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Henze in der Semperoper : Die wahren Schurken sind Kanzler, Kaiser, Könige

  • -Aktualisiert am

Getretener Quark wird breit, nicht stark, das gilt auch für Kunstblut: Simon Neal meistert seine sängerische Aufgabe trotzdem mit Bravour Bild: Matthias Creutziger

Hans Werner Henze war dabei, als sein Kriegsdrama „Wir erreichen den Fluss“ Premiere in der Semperoper in Dresden feierte. Ob ihm das Gemetzel wohl gefallen hat?

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          Oben aus der Königsloge wird geschossen, unten fällt einer tot um. Bisher lief es bei allen Politthrillern, die sich, historisch oder literarisch, in Opernhäusern abgespielt haben, eher andersherum: Da schoss der Attentäter, gerechter- oder ungerechterweise, in die Königsloge hinein. Für Hans Werner Henze, der Anfang der Siebziger aus Havanna zurückkehrte und sich mit einer Serie von experimentellen Agitpropstücken für kurze Zeit tatsächlich an die Spitze der ästhetischen Avantgarde setzte, war damals klar, dass auch in der Oper endlich die Seiten vertauscht werden sollten. Denn die wahren Gewalttäter der Gesellschaft sind Kanzler, Kaiser, Könige. Die schlimmsten Kriminellen sitzen, fein herausgeputzt, in den Logen und im Rang. Der „Kaiser“, der da in der Dresdner Semperoper aus der Loge heraus die armen Untertanen abknallt, ist ein lyrischer Mezzosopran, schnurgerade gesungen von Anke Vondung.

          Überhaupt wird viel herumgeballert in dieser neuen Inszenierung der Henzeschen Simultanoper „Wir erreichen den Fluss/We come to the river“. Es knallt und kracht ständig. Kaum einer der zehn Solisten, rund fünfzig Choristen und ungezählten Statisten, der nicht von Regisseurin Elisabeth Stöppler mit einem Maschinengewehr oder einer Pistole ausgestattet wurde. Ja, es fallen so viele Platzpatronenschüsse, es gibt so viele pseudotheatralische Prügelszenen, so viel Gewalt und Gerangel auf den drei Simultanbühnen, befahrbaren Stegen und Brücken, die den Innenraum der Semperoper wie eine Torte in mehrere Teile schneiden, es liegen so viele teils grässlich mit Plastik-Blessuren garnierte Tote und Verletzte herum, dass es schwerfällt, betroffen zu sein. Irgendwann hilft nur noch ein Lächeln über all diesen hilflosen Kasperlekram, der das Entsetzen vervielfältigt. Kennt Stöppler nicht die alte Regel: Wer brüllt, hat Unrecht? Auch für Kunstblut und Schockeffekte gilt, getretener Quark wird breit, nicht stark.

          Überall und nirgends

          Gleich zu Beginn wurden alle Saaltüren zugeschlagen und von schwerbewaffneter Soldateska gesichert. Wir sind jetzt, für knapp drei Stunden, Geiseln der Henzeschen Musik. Drei reich und farbig besetzte Kammerorchester verteilen sich im Raum. In der Mitte, irgendwo im Zuschauerraum, wo sich zwei Brückenstege kreuzen, steht der junge Dirigent Erik Nielsen. Die Musik, die er mit stoischer Ruhe dirigiert, ist wunderschön. Sie ist filigran, ausdrucksmächtig, differenziert, vielfältig, sophisticated, bezeichnend, klug und edel. Sie widersteht in ihrer komplexen Schönheit selbst noch den schlimmsten Sperrfeuern der Klischees, die sich in der plakativen Story herumtummeln, vor allem aber in den pathetisch-poetisch überreizten, sentimentalen Texten von Edward Bond, die eine knappe These aufblasen zum abendfüllenden Stück.

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