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Helmuth Rilling zum Achtzigsten : Bach für daheim und für die Welt

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Mr. Bach und eine Instanz: Helmuth Rilling auf einer Aufnahme aus dem Jahr 2008. Bild: dpa

Als Dirigent, Organist und zugleich Meister des Gesprächskonzerts erfüllt er einen schwäbischen Topos - und weist darüber hinaus. Helmuth Rilling zum Achtzigsten.

          Ein Wiener Schmähklassiker lautet: Die wahre Wiener Karriere verlaufe entweder vom Lipizzaner über den Sängerknaben oder aber vom Sängerknaben über den Lipizzaner schließlich zum Hofrat. Leicht modifiziert ließe sich das Bonmot auf Stuttgart übertragen: Grundstein manch erstaunlicher Imperien sei der Chordirigent. Drei prominente Beispiele mögen dies belegen: Es gab das flächendeckende Popularitätsphänomen der Fischer-Chöre. Wolfgang Gönnenwein, Leiter des Südwestdeutschen Madrigalchors, sammelte hohe Ämter: Hochschulrektor, Festival-Chef, Staatstheater-Intendant, Staatsrat. Doch für die Einheit von Schwäbischem und Globalem steht, fast wie die Automarke mit dem Stern: Helmuth Rilling.

          In Stuttgart, aber auch weltweit gilt der Dirigent Rilling als ein Mister Bach, seine Gächinger Kantorei als Synonym für Jahrzehnte kontinuierlicher Chorarbeit auf exemplarischem Niveau. Nun ist Stuttgart, bei allem Wandel, eine eigene Welt: Pietistische Innerlichkeit, Fleiß, Sparsamkeit, industrieller Fortschritt, religiöse Strenge, liberales Bildungsbürgertum, Weltläufigkeit und Häusledenken, Liebe zu Kunst und Theater, gleichwohl bisweilen asketische Vorbehalte wider die weltliche Oper spielen ineinander. Und doch: In keiner anderen Stadt hat es so viele Wozzeck-Inszenierungen gegeben. Dass Rilling zu einer Instanz wurde, liegt auch daran, dass er dem schwäbischen Topos entspricht - und darüber hinausweist.

          Bach als Festposten

          Geboren und ausgebildet in Stuttgart, studierte Helmuth Rilling zwei Jahre in Rom beim Petersdom-Organisten Fernando Germani, erfuhr später Anregungen auch in New York durch Leonard Bernstein. Aber schon 1954 gründete er im kleinen Gächingen seinen Chor, der, ständig erneuert, bis heute die Basis seiner Arbeit ist, ergänzt ab 1965 durch das Bach-Collegium Stuttgart.

          Die umfassend gründliche Beschäftigung mit Johann Sebastian Bach ist ein musikalischer Festposten, den Rilling schon seit den sechziger Jahren innehat. Orgel spielt er lange nicht mehr, aber alle Werke Bachs, die eines Dirigenten bedürfen, hat er aufgeführt und aufgenommen, kulminierend in einer wahrhaft monumentalen Gesamtproduktion aller geistlichen wie weltlichen Kantaten zwischen 1970 und 1985 - und sogar einer kompletten Edition des Bachschen Œuvres unter seiner Ägide, mit 172 CDs! Mit Bach wird er identifiziert, da gilt er, zumal in Stuttgart, als eine schier päpstliche Über-Autorität, dem die Gemeinde zu Füßen liegt. Ob er sich damit immer wohl fühlt?

          Dogmatik ist seine Sache nicht

          Wer ihn kennt, der kann sich zumindest vorstellen, dass der schöne Satz von Karl Marx: „Mois, je ne suis pas marxiste“ ihm immerhin ein verständnisinniges Kopfnicken entlockte. Denn bei allem Authentizitätsanspruch und enzyklopädischem Eifer: Ein Dogmatiker ist Rilling nicht, er hält sich von romantizistischer Monumentalität ebenso fern wie von Originalklang-Asketismus - ohne darüber dem öden Mittelweg zu folgen, der, so Schönberg, als einziger nicht nach Rom führt. Denn abseits der Extreme von kargem Minimalismus und falscher Feierlichkeit akzentuiert er die wortgespeiste Bildlichkeit und Dramatik: Manch rapide Umschwünge der Matthäus-Passion verdeutlichen, dass der Weg zu Mozarts Elan führt, nicht zur Seria-Statik. Und rasche Kantatensätze (“Ach wie flüchtig“) gewinnen fast physische Rasanz.

          Helmuth Rilling, gleichermaßen Pädagoge und ein Meister des Gesprächskonzertes, hat Bach-Ableger initiiert wie 1970 das Oregon-Festival. Erst recht ist die Stuttgarter Bach-Akademie seit Anfang der Achtziger ein Quell weltweiter Vermittlung: in Nord- wie Südamerika und Ostasien. Stolz verweist man darauf, dass Bach auch in der katholischen, selbst buddhistischen Sphäre begierig rezipiert wird. Zweifel an Bachs Universalität, kritische Fragen, ob solch eurozentrische, zumal deutsch-protestantische Dominanz für andere Kulturkreise das einzig Wahre ist, ob dem Kulturexport nicht auch ein sublim imperialistischer Zug („am deutschen Wesen . . .“) innewohnt, lösen in Stuttgart immerhin ambivalente Reaktionen aus. Gerne hört man sie nicht. Rilling hat sich allerdings nicht nur auf den Sakral-Bach festlegen lassen, er hat zum Beispiel an der Hamburgischen Staatsoper Johann Christian Bach dirigiert.

          Geburtstagsgaben von Wolfgang Rihm

          Zudem blieb das Studium in Rom nicht folgenlos, wie das katholische Repertoire Rillings zeigt: Mozart, Haydn, Schubert, Bruckner, Franck dirigiert er mit Emphase. Die Uraufführung der auf Initiative Giuseppe Verdis 1869 entstandenen Kollektivkomposition „Messa per Rossini“ fand 1988 in Stuttgart statt. Wichtiger aber noch waren die Beiträge von Komponisten wie Wolfgang Rihm, Krzysztof Penderecki, Tan Dun und Sofia Gubaidulina zum „Requiem der Versöhnung“ oder den vier Passionen 2000. Gerade Rihm hat dabei mit „Passus est“ auf der Präsenz des Geistlichen beharrt; allerdings unter der Prämisse des Namenlosen. 2003 widmete er Rilling zum siebzigsten Geburtstag „Insula Felix“ auf eine mittelalterliche Hymne auf die Reichenau.Jetzt folgte als Geburtstagsgabe die Novalis-Vertonung „Stille Feste“, abgründige Lobpreisung der Toten gegenüber der tristen Existenz der Lebenden.

          Helmuth Rilling hat nun all seine Ämter abgegeben, aber er wird weiterhin dirigieren und lehren. Ob der Wechsel in „seiner“ Bach-Akademie ein Sieg der Konservativen oder eine Öffnung war, ist strittig. An diesem Mittwoch feiert Rilling seinen achtzigsten Geburtstag.

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