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Harald Schmidt als Volpone : Die Täter der Klamotte

  • -Aktualisiert am

Ein Albtraum aller Pfleger und Erbschleicher: Harald Schmidt als Volpone zwischen Matthias Klein und Minna Wündrich Bild: dpa

Harald Schmidt gibt im Stuttgarter Schauspiel den Volpone, einen zynischen Kaufmann und Albtraum aller Kriecher und Erbschleicher. Aus der plumpen Medizinalklamotte wird aber auch mit ihm keine Sternstunde.

          Harald Schmidt ist jetzt schon bald drei Jahre einfaches Ensemblemitglied im Stuttgarter Staatstheater. Nie freilich würde die erprobte Rampensau es wagen, sich an Hamlet oder Nathan zu vergreifen; schließlich hat man ihn ja auch nicht als Minetti-Ersatz verpflichtet, sondern als Mümmelmann fürs leichte Fach. Wenn er den Polonius in Strumpfhosen oder Polleschs Mädchen für alles spielt, ist das für die Boulevardpresse eine Eilmeldung wert. Diesmal hieß die Schlagzeile „Harald Schmidt spielt Schlitzohr“. Volpone, der Fuchs im Hühnerstall der Kriecher und Erbschleicher, ist seine erste seriöse Hauptrolle, wenn man Soeren Voimas lust- und einfallslose Neufassung von Ben Jonsons Klassiker als seriös bezeichnen mag.

          Schmidt weiß am besten, dass er sich nur selbst spielen kann. Egal, ob er ernsthaft elisabethanische Blankverse deklamiert oder Shakespeare mit Playmobilfiguren nachspielt, fast ehrfürchtig ins Glied zurücktritt oder sich schmierentheatralisch in den Vordergrund spielt: Man sieht immer nur den selbstreflexiven Knattermimen, der erst durch die Überblendung mit der Medienfigur „Harald Schmidt“ an Kontur gewinnt. Ohne Schmidt wäre der Abend nicht der Rede wert, mit ihm wird er keine Sternstunde.

          Harmlose Medizinalklamotte

          Regisseur, Autor und Hauptdarsteller waren sich einig, dass Voimas Stück wie für Schmidt geschrieben sei. Wenn der an seinen Luxusrollstuhl gefesselte Onkel Dagobert „Ich war mit zwanzig Millionen nicht glücklicher als mit zehn“ sagt, erntet er einen der wenigen Lacher an diesem Abend. Tatsächlich aber wurde das Stück 2007 in Köln uraufgeführt, und die derben Scherze über Ärzte und Anwälte, Zutodepflegeversicherung und Gesundheitsreform, die schon damals nicht so recht zünden wollten, haben seither nicht an Brillanz gewonnen. Zwar wird auf der Bühne, einem sterilen Apothekerladen mit giftgrünen Phiolen und Krankenschwesterludern, diesmal relativ wenig Körperflüssigkeit verspritzt und kein Fuchsschwanz blank gezogen. Aber selbst die Late-Night-Show eines indisponierten Schmidt hat mehr politische Brisanz als diese am Tropf hängende Medizinalklamotte.

          Die Grundstimmung ist eher gedeckt: Sarah Sophia Meyer neben Schmidt

          Volpone, der geldgeile Zyniker, der im Discountgeschäft Millionen scheffelte, will sich in einer katholischen Privatklinik einer Vitalkur unterziehen, aber natürlich kann er von seinen bösen Spielchen nicht lassen. Unterstützt von der Chefärztin Dr. Fliegel, simuliert er den Todkranken, um die Aasgeier, die ihm um den Bart gehen, zu rupfen. Geier, der Winkeladvokat, bietet ihm juristischen Gratisbeistand bei der Testamentsabfassung, Raabe, Volpones linke Gewerkschaftshand, sogar seine Frau an, und Wolfowitz enterbt seinen Sohn. Alle Erbschleicher beißen sich an dem Fuchs die Zähne aus, aber auch er selbst beißt zuletzt ins Gras. Fliegel ist noch ausgefuchster als der bumsfidele Hypochonder, und: „Stirbt der Fuchs, so gilt der Balg.“

          Ein gottloser Spötter, der sich im katholischen Sanatorium besinnlich regenerieren will, ein Spieler, der auf Baisse spekuliert, ein gerissener Schauspieler, der seiner eigenen Inszenierung zum Opfer fällt: In Volpone steckt schon einiges von Harald Schmidt zwischen Kreativ- und Sommerpause. Schmidt hat sich im Fernsehen um das Theater verdient gemacht, aber auf der Bühne bringt er es mit seinen Edelchargentricks aus dem Late-Night-Schnäppchenmarkt - näselnde Vokalzerdehnung, Thomas-Bernhard-Hasstiraden - nicht viel weiter. Für Commedia dell'arte ist die Nummer zu plump, für eine Revue zu grobschlächtig.

          Komik aus dem Discounter

          Schmidt ist einen Kopf größer als Regisseur Brey, der nur einen Klamauk ohne Risiken und Nebenwirkungen inszeniert, aber auf Augenhöhe mit seinen Mitpatienten: Florian von Manteuffel macht aus Raabe einen Schreihals mit Pelzmütze, Sarah Sophia Meyer aus seiner polnischen Frau eine radebrechende Schlampe, Minna Wündrich aus der bigotten Chefärztin einen sardonisch grinsenden flotten Feger. Nur Lutz Salzmann und Benjamin Grüter als tolpatschiger Vater und zwangsneurotischer Sohn Wolfowitz machen mehr als billige Späßchen auf dem Rücken der Bettlägerigen.

          Das Stuttgarter Staatstheater wird am Ende der Saison bis auf die Grundmauern abgerissen und für zweiundfünfzig Millionen Euro neu erbaut. Einiges an Technik, Bausubstanz und offenbar auch Anspruch ist bereits abmontiert. Vielleicht hätte man ein paar tausend Euro für die professionelle Aufpäppelung der Pointen vom Komik-Discounter abzweigen sollen. Harald Schmidt hätte es in seiner Sinnkrise wohl aber auch umsonst gemacht.

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