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Harper Lees „Nachtigall“ : Ein Atticus für alle

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Dem Erfolg der Produktion tut all das keinen Abbruch, im Gegenteil: Die Besetzung ist gleichermaßen prominent wie brillant. Neben Tony-Preisträger Jeff Daniels (Atticus Finch) wurde unter anderen LaTanya Richardson Jackson für die Rolle der resoluten Haushälterin Calpurnia verpflichtet sowie Gbenga Akinnagbe (The Wire), der den angeklagten Tom Robinson spielt. Letzteren Figuren räumt Sorkins Version dabei weit mehr Platz ein als das Original. Mit größeren und zugleich kritischeren Redeanteilen wurden die beiden einzigen schwarzen Rollen gegenüber der Romanvorlage aufgewertet.

Sorkins Entscheidung, dem weißen Übergewicht in der Stückanlage entgegenzuwirken, zahlt sich aus. Das ermöglicht ihm, zugleich auch der zentralen Botschaft des Romans aus argumentativer Sicht einen Gegenspieler zu verleihen: Der Frage nämlich, ob Respekt und Verständnis tatsächlich stets die besseren Mittel im Umgang mit Intoleranz sind, oder ob Empörung und Konfrontation nicht doch ihr Recht gebührt. Das will die Adaption nun nicht mehr so eindeutig entscheiden, wie es der weise Atticus der Lee’schen Vorlage noch kann.

Querverweise zur politischen Gegenwart

Deren Handlung, die in den dreißiger Jahren im kleinen Südstaaten-Städtchen Maycomb in Alabama angesiedelt ist, gipfelt in dem berühmten Gerichtsverfahren um die vermeintliche Vergewaltigung einer Weißen durch den Schwarzen Robinson. Das Stück setzt hier in medias res ein und erzählt die Rahmenhandlung, die im Roman dem Verfahren vorausgeht, zwischen den einzelnen Zeugenaussagen in Form von Rückblenden der beiden Kinder-Erzähler Scout (Celia Keenan-Bolger) und Jem (Will Pullen). Atticus, der Vater der beiden und Robinsons Pflichtverteidiger, kann die Unschuld des Angeklagten zwar beweisen, muss sich aber letztlich angesichts einer nicht farbenblinden amerikanischen Justiz zur Mitte der Dreißiger dem Unrecht beugen.

Dass dieses Thema auch heute, rund achtzig Jahre später, nichts von seiner Brisanz eingebüßt hat, zeigt das Stück durch wohldosierte Querverweise zur politischen Gegenwart: Noch immer sitzen in Gefängnissen der Vereinigten Staaten mehrheitlich Schwarze, und vor dem Hintergrund eines erstarkenden weißen Nationalismus rückt das Stück die von Atticus vertretene Maxime des Respekts selbst gegenüber den Respektlosen bisweilen in kritische – und durchaus fragwürdige – Nähe zu Haltungen wie der Donald Trumps, dass auch unter den Rassisten-Mobs von Charlottesville viele „gute Menschen“ seien.

Diese Gemengelage hätte für die Produktion ein Homerun werden können, letztlich aber scheitert sie an ihr, indem sie das Atticus-Motto einem eher fragwürdigen Humorverständnis opfert. Zu oft driftet der auf schlagfertigen Repliken basierende Sitcom-Humor Sorkins nämlich in ein bloßes Lächerlichmachen solcher Figuren ab, die offensichtlich anderer Meinung und Bildung sind als das liberale New Yorker Publikum.

Dass es auch anders geht, zeigt eine eindrückliche Szene in der Mitte des Stücks: Im weißen Mob, der in der Nacht vor dem Verfahren zum County-Gefängnis kommt, um Robinson zu lynchen, befindet sich mit Mr. Cunningham auch ein Freund der Familie Finch. Als Scout den Mann identifiziert und auf seinen Sohn anspricht, gelingt für einen Moment der Schritt hinüber in die Haut der anderen. Denn während Cunningham die Haube abnimmt und den Trupp zum Abzug bewegt, scheint auf der Bühne wie im Publikum die Zeit stillzustehen. In der unbeholfenen Scout und ihrem nervösen Hin-und-her-Gelaufe zwischen den Parteien spiegelt sich in dieser Szene kurz die Polarisierung einer Gegenwart, in der etwas mehr Atticus Finch für alle gar keine so schlechte Idee wäre.

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