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Salzburger Festspiele : Das Schlachtfeld ist ihr Laufsteg

Ein Königreich für ein Schaukelpferd? Kristof Van Boven als Heinrich und Lina Beckmann als Richard in Salzburg. Bild: Monika Rittershaus

Poppige Horrorshow mit Lina Beckmann: „Heinrich VI.“ und „Richard III.“ werden bei den Salzburger Festspielen als Shakespeare-Melange dargeboten.

          3 Min.

          Am Vormittag hatte der ehemalige Kulturstaatsminister Julian Nida-Rümelin in seiner Festspielrede noch rhetorisch nach etwas „Positivem“ gefragt: „Statt Utopien haben wir gegenwärtig nur noch Dystopien. . . . Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage: Wo bleibt das Positive?“ Im Klimawandel, einem drohenden Atomkrieg und den sozialen Konsequenzen der digitalen Transformation machte Nida-Rümelin die drei zentralen dystopischen Tendenzen des Zeitalters aus und setzte ihnen die humanistische Utopie einer zivilkulturellen Demokratie entgegen. Nur in ihr könne der Mensch seine „Autorschaft“, die freie Wahl seiner Lebensart, behaupten.

          Simon Strauß
          Redakteur im Feuilleton.

          Nein, brüllte diesem champagnerfrühstückshaften Festredenbonmot dann am Abend ein genüsslich in seinem Wahn wühlender Richard entgegen, nein, auch in Diktatur und unmenschlichster Gewaltherrschaft ist freie Autorschaft möglich. Gerade in der totalen Dystopie liegen Kraft und Selbstbewusstsein für das Individuum. Vier Stunden lang stand die Körper und Stimme verschwendende Lina Beckmann auf der Halleiner Bühne, um allem korrekten Schönwettergerede draußen zu widersprechen.

          „Als ich auf die Welt kam, war die Luft voller Schreie“, so lautet in dieser, Shakespeares „Heinrich VI.“ und „Richard III.“ verschmelzenden und mit Texten aus Tom Lanoyes „Eddy the King“ kombinierenden Fassung der erste Satz. Und ein einziger Schrei ist auch dieser vier lange Stunden dauernde Abend – ein Schrei nach einem Pferd (schon zu Beginn), ein Schrei nach Rache, ein Schrei nach Macht. Lina Beckmann gibt den Richard erst als Kind, dann als König. Von der Mutter als „Klumpen aus Verkrüppelung“ beschimpft, von den Brüdern misshandelt, versucht der junge Richard zuerst noch, den Zumutungen seiner Umgebung mit der Arglosigkeit des Kindes zu begegnen. Quengelnd ruft er nach „Papa“ und „Mama“, setzt sich summend aufs Schaukelpferd, rast übermütig mit dem Dreirad herum.

          Vom Selbstekel übermannt

          Aber bald schon übermannt ihn der Selbstekel, treibt ihn die Einsicht, dass „kein Teil an ihm ist, das nicht verkrüppelt wäre“, in den Wahn. Der kleine Richard wird zum Pitbull-Prolo, der sich versuchsweise die Hand im Schritt reibt, den Macho-Gang seiner Brüder imitiert und damit angibt, dass jedes Todesröcheln wie Musik in seinen Ohren klinge. Als er den Vater umgebracht hat, kreischt er wie ein Kleinkind, das vom Topf gehoben werden will: „Ihr könnt kommen, fertig.“ Aber gleich darauf fleht er wieder um Verständnis dafür, dass er, verdammt dazu, die Welt immer nur als Hölle zu erleben, eine messerstechende Furie geworden ist.

          Lina Beckmann, die es wie wenig andere versteht, einen lapidaren Parlandoton anzuschlagen, ohne dadurch das Gesagte oberflächlich klingen zu lassen, hält den ganzen Abend in ihrer Hand. Sie schaut man an, ihr hört man zu, auch wenn die Dramaturgie des zusammengestauchten Königsdramen-Medleys bald schon ermüdet.

          Mit dem Dolch in der Hand: Lina Beckmann als Richard III.
          Mit dem Dolch in der Hand: Lina Beckmann als Richard III. : Bild: dpa

          Gegen die Monotonie des reinen Textvortrags auf einer leicht angeschrägten Scheibenbühne setzt Regisseurin Karin Henkel eine Clockwork-Orange-hafte Horror-Ästhetik, die immer wieder von einer Musikspur aus Technobeats oder liturgischen Chorälen unterlegt wird. Abgedroschene Trump-Zitate und die unkontrollierte Verwendung des Slangwörtchens „fuck“ entschärfen den überschriebenen Shakespeare-Text doppelt und lassen ihn mitunter unfreiwillig arglos wirken. Und doch liegt die Absicht der Regie nicht in der bloßen Karikatur, sondern in dem Versuch, die totgespielten Horror-Figuren noch einmal wachzurütteln und sie als versehrte Glieder eines zerstörten Staatskörpers zu präsentieren.

          Der Abend funktioniert wie eine schaurige Modenschau, bei der die Mannequins in immer neuen, noch hässlicheren Verkleidungen auftreten. Am besten gelingt das, wenn der spielwütige Kristof Van Boven (als Heinrich VI. oder auch Lady Anne) oder die grantelnde Kate Strong (als Edward IV. und Herzogin von York) sich neben Lina Beckmann stellen. Dann wirkt ihr Unterlaufen aller Bedeutsamkeit nicht einfach pubertär, sondern provozierend. Dann gibt ihre Körperlichkeit dem am überzeugendsten Ausdruck, was in ihrer Figur brodelt und abrupt aus abgrundtiefem Selbstekel in grenzenlosen Übermut umschlagen kann.

          Nach der Pause wird der düstere Laufsteg zu einem nebligen Schachbrett, auf dem der Kronrat als Männerbande im Nadelstreifenanzug starr herumsteht und von einem intrigensicheren Richard „flache Hierarchien, Feedbackkultur und Frauenquote“ versprochen bekommt. Er, der bisher von allen als „Warzenschwein“ verhöhnt wurde, ist nun der gefürchtete König, der wahllos morden kann. Banal wird es, wenn Richards Grausamkeit als Ausdruck eines „Minderwertigkeitskomplexes“ erklärt und eine immer derbere Sprache noch durch plötzliche Musikeinspielungen verstärkt werden muss, um Schrecken zu erzeugen.

          „Alles, was ich tat, musste ich tun, damit die Welt mir nicht entgleitet“, rechtfertigt der Herrscher sich am Ende und tauscht seinen Blazer gegen eine Glitzerjacke ein. Einmal noch gelingt der Beckmann zu Elvis ein furioses Antanzen der eigenen Mutter, dann steht sie allein auf der schwarzen Scheibe unter Leuchtkugeln, die aussehen wie im Sturz gefrorene Sterne: „Die Leichen am Weg vergisst man schnell – und weiter und weiter rollt die Welt“, ruft sie mit gebrochener Stimme. Dass der Abend damit nicht endet, sondern noch einmal in Maschinengewehrsalven und Beiläufigkeiten untergeht, ist symptomatisch für seinen ausufernden Charakter. Henkels offensichtlicher Versuch, an die in der Festspielchronik als außergewöhnlich vermerkte Shakespeare-Adaption „Schlachten“ von Luk Perceval aus dem Jahr 1999 anzuschließen – damals wie heute verantwortet Katrin Brack das schlichte Bühnenbild –, scheitert. Aber mit Lina Beckmann hat das in Salzburg nach wie vor stiefmütterlich behandelte Schauspiel neben seinem gefeierten neuen Jedermann eine weitere herausragende Erscheinung.

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