleists „Prinz von Homburg“ wurde zur Ikone des weltvergessenen Träumers, der sich der Wirklichkeit des Kriegsgesetzes widersetzt, demnach trotz seines Sieges als Befehlsverweigerer hinzurichten ist.

          Von der Autonomie des empfindsamen Subjekts gegenüber der Militärmaschinerie wollten Kaiserreich wie NS-Staat freilich nichts wissen: Als Herr der Schlacht, der schließlich einsieht, dass der Staat immer recht hat, wurde er zum deutschnationalen Kunstheld. Am ehesten hat der schöne Gérard Philipe das Bild zum ephebenhaften Außenseiter gewendet. In diesem Sinne hat auch Luchino Visconti Ingeborg Bachmann (als Librettistin) und Hans Werner Henze auf Kleists Antihelden hingewiesen. Flohen beide vor den NS-Relikten nach Italien, so hat Henze, wie leicht paranoid auch immer, den Darmstädter Serialismus zum autoritären System dämonisiert. „Der Prinz von Homburg“ führte 1958 quasi einen Drei-Fronten-Krieg: gegen die Nazis, das Wirtschaftswunder-Deutschland und das Avantgarde-Dogma. Aktuell anschlussfähig ist das durchaus: Die Aktionen im Hambacher Forst oder die der jungen Schwedin Greta Thunberg zeugen derzeit vom Konflikt zwischen Individuum und Staat.

          Stuttgarts Oper reagiert darauf mit einem Doppel: Leo Dicks „Antigone-Tribunal“, angeregt durch Slavoj Žižek, auch für Jugendliche – und Henzes Oper, die in letzter Zeit ästhetisch an Dringlichkeit gewonnen hat, nicht zuletzt in der kompositorischen Interaktion von empfindsamer Subjektivität und zwölftöniger Struktur-Objektivität. Ganz ohne Ambivalenzen geht das natürlich nicht. Denn bei mehrfachem Hören bleiben die martialischen Schärfen mitunter doch recht dominant. Und auch wenn Kleist Abscheu vor dem Soldatischen bekundete, so bleiben die blutrünstigen Vernichtungstiraden wider die Römer/Franzosen in seinem „Arminius“ kein Ruhmesblatt. Und schweren Herzens kam selbst Ingeborg Bachmann um das finale „In Staub mit allen Feinden Brandenburgs“ nicht herum, von Brecht polemisch vom Kopf auf die Füße gestellt.

          Überhaupt das Militärische: Trotz bedrohlichen Wettrüstens ist dessen Glorie vorbei. So hat der Regisseur Stephan Kimmig das Militär nur noch als „Metapher“ benutzt: als Synonym der Konkurrenz-, Ordnungs- und Perfektionierungs-Drill-Gesellschaft, Sport als Disziplinierungs-Maßnahme. Konsequent hat er denn auch auf aktualisierende Uniform-Folklore verzichtet. Fitnessleistungen sind wichtiger, alles dient Training und Wettkampf. Militärische Schindrituale werden durch das Exerzieren an der Ballettstange ersetzt. Dass der Prinz anfangs auf einer Leiter steht, bezeugt seine entrückte Verstiegenheit. Das Schlachtfeld könnte auch ein Schlachthaus sein, reinlich gekachelt. Gleichwohl sind die Krieger blutgezeichnet; der Prinz tritt mit Beutefahne regelrecht als Schmerzensmann auf. Da wird nichts beschönigt. Doch ein Rest von epischem Theater bleibt: Die Akteure tragen Zivil. Trainingskluft und Anzug ersetzen die Feldmontur. Gefechtsszenen gibt es nicht; der Verurteilte agiert ruhelos im Glaskäfig. Die Situationen sind beispielhaft, weniger real, auch wenn die Brutalität des Krieges ebenso präsent bleibt wie die Todesangst des Prinzen. Auf Psychologisierung allerdings wird verzichtet, mehr mit verfremdeten Zeichen operiert. Zum Schluss kommt die antihierarchische Utopie zu ihrem Recht: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit statt autoritärem Reglement verheißen die Aufschriften der Protagonisten.

          In Stuttgart wird, wie mittlerweile üblich, die revidierte, verschlankte Version von 1991, ohne pompöse Chor- und Orchester-Totalen gespielt, die dem Stück entschieden guttut. Die hinzugewonnene Transparenz macht die Partitur technisch nicht leichter. Doch das Stuttgarter Orchester bewältigte unter der Leitung des neuen Generalmusikdirektors Cornelius Meister die Schwierigkeiten, zumal für die Bläser, sehr souverän. Dass manches direkte Schärfe gewann, mag der Akustik des Hauses geschuldet sein. Die militante Aggressivität freilich ist Sujet wie Werk inhärent und sollte auch nicht abgemildert werden. Eine lyrischere Anlage der Partien von Prinz und Natalie würde auch den Konflikt zwischen Seele und Gewalt entschärfen, ja verwässern, womit erst recht nichts gewonnen wäre. Doch ein leichtes Ungleichgewicht blieb.

          Aufgewogen wurde dies durch die Besetzung der Titelpartie mit Robin Adams, einer kompakten Erscheinung mit markantem Bariton, aber auch introvertiertsensiblen Momenten. Gerade weil man ihm den Siegertyp durchaus zutrauen würde, wirken Traumspiel und völlige Verstörung um so zwingender. Auch dem Kurfürsten fehlt die Feldmarschallsallüre: Er ist eher ein ordnungsbewusster, allenfalls durch Weichheit gefährdeter Soldatenvater, kein einsam herausgehobener Oberbefehlshaber, der zum Schluss fast unscheinbar zurücktritt, sich mit den nach Frieden Verlangenden solidarisiert. Vera-Lotte Böckers Natalie hält nicht minder Abstand zum Sanften-Prinzessinnen-Klischee, sondern agiert beherzt, energisch Zigaretten rauchend für die Rettung des Geliebten, zudem mit schönem lyrischen Sopran. Gelegentliche Schärfen sind bei der Partie wohl kaum zu vermeiden. Stuttgart hat seit 1976 eine beeindruckende Henze-Tradition, hier bezwingend fortgeführt. Der Eindruck der Premiere wirkt intensiv nach. Die Zustimmung war nur allzu berechtigt.

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