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Helmuth Lohner zum Achtzigsten : Als er einst Prinz war in Kakanien

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Fürs Tragische hat er eigentlich zu viel Geschmack. Fürs Komische aber auch. So bewegte er sich im schön gesäumten Wunderniemandsland zwischen beidem: Dem Schauspieler Helmuth Lohner zum Achtzigsten.

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          Er wirkt auf der Bühne meist so, als müsse er das Leid wenn nicht gleich der ganzen, mindestens aber der österreichischen Welt auf sich nehmen, genagelt an irgendein Weh und Ach, aber vorher noch den Becher mit süßer Galle leer gesüffelt. Um ihn ist allemal die Aura einer k. k. Kapuziner-Crux. Das ewig jungenhafte Gesicht in hundert edelalte Schmerzensfalten zerlegt. Doch kann er wunderhübsch noch in der größten Säuernis einfach Zucker geben - dem Affen, der das süße Zeug ihm seit Jahr und Tag gerne aus der Mimenhand frisst. Ein Wiener Publikumsliebling par excellence: tiefst geraunztes Leiden mit Schlagobers. Ein Prinz aus dem kakanischen Melancholia, dem Land, aus dem jeder Seufzer als Wohllaut wiederkehrt.

          Der Schauspieler Helmuth Lohner, geboren in Wien, ist insofern ein typischer künstlerischer Vertreter seiner Heimatstadt, als er die höchste Erregung eines Dämons mit der praktischen Vernunft eines Konditors, den Schmutz der Welt mit dem edel mattierten Glanz eines liebenswürdigen Schlawiners zu servieren vermag. Als er Mitte der neunziger Jahre den Jedermann auf dem Salzburger Domplatz gab, trat da ein offenbar missgelaunter, wie von irgendwelchen Bürofurien sanft gehetzter mittlerer aristokratischer Angestellter im Staubmantel auf, der aber mühelos aus dem Anschein derangierter Zeitlichkeit und Gegenwärtigkeit ins zeitlose Knittelvers-Fach wechseln konnte. Und wieder zurück. Der reiche Mann, den Lohner gab, musste hier weniger sterben, er ließ vielmehr die Zinsen seiner theatralischen Unsterblichkeit mit müd gelächeltem Augenzwinkern dem Hofmannsthalschen Konto gutschreiben.

          Seine Natürlichkeit hat er sich hart erspielt

          Er konnte den größten Schurken spielen, wie „Richard III.“, den er zweimal gab, bei Stroux in Düsseldorf und bei Wekwerth in Zürich, aber so schurkig gar nicht sein, als dass da das tragische Marterholz, an das dieser Bluthund sich selber nagelte, nicht auch wieder sofort zur eleganten Gehhilfe für den krüppeligen König geworden wäre.

          Als Kortners und Schillers Ferdinand in „Kabale und Liebe“, von deren Probe in den Münchner Kammerspielen es eine eindrucksvolle Filmstudie Hans Jürgen Syberbergs gibt, war er 1965 der rasende Jüngling, der minutenlang gegen seinen „Möööörrrrdavaaata!“ den Offiziersdegen wild und mutig schwingt, aber den Kuss für Luise zaghaft wie ein schüchterner Abiturient auf Christiane Hörbigers Lippen drückte - doch auf Kortners vom Regiestuhl aus geknarzten Befehl „Läääängrrrr küssssn!“ sich mit einem Handkuss bei seiner Partnerin für seine Zaghaftigkeit entschuldigte. Der Mann hat Manieren. Und ist der Manieriertesten einer - der sich seine Natürlichkeit hart erspielt hat.

          Ein mürb jungenhaftes Altersstrahlen

          Fürs Tragische hat er eigentlich zu viel Geschmack. Fürs Komische aber auch. So bewegte er sich im schön gesäumten Wunderniemandsland zwischen beidem: prädestiniert für Nestroy-Rollen, für die gallig Zerrissenen wie für die rasend Resignierten (sein legendärer rothaarglühender Titus Feuerfuchs im Salzburger „Talisman“ von 1976!) - aber stets umflort vom Abendlandschein mild-grotesker Ironie. Alles mit der eleganten linken Hand und dem rechten moderaten Ingrimm über die Rampe gekellnert. Noch als Gigerl ein Dandy - und als Dandy nie den Wurstel vergessend, aus dessen Theaterhaut er sich den wie angegossen passenden Frack hat schneidern lassen. Oder die gestreiften Hosen, in denen er Horváths Strizzis und Liebestöter gab, gefährlich, bös und gierig, aber unendlich einsam. Bis dorthin, wo Einsamkeit doch ein bisserl kitschig wird.

          Am besten ist er, wenn er gar nichts machen muss: Als Stephan von Sala in Thomas Langhoffs Salzburger Inszenierung von Schnitzlers „Einsamem Weg“ (1987) zum Beispiel stand er still staunend und unendlich traurig vor dem, was das Leben und die Liebe von einem Menschen fordern könnten: nichts als Hingabe - bis in den Tod. Den Tod aber nahm er, eine letzte Zigarette dem wehen und kranken Herzen zumutend, leicht wie eine Feder. Und als Graf Almaviva in Horváths „Figaro lässt sich scheiden“ in Luc Bondys Wiener Festwochen-Regie (1998) schien er auf ein ganzes verpfuschtes Ehe- und Aristokratenleben mit der Resignation nur eines Mundwinkels herunterzulächeln - mit dem anderen aber auf der neuen Zeit und der Revolution herumzukauen. Mit einem mürb jungenhaften Altersstrahlen, überwölbt von einer sonor tremolierenden Stimme.

          Er begann als Operettenbuffo in Klagenfurt, wechselte bald nach Wien in die Josefstadt, dann ans Burgtheater, machte die Tour durch die großen Häuser in Berlin, Hamburg, München, Zürich und Düsseldorf und nahm es am Ende seiner Schauspielersolisten-Karriere auch auf sich, ein Intendant in Wien zu sein: Er machte aus dem Theater in der Josefstadt ein Haus, das künstlerisch sich wohlig nach der bürgerlichen Decke streckte, die in der vorvorigen Jahrhundertwende gewebt wurde - aber finanziell in die politischen Schlagzeilen geriet, was er nobel überstand und sogar seinem scheiternden Direktoren-Nachfolger noch einmal einspringend nachfolgte. An diesem Mittwoch feiert er seinen achtzigsten Geburtstag.

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