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Harper Lees „Nachtigall“ : Ein Atticus für alle

  • -Aktualisiert am

Weiser alter Mann: Jeff Daniels als Atticus Finch mit Celia Keenan-Bolger als Scout am Shubert Theatre. Bild: SARA KRULWICH/The New York Times

Der Oscar-Preisträger Aaron Sorkin beflügelt mit Harper Lees „Nachtigall“ den Broadway. Vorausgegangen war der Produktion ein Rechtsstreit mit den Erben der Autorin.

          Der Broadway feiert dieser Tage einen neuen Hit, und fast scheint es so, als steckte der Erfolg des jüngsten Kassenschlagers diesmal in der DNA des Stoffes selbst. Keiner Geringeren als der 2016 verstorbenen Harper Lee hat sich der Dramatiker Aaron Sorkin angenommen – und mit ihrem millionenfach verkauftem Erstling „Wer die Nachtigall stört“ einen modernen Klassiker für die Bühne adaptiert. Seit seiner Premiere Mitte Dezember hat das Stück rund 15 Millionen Dollar eingespielt und ist schon jetzt eine der erfolgreichsten Theaterproduktionen in der Geschichte des Broadways.

          An der Originalrezeptur hat Sorkin, der 2011 mit einem Drehbuch-Oscar für den Facebook-Streifen „The Social Network“ prämiert wurde, nicht allzu viel geändert. Seine dramaturgischen Eingriffe tun dem Südstaaten-Larghetto der Romanvorlage keinerlei Abbruch, sie verhelfen der Story vielmehr zu der für die Bühne benötigten höheren Schlagzahl. Dabei verliert die Handlung um den integren Anwalt-Vater Atticus Finch selbst im Sorkin-typischen Dialogschnellfeuer nie die ihr eigene Gravitas. Und auch das atmosphärische Bühnenbild (Miriam Buether) macht es der eingeschworenen Lee-Fangemeinde mit seinem verspielten Kleinstadtflair leicht, sich für die Neuinszenierung zu begeistern.

          Dabei hatte die Produktion bereits vor Beginn der ersten Proben für einigen Wirbel gesorgt. Lee hatte die Adaption 2016 noch wenige Wochen vor ihrem Tod genehmigt. Nachdem die Verwalter ihres Nachlasses Anfang 2018 jedoch das Team um Regisseur Bartlett Sher und Produzent Scott Rudin verklagt hatten, drohte für kurze Zeit sogar ein Produktionsstopp. Der Grund: Sorkins Versuche, die Rassismusthematik im Zentrum des 1960 veröffentlichten Romans in ein zeitgemäßes Gewand zu kleiden, gingen den Erben allesamt zu weit. Zu stark weiche die Adaption vom „Geist“ der Vorlage ab; sie gefährde das literarische Erbe der Autorin und damit „die Integrität eines amerikanischen Klassikers“.

          Zu einer von Rudin vorgeschlagenen Probe-Aufführung vor Gericht kam es dann zwar nicht – man einigte sich im Stillen –, doch der Schaden war immens. Denn auch wenn man im Programmheft nach den Anwälten beider Parteien vergeblich sucht – als „Ko-Autoren“ dürften diese einen nicht unbeträchtlichen Anteil an der Fassung haben, die jetzt im New Yorker Shubert Theatre zu sehen ist.

          Respekt und Verständnis

          Sorkin selbst äußerte sich kurz vor der Premiere in einem Essay versöhnlich zu dem Kompromiss; knapp die Hälfte der angemahnten Passagen seien letztlich einkassiert worden. Aus einer frühen Fassung des Skripts geht hervor, dass es sich dabei vor allem um Stellen handelt, die die Charakterentwicklung der im Roman von Fehl und Tadel freien Figur des Atticus Finch betreffen. Ursprünglich geplante Szenen, die den milden Advokaten der Menschlichkeit etwa als gelegentlichen Trinker, als Besitzer einer Waffe oder gar als Vertreter zunächst fragwürdigerer Ansichten zur Rassenfrage gezeigt hätten – und damit als Mensch seiner Zeit –, sind nun nicht zu sehen.

          Spekulationen, dass Sorkins ambivalenter Atticus von der 2015 unter dem Titel „Go Set A Watchman“ publizierten Frühfassung der „Nachtigall“ inspiriert gewesen sein könnte, räumte der Autor dabei aus. In dem kontrovers diskutierten Skript, das 2014 wiederentdeckt worden war, kehrt die mittlerweile erwachsene Erzählerin Scout zwanzig Jahre später in die Heimat zurück und entdeckt, dass der vermeintlich progressive Vater im Alter mit den Erfolgen der schwarzen Bürgerrechtsbewegung hadert. Sorkin selbst gibt an, den „Wächter“ nicht gelesen zu haben; seinen Atticus plagen in der Tat weniger grundlegende Zweifel als den alternden Anwalt im Wächter-Roman.

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          Dem Erfolg der Produktion tut all das keinen Abbruch, im Gegenteil: Die Besetzung ist gleichermaßen prominent wie brillant. Neben Tony-Preisträger Jeff Daniels (Atticus Finch) wurde unter anderen LaTanya Richardson Jackson für die Rolle der resoluten Haushälterin Calpurnia verpflichtet sowie Gbenga Akinnagbe (The Wire), der den angeklagten Tom Robinson spielt. Letzteren Figuren räumt Sorkins Version dabei weit mehr Platz ein als das Original. Mit größeren und zugleich kritischeren Redeanteilen wurden die beiden einzigen schwarzen Rollen gegenüber der Romanvorlage aufgewertet.

          Sorkins Entscheidung, dem weißen Übergewicht in der Stückanlage entgegenzuwirken, zahlt sich aus. Das ermöglicht ihm, zugleich auch der zentralen Botschaft des Romans aus argumentativer Sicht einen Gegenspieler zu verleihen: Der Frage nämlich, ob Respekt und Verständnis tatsächlich stets die besseren Mittel im Umgang mit Intoleranz sind, oder ob Empörung und Konfrontation nicht doch ihr Recht gebührt. Das will die Adaption nun nicht mehr so eindeutig entscheiden, wie es der weise Atticus der Lee’schen Vorlage noch kann.

          Querverweise zur politischen Gegenwart

          Deren Handlung, die in den dreißiger Jahren im kleinen Südstaaten-Städtchen Maycomb in Alabama angesiedelt ist, gipfelt in dem berühmten Gerichtsverfahren um die vermeintliche Vergewaltigung einer Weißen durch den Schwarzen Robinson. Das Stück setzt hier in medias res ein und erzählt die Rahmenhandlung, die im Roman dem Verfahren vorausgeht, zwischen den einzelnen Zeugenaussagen in Form von Rückblenden der beiden Kinder-Erzähler Scout (Celia Keenan-Bolger) und Jem (Will Pullen). Atticus, der Vater der beiden und Robinsons Pflichtverteidiger, kann die Unschuld des Angeklagten zwar beweisen, muss sich aber letztlich angesichts einer nicht farbenblinden amerikanischen Justiz zur Mitte der Dreißiger dem Unrecht beugen.

          Dass dieses Thema auch heute, rund achtzig Jahre später, nichts von seiner Brisanz eingebüßt hat, zeigt das Stück durch wohldosierte Querverweise zur politischen Gegenwart: Noch immer sitzen in Gefängnissen der Vereinigten Staaten mehrheitlich Schwarze, und vor dem Hintergrund eines erstarkenden weißen Nationalismus rückt das Stück die von Atticus vertretene Maxime des Respekts selbst gegenüber den Respektlosen bisweilen in kritische – und durchaus fragwürdige – Nähe zu Haltungen wie der Donald Trumps, dass auch unter den Rassisten-Mobs von Charlottesville viele „gute Menschen“ seien.

          Diese Gemengelage hätte für die Produktion ein Homerun werden können, letztlich aber scheitert sie an ihr, indem sie das Atticus-Motto einem eher fragwürdigen Humorverständnis opfert. Zu oft driftet der auf schlagfertigen Repliken basierende Sitcom-Humor Sorkins nämlich in ein bloßes Lächerlichmachen solcher Figuren ab, die offensichtlich anderer Meinung und Bildung sind als das liberale New Yorker Publikum.

          Dass es auch anders geht, zeigt eine eindrückliche Szene in der Mitte des Stücks: Im weißen Mob, der in der Nacht vor dem Verfahren zum County-Gefängnis kommt, um Robinson zu lynchen, befindet sich mit Mr. Cunningham auch ein Freund der Familie Finch. Als Scout den Mann identifiziert und auf seinen Sohn anspricht, gelingt für einen Moment der Schritt hinüber in die Haut der anderen. Denn während Cunningham die Haube abnimmt und den Trupp zum Abzug bewegt, scheint auf der Bühne wie im Publikum die Zeit stillzustehen. In der unbeholfenen Scout und ihrem nervösen Hin-und-her-Gelaufe zwischen den Parteien spiegelt sich in dieser Szene kurz die Polarisierung einer Gegenwart, in der etwas mehr Atticus Finch für alle gar keine so schlechte Idee wäre.

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