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Ruhrfestspiele 2019 : Gute Männer, die nichts unternehmen

  • -Aktualisiert am

Geschmacksbewusst in den Untergang: Die westliche Zivilisation weiß sich ihren Abtritt in der Bochumer Aufführung kulinarisch zu versüßen. Bild: Robert Schittko

Im „Heerlager der Heiligen“ beschreibt Jean Raspail die Ohnmacht des Westens vor der Migration. Die Ruhrfestspiele können damit nichts anfangen.

          Im Jahr 1973 erschien beim französischen Verlag Robert Laffont ein Buch, das von hohen Wellen träumte und ebensolche schlug. Jean Raspails „Heerlager der Heiligen“ imaginiert ein Meer, das lange still daliegt und sich von einer Flotte heruntergekommener Handelskähne mühelos überqueren lässt. An Bord befinden sich achthunderttausend arme Inder. Eine „Armada der letzten Chancen“, die sich von Kalkutta aufmacht, am Suezkanal nicht durchgelassen und von Südafrika vertrieben wird und schließlich an der Côte d’Azur ankommt, wo sie vom französischen Volk mit offenen Armen empfangen wird. Erst als die Migranten an Land gegangen sind, beginnen die Wellen wieder zu schlagen. Dann ist die Rache der dritten an der ersten Welt vollbracht.

          Eine satirische Dystopie, sagen die einen, ein rassistischer Roman, „white supremacist literature“, sagen die anderen. Denen, die sich nicht die Mühe machen wollen, die vierhundert Seiten des in Deutschland vom „Identitären“ Martin Lichtmesz übersetzten und vom Antaios-Verlag verlegten Textes zu lesen, genügt das Wissen darum, dass der Roman zu den Lieblingsbüchern von Stephen Bannon zählt und Marine Le Pen Zitate daraus in ihrem Wahlkampf verwendet. Die Liste der Bewunderer ist allerdings noch länger: Ronald Reagan zeigte sich nach der Lektüre „unglaublich beeindruckt“, Jean Anouilh lobte es als ein „bewegendes Buch von unwiderstehlicher Stärke und ruhiger Logik“, Samuel Huntington zählt zu den faszinierten Lesern ebenso wie Michel Houellebecq, der sich vom „Heerlager“ nach eigenen Angaben für sein Erfolgsbuch „Unterwerfung“ inspirieren ließ. 2015 stand Raspails Buch plötzlich wieder an der Spitze der Amazon-Verkaufsliste in Frankreich. Mit seinem zynisch-parodistischen Tonfall und seinen brachialen Untergangsphantasien traf und trifft es einen empfindlichen Nerv unserer moralisch sensiblen Gesellschaft.

          „Der Schwarze verabscheut den Weißen, und der Weiße verachtet den Schwarzen“

          Raspail selbst, der seine Karriere in den fünfziger Jahren als Reiseschriftsteller und Kolumnist für „Le Figaro“ begann, insgesamt etwa vierzig Bücher – meist Auslandsberichte und Historienromane – geschrieben hat und heute hochbetagt als „ultrareaktionärer Monarchist“ zurückgezogen in Paris lebt, beteuerte vergangenes Jahr in einem Interview mit dem „Spiegel“ im Duktus des Ethnopluralismus: „Ich habe keinen Widerwillen gegenüber fremden Völkern, im Gegenteil. Vor allem die Minderheiten haben mich immer sehr beeindruckt.“ Um dann, quasi im Abgehen, noch den entscheidenden Satz anzuschließen: „Aber heute sind wir die Minderheit“. Da zuckte sie kurz auf, die Angst vor dem großen Austausch. Vor einer Bevölkerung, die sich nicht mehr selbst verteidigen kann, vor einem feigen Westen, der im entscheidenden Moment die Waffen streckt und den Kopf in den Sand steckt.

          Raspails Buch, das er an der Côte d’Azur in der Villa eines alten Grafen geschrieben haben soll – am Fenster der Bibliothek, vor ihm bis Afrika nur noch das Mittelmeer –, ist im Grunde eine einzige vulgärapokalyptische Phantasie über den Edmund Burke zugeschriebenen, aber in Wahrheit von John Stuart Mill geprägten Satz: „Das Einzige, was für den Triumph des Bösen nötig ist, sind gute Männer, die nichts unternehmen.“ Die Erzählung von der unweigerlich näher rückenden Armada und den darauf verlogen-hilflos reagierenden Repräsentanten der westlichen Wohlstandsgesellschaft wird von der heimlichen Sehnsucht nach bewaffnetem Widerstand und wahrem Volksempfinden begleitet.

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