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Hebbel und Borchert am Frankfurter Schauspiel : Der Krieg ist der Stiefvater aller Dinge

Expressionismus ist eine coole Knarre: Isaak Dentler als Der Andere und Heidi Ecks als Frau Kramer in Borcherts „Draußen vor der Tür“, das zusammen mit den „Nibelungen“ die Frankfurter Saison eröffnet Bild: Birgit Hupfeld

Mythische Abgründe und abgrundloser Jux: Das Frankfurter Schauspiel zeigt Friedrich Hebbels „Nibelungen“ und Wolfgang Borcherts „Draußen vor der Tür“ in Schlachtversionen.

          4 Min.

          Die deutsche Kultur des Handwerklichen hat auch den Krieg als grandiose Maschine dargestellt, wie das Frankfurter Schauspiel zur Eröffnung der neuen Spielzeit vorführt. „Die Nibelungen“ Friedrich Hebbels, des Katastrophenrealisten der Industrialisierungsepoche, der die zahnradgenaue Unerbittlichkeit politischer Eskalationslogik vorführt, ist dort soeben in einer monumental durchgearbeiteten Inszenierung von Jorinde Dröse gravitätisch über die Bühne gegangen. Konsequenterweise ist als Gegenstück in den Kammerspielen eine neue Version des Antitheaterstücks „Draußen vor der Tür“ zu sehen, worin der Spätexpressionist Wolfgang Borchert am Ende des verlorenen Zweiten Weltkriegs dessen menschlichen Sondermüll vorführt. Und auch der Regiestil des hierfür verantwortlichen Jürgen Kruse, der seine Darsteller zu fulminanten Improvisationen animiert, das Stück aber schließlich in überflüssigen Hinzudichtungen versickern lässt, ist zu Dröses Hebbel-Regie das genaue Gegenteil.

          Kerstin Holm

          Redakteurin im Feuilleton.

          In den auf kommode Abendlänge gerafften Frankfurter „Nibelungen“ treten Hebbels halb mythische, halb moderne Helden als undressierte Außenseiter beziehungsweise uniforme Anzugträger in einem schummrig halbdunklen, fast leeren, undefinierbaren Raum auf. Die Bühnenbildnerin Susanne Schuboth hat auf die runde Drehbühne vier schwenkbare Querwände montiert, die abwechselnd Gassen, Korridore, Waldesdickicht und Schlafkammern beschwören und suggestiv mit Nebelvideos bespielt werden. Das politische Quartett aus König Gunther, Hagen Tronje, Spielmann Volker und Königsbruder Giselher stellt sich mit einem kollektiven Platzhirschtanz vor, der unbetextet zweifellos noch ausdrucksvoller gewesen wäre. Die leider platte Sprechchorouvertüre „Wir sind stark, wir sind Männer!“ denkt der Zuschauer sich am besten weg.

          Zwei Rechtslogiken im Duell

          Doch der dann rasch zu seinem Recht kommende Originaltext erklingt dann in vorzüglicher Diktion, als sei er gerade frisch geschrieben worden. Als die zentrale Figur des nibelungentreuen Hagen glänzt quecksilbrig Nico Holonics, der als Einziger zum Anzug irritierend rote Socken trägt und den skrupellosen Siegfriedmörder auch als klarsichtigen Psychologen gibt, der - wiederum als Einziger - die Folgen seines und der anderen Tuns vorhersieht. Mit dem drahtigen Hagen und seinem Diplomatenlächeln kontrastiert der auch äußerlich zu groß geratene Einzelgänger Siegfried von Lukas Rüppel, der, obwohl angeblich König, informell in Turnschuhen und Schlabberpulli erscheint. Der Wille der alten Götter, die Hebbel bewusst aussparte, scheint kurz noch auf in einem Traumvideo, worin sich Rüppels Jungengesicht an die archaisch avantgardistisch kriegsbemalte Brunhilde schmiegt. Doch der reine Tor verliebt sich an Gunthers Hof in dessen gretchenschöne Schwester Kriemhild, von Verena Bukal zartherb verkörpert, und wird durch seinen Vasallendienst als Bezwinger der für Gunther unbezwingbaren Eisprinzessin Brunhild zugleich zu dessen Schwager - und zu seinem Problem.

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