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Schauspiel Stuttgart : Auf Konfrontationskurs mit der Natur

Cora Kneisz und Jonas Matthes tanzen dem Untergang entgegen Bild: Björn Klein

Klassenkampf und Untergang: Das Schauspiel Stuttgart adaptiert Hans Magnus Enzensbergers „Titanic“-Gesänge für die Bühne.

          2 Min.

          Es ist ein diskretes Klopfen auf dem Oberdeck, das an diesem kalten 14. April 1912 die Katastrophe ankündigt, die mehr als 1600 Menschen das Leben kosten soll. Zweihundert Meter ist der Schlitz lang, den das Eis in die Titanic bohrt, nachdem der Atlantikliner um 23 Uhr 40 mit dem Eisberg kollidiert. „Schwarz und lautlos zog er vorbei – ein Knirschen, ein Scharren, ein Riss“, und trotzdem wird in der ersten Klasse weiter auf Porzellan gespeist, werden Gymnastikstunden angeboten und Zigarren geraucht, während den Menschen in der dritten Klasse das Wasser schon bis zum Hals steht.

          Kevin Hanschke
          Volontär.

          Mehr als fünfzehn Mal wird die Katastrophe verfilmt, und auch in der Literatur wird der Untergang dieses Schiffes, das als unsinkbar galt, häufig als Stoffvorlage genutzt. Hans Magnus Enzensberger setzte dem Unglück 1981 mit „Der Untergang der Titanic“ ein literarisches Denkmal in „33 Gesängen“. Die gesellschaftspolitischen Debatten der Bundesrepublik der Siebzigerjahre projizierte er darin auf die Titanic-Katastrophe und sezierte die sozialen Hierarchien an Bord des Schiffs.

          Die dritte Klasse ist eine Wand aus Holz

          Das Schauspiel Stuttgart und die Hochschule für Musik und Darstellende Kunst haben sich an eine Bühnenadaption von Enzensbergers Buch gewagt, inszeniert von Nick Hartnagel mit einem siebenköpfigen Ensemble. Das Bühnenbild dreht sich alle paar Minuten im Kreis, wie das soziale Karussell, das auf dem Schiff vor aller Augen Form annimmt. Die erste Klasse ist ein glamouröser, silbrig-schimmernder Spiegelsaal, die dritte Klasse eine Wand aus Holz. Schon das Interieur offenbart die Schichtzugehörigkeit. Die Kostüme sind exzentrisch. Man tanzt im Paillettenkleid, mit Rüschen und Seitenscheitel. Doch auch oben kommt gleich das Wasser an, ruft der Eisberg, der von Wiktor Grduszak gespielt wird und in einer Ballettperformance das Schiff umtanzt. „Der Eisberg schmilzt, ist eigentlich nichts. Das ist der Konfrontationskurs mit der Natur“, flüstert das Ensemble leise.

          Ironisch seziert Hartnagel die kleinen und großen menschlichen Fragen vor dem Untergang. Da ist das junge Mädchen im Oberdeck, gespielt von Liliana Merker, das im goldenen Käfig ihrer familiären Verpflichtungen festsitzt. Der Emigrant, der kurz vor dem Ertrinken mit einem Fabrikbesitzer über den Sozialismus streitet, oder der Revolutionär, der die Katastrophe als Chance zum Umsturz sieht.

          Die Schiffskapelle summt ihr letztes Lied

          „Die Leute freuen sich zu früh auf den Untergang“, sagt einer der Offiziere auf der Brücke. Der Kapitän und die Reeder haben die Katastrophe verursacht, weil sie einen Geschwindigkeitsrekord brechen wollten. Bei Hartnagel wird das Prinzip von immer höher, immer schneller, immer weiter zur Nemesis. Gesteigert wird das durch eine eindrückliche Szene, in der Jakob Spiegler einen innovationsgläubigen Ingenieur im Pelz darstellt, der trotz des offensichtlichen Untergangs an der These von der Unsinkbarkeit des Schiffes festhält. Während er genüsslich sein Steak verzehrt, spricht er lachend vom Fortschritt der Menschheit. Im Hintergrund summt die Schiffskapelle ängstlich ihr letztes Lied.

          Hartnagel stellt die katastrophischen Zustände auf der Titanic als soziale Parabel dar und lässt Félicien Moisset als strengen Oberkellner das letzte Menü des Abends aufsagen – „Kaviar, Consommé Fermier, Hummer und Roastbeef“. Enzensberger schrieb seinen Text unter dem Eindruck der Antiatomkraftbewegung und des Klimawandels. Allerdings wirken die Gegenwartsbezüge in der Inszenierung zu gewollt, etwa wenn alle Schiffspassagiere erst Zarah Leander („Davon geht die Welt nicht unter“) und anschließend K.I.Z („Hurra die Welt geht unter“) singen.

          Der Schluss zeigt das legendäre Millionärsrettungsboot, in dem eigentlich vierzig Menschen Platz gehabt hätten, aber auf dem sich einzig und allein zwei Frauen und drei Männer der ersten Klasse durch Bestechung retteten. Trotz der Todesschreie in dieser Atlantiknacht fuhren sie nicht zurück. Im Scheinwerferlicht wandeln sich die Gesichter der Darsteller zu Fratzen, werden zu Figuren, die aus einem George-Grosz-­­ Gemälde stammen könnten. Und eine Stimme aus dem Off ruft: „Wir sitzen alle im selben Boot, doch wer arm ist, geht schneller unter.“

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