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Helge Schneider : In den Herzen wird's warm

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Helge Schneider ist erwachsen geworden Bild: F.A.Z.-Christian Thiel

Den wahren Helge Schneider erlebt man nicht in Dani Levys Hitler-Film, sondern auf der Bühne. Dort zeigt er sich in der Form seines Lebens - und beweist, dass er einer der beiden großen intelligenten Entertainer Deutschlands ist.

          3 Min.

          Helge Schneider trifft auf der Bühne Udo Lindenberg, aber Udo ist gar nicht da. Udo trägt seinen Tarnkappenanzug, ist unsichtbar, wir hören nur seine Stimme, die mit Helge am Flügel ein Duett vorträgt, das - in groben Zügen - von der fragwürdigen Notwendigkeit von Autobahnen handelt und von Vögeln, die am Horizont fliegen. Immer weiter drehen Helge-Udo und Helge-Helge sich umeinander, treiben sie sich voran in immer neue Windungen ihres Gesangsdialogs, Udos tiefe Schwammelstimme kontrastiert zu Helges extra käsigem Gekrähe - und immer wenn man denkt, es könne doch unmöglich noch lustiger werden; unmöglich könne doch hier nun noch eine weitere Wendung erfolgen; ja, selbst als endlich ein Finale erreicht scheint, sattelt Helge Schneider in der Form seines Lebens immer noch weiter und weiter drauf, zwingt er das Publikum in seiner Show „I brake together“ im Berliner Admiralspalast vor Lachen von den Stühlen und zu Boden.

          Nicht, dass eine Lindenberg-Persiflage das Schwerste wäre, was es für einen Komiker zu tun gäbe. Es aber heutzutage zu tun, da die Figur Lindenberg eine überlebte ist; es mit dieser Wärme zu tun, welche die Figur trotz allem Ulk größer und stärker werden lässt; schließlich: die hingeschmockte Klavierballade inmitten ihrer Verballhornung wieder zu einem Stück Musik zu machen - das macht Helge Schneider in Deutschland niemand nach, so komisch zu sein bis zum Anschlag, dabei so zart melancholisch und unböse.

          Zyniker allesamt

          Rülpsende, grimassierende Klassenkasper füllen ja ansonsten die Hallen, pointenfreie Klamauk-Haudraufs, die dem Publikum vor allem Hinrichtungen anzubieten haben: Nun möge es sich doch bitte schön anderthalb Stunden schlapp lachen über die Großkopferten, möge sie vernichtet und verspottet sehen - um sich dann hinterher wieder zu trollen, weit unterhalb jener in Abwesenheit Belachten, die das alles nicht juckt. Unsere Satiriker, Kabarettisten und Comedians sind Zyniker allesamt, und nur einer weiß immerhin durch Gedankenschärfe zu bestechen. Wo Harald Schmidt aber in seiner Alldistanz allmählich zu erstarren scheint, da ihm kein Ja zu Gebote steht, sehen wir mit großen Augen zu, wie die Bühnenfigur Helge die nächste Stufe zündet.

          Der Aufmachung zum Trotze: Schneider besticht durch Gedankenschärfe

          Helge Schneider hat nie versucht, sich zu erheben. Über die Großkopferten nicht, die ihm zu Recht egal sind; doch auch nicht über jene schlichten, tristen, skurrilen Menschen in den Tchibo-Stehcafés, die ihm, wie er einmal gesagt hat, als reiche Inspirationsquelle dienen. Gern hat er schon immer den Nonsens hergenommen, der in der täglichen Kommunikation steckt, natürlich auch die allgegenwärtigen Stuss-Klischees der Schlagermusik. Nie aber hat Helge Schneider eine Bösartigkeit und Zerstörungswut gegen andere nötig gehabt. Wo sie ihn anwandelte, verätzte sie vor allem den Bühnenhelge selbst: Bekannt und groß wurde er als der ewige Pausenlasser, Selbstabbrecher, Sprachverhauer und nicht zuletzt als der immer wieder tonnenschwer niedergedrückte Musiker, der nur in Andeutungen, in grotesker Kostümierung und auf unpassenden Instrumenten aufblitzen lassen konnte, was in ihm lebte, wuchs und blühte.

          Das erstaunlichste Solo

          Eine Musikerseele durch und durch, die sich in der Inversion zu erkennen gab, in der komischen Zielgenauigkeit, mit der sie Rhythmus, Ton und Sprache zu zerstören unternahm. Dies war das zweite Wesen im Bühnenclown Helge, klein und scheu lugte es nur dann und wann hervor. Und das typische Helge-Schneider-Konzerterlebnis waren jene erstaunten Blicke im Publikum, wenn er mitten im Unfug für wenige Sekunden das erstaunlichste Solo auf irgendeinem nicht minder erstaunlichen Instrument hervorzuzaubern wusste.

          Nun ist er groß geworden. Nun ist er einer der beiden großen intelligenten Entertainer, die Deutschland zurzeit kennt. Der eine, wir sagten es bereits, scheint in die innere Rente gehen zu wollen. Helge Schneider aber, der Nichtzyniker, hat nicht nur in die großen Hallen und in eine schichtenumspannende Popularität gefunden, er scheint auch Vertrauen gefasst zu haben, scheint gewachsen zu sein in der Wärme der Herzen: Viel weniger Selbstzerstörung als früher gibt es in seiner Bühnenshow zu sehen. Helge, der stets den Karikierten verzieh, scheint auch sich selbst verziehen zu haben.

          Der Anarchie entwachsen

          Was er am Freitagabend im Admiralspalast zeigte, ist der Anarchie entwachsen: Helge Schneider, der nur vorübergehend in einem absurden Piratenkostüm auftaucht, gibt mit seiner prächtigen Band vor allem ein Konzert. Mutiger als früher drängt der Musiker Schneider zum Vorschein, zeigt, dass er vor allem eines möchte und kann: spielen. Dies könnte das Ende des Bühnenclowns Helge Schneider bedeuten, könnte das Publikum in Scharen hinauspusten aus den Sälen.

          Im Gegenteil aber ist er unterhaltsamer denn je: Helge Schneider 2007 füllt zweieinhalb Stunden mühelos und stringent, sein Timing ist brillant wie immer, kann sich auch in seiner positiven, nicht nur in der invertierten Form zeigen. Und gern nimmt man hin, dass die Lieder im Großen und Ganzen unzerstört bleiben, dass Helge und seine Kapelle Momente zum Merken schaffen. Spitzendrummer Pete York legt ein virtuoses und freudvolles Solo hin, das mit der größten Begeisterung quittiert wird. Manchmal schafft die Band das Unmögliche: eine Schlagerpersiflage zu spielen, die komisch und doch mitreißend ist und die sich plötzlich zu einem Gitarrensolo hin öffnet, das inmitten gewollter Abgeschmacktheit anzurühren vermag.

          Helge Schneider ist nicht nur immens groß geworden, er hat das auch noch überlebt. Die Euphorie, die er im Berliner Publikum hervorruft, gründet in seiner melancholischen Neugier auf die Seele des Menschen; in seinem Unwillen, wen oder was auch immer zur bloßen Watschenfigur zu machen, weil man in der Watschenfigur nichts - vor allem sich selbst nicht - erkennen kann.

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