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„Schneekönigin“ in Kopenhagen : Vom Ungeist mäklerischer Vernunft

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Wenn die Kinder am Ende ihrer Abenteuer zurückkehren, sind sie erwachsen geworden im besten Sinn: Abrahamsens „Schneekönigin“ Bild: Per Morten Abrahamsen

In Kopenhagen wird Hans Abrahamsens erste Oper uraufgeführt: Seiner „Schneekönigin“ fehlt zwar Hans Christian Andersens melancholischer Humor – aber musikalisch ist sie eine große Freude.

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          Was hätte Hans Christian Andersen gesagt zu einer Vertonung seines Märchens „Die Schneekönigin“? Er, der in seinen Geschichten immer das einfache Leben lobt, was bei ihm immer auch bedeutet: ein Leben, in dem noch Platz ist für Liebe; der am Ende der „Schneekönigin“ die beiden Kinder Gerda und Kay ein altes Lied „verstehen“ lässt, das wenig mehr beschreibt als das bloße Sein in der Schöpfung: „Im Tal blühen die Rosen so schön / Wir werden das Christkindlein sehen!“ Und dann ein riesiges Opernhaus, das im Falle von Kopenhagen, wo Hans Abrahamsens Oper zu Andersens Vorlage nun uraufgeführt wurde, im Hafen der Stadt liegt wie ein einsamer Supertanker; das ein Heer von Mitarbeitern beschäftigt und wo im Orchestergraben bald hundert Musiker sitzen, ein Riesenorchester mit Drei- und Vierfachbesetzung bei den Bläsern und einem gewaltigen Arsenal an Schlagwerk. Andersen hätte es vielleicht gegraust.

          Auf die Idee, sich Andersen in der Oper vorzustellen, kommt man auch erst, weil das Libretto dieses Stückes – Abrahamsen erstellte den Text gemeinsam mit Henrik Engelbrecht – ganz nah am Original bleibt. Das Märchen von Gerda, die nach langer Suche ihren Freund Kay wiederfindet, der aus Faszination für die geometrische Perfektion einer Schneeflocke einst der Schneekönigin gefolgt war und damit dem Prinzip der kalten Vernunft: Das behandelt die Oper, von ein paar Kürzungen abgesehen, genau so, wie es in Andersens Original steht. Erhalten ist damit auch der Charakter der Erzählung als eine Art Entwicklungsroman: Wenn die Kinder am Ende ihrer Abenteuer zurückkehren, sind sie erwachsen geworden im besten Sinn. Kay hat den Ungeist mäklerischer Vernunft hinter sich gelassen; Stücke eines teuflischen Spiegels, die ins Auge und ins Herz gefahren waren, hatten ihm den Blick genommen, der die Schönheit sieht, ohne nach Perfektion zu fragen. Gerda wiederum hat ihn erlöst nach beharrlicher Suche, mit den Tränen ihres Mitleids.

          Auffallende Schlichtheit

          Hans Abrahamsen, dessen Wirkungskreis weit über sein Heimatland hinausreicht, verwendet in seiner ersten Oper zwar ein modernes Riesenorchester, die Einfachheit, die der Märchendichter predigt, lässt sich bei ihm aber dennoch entdecken: in der auffallenden Schlichtheit des kompositorischen Materials. Ganze Passagen vermag er aus dem Motiv einer simpel absteigenden Tonleiter zu gestalten, der Beginn des dritten Aktes ist über weite Strecken von einer aufsteigenden Quinte geprägt, die wie ein Alarmsignal aus allen Ecken des Orchestergrabens schallt. Dazwischen spannt der Komponist, zu dessen Lehrern György Ligeti gehörte, Klangflächen von dezent wechselnder Farbigkeit; die Sänger, die Abrahamsen früher schon reich beschenkt hat, etwa im Monodram „Let me tell you“ für Sopran und Orchester, dürfen sinnlich und nahezu arienhaft singen.

          Abrahamsens Kunst der Variation, seine rhythmische Phantasie und sein Sinn für weit angelegte klangliche Tableaus machen die „Schneekönigin“ zu einem Stück, das ganz unmittelbar zum Hörer spricht. Dass seiner Musik auch etwas Monolithisches anhaftet und noch in der Bewegung ein Eindruck von Unbewegtheit, auch Starrheit, bleibt, zieht hingegen Probleme in der Dramaturgie nach sich. Den inneren Weg, den Andersens Kinder im Märchen gehen, will oder kann Abrahamsen mit seiner Musik nicht nachvollziehen. Dass Kay von seinem Perfektionismus erlöst ist, bekommt man nur am Rande mit: aus den kristallen gleißenden Klangflächen, die die Oper auch einleiten, ist eine aggressive Nebentönung verschwunden. Sie hatte an das nervtötende Kratzgeräusch einer Gabel auf Porzellan erinnert.

          Hörbar glücklich

          Kaum musikalische Entwicklung, wo der Stoff doch eine so umstürzende Entwicklung vorsieht: Das könnte man als einen pessimistischen Kommentar auffassen, wenn es Abrahamsen generell bei einer Musik beließe, die nur einen distanziert atmosphärischen Rahmen schafft. Sobald die Geschichte aber äußere Dramatik einfordert, greift der Komponist sehr wohl zu üblichen dramatischen Mitteln und lässt das Orchester in Wallungen kommen. Warum nicht für eine griffige Charakterisierung der Figuren?

          Solche Blässe versucht der Regisseur Francisco Negrín mit gestenreichem Treiben auf der Bühne vergessen zu machen. Zwischen Naturholz-Design und Baukasten-Wald (Bühne: Palle Steen Christensen) läuft ein munteres Märchen- und Lichterspiel ab, wozu das „Playmodes Studio“ aus Barcelona LED-Leuchteffekte abliefert. Seltsam unverbunden wirkt das zu Abrahamsens strenger musikalischer Stilisierung. Man darf gespannt sein, was Andreas Kriegenburg in der „Schneekönigin“ entdeckt, wenn er das Stück Ende Dezember an der Bayerischen Staatsoper in München inszeniert mit Barbara Hannigan als Gerda.

          Rein musikalisch bereitet die Uraufführung große Freude. Johan Reuter als männliche Schneekönigin – ein Kniff des Komponisten, um die eigenartige Ambivalenz der Figur zwischen Gut und Böse zum Ausdruck zu bringen – singt seine Rolle mit geheimniswahrender Zurückhaltung, Sofie Elkjær Jensen ist im geblümten Kleid eine Gerda, deren Sopran vor Willensstärke funkelt, Melis Jaatinen singt und spielt den Kay als einen kühl Entzündeten. Die Musikerinnen und Musiker der königlichen Kapelle unter Robert Houssart wirken hörbar glücklich über die äußerst differenzierten Klänge, die Abrahamsen ihnen beschert hat. Sie bedanken sich mit wachem und tonschönem Spiel.

          Dass Hans Christian Andersens melancholischer Humor, der in der „Schneekönigin“ zum Ausdruck kommt, unter den Tisch fällt, ist wohl nicht anders zu machen. Krähen, denen beim Rückwärtsfahren in der Kutsche schlecht wird, Eisbären, die zum Ball kommen, um ihre feinen Manieren zu zeigen: Das ist eine andere Welt als der große Operntanker. Das gibt es nur im Buch.

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