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Schauspielhaus Hannover : Blutrausch und andere Katastrophen

Nach dem Blutrausch: Thorben Kessler als Hamlet am Schauspielhaus Hannover Bild: Kerstin Schomburg

Blutrausch im Staate Dänemark, ein Familienunglück ganz anderer Art in den Niederlanden: Lisa Nielebock und Stephan Kimmig inszenieren „Hamlet“ und Judith Herzbergs neuestes Stück „Rivka“ am Schauspielhaus Hannover.

          4 Min.

          Dänemark ist ein perfekter Überwachungsstaat, in vordigitalen Zeiten. Videokameras, Abhöranlagen: völlig überflüssig. Der Königshof ist eine offene Bühne, die Tag und Nacht bespielt wird. Hier sieht jeder jeden, hört, was gesprochen wird, weiß alles von allen, sieht das Unglück kommen – und kann es doch nicht verhindern.

          Hubert Spiegel
          Redakteur im Feuilleton.

          Oliver Helf hat die Bühne in Hannover leergeräumt und in dunkles Grau getaucht. Vor einer beklemmend nackten Wand stehen unbequeme Sitzbänke. Hier hocken die Beteiligten und warten auf ihre Einwechselung. Noch nach ihrem Tod verfolgen sie von hier aus das Geschehen. Aber was heißt schon Tod im morschen Reich der Höflingszombies?

          Ophelia, die Allgäufrische

          Alle sieben Schauspieler sind permanent auf der Bühne. Niemand tritt ab, niemand tritt auf. Einzige Ausnahme: der Geist des toten Königs. Er, dem der thronräuberische Bruder das tödliche Gift eingeträufelt hat, flüstert nun dem Sohn die mordlustige Rachsucht ins Ohr. Der wandelbare Philippe Goos, der auch den Claudius spielt, steht dabei hinter seinem Neffen Hamlet, den Thorben Kessler als freudlos-zynischen Ränkeschmied verkörpert. Man nimmt Kessler alles ab, Possen, vorgetäuschten Wahnsinn, echte Wut und Bitterkeit, aber nicht, dass er Ophelia je wirklich geliebt haben könnte. Während man sich seinen Hamlet mühelos als Studierstuben-Eremiten in den nebelgrauen Novembergassen Wittenbergs vorstellen kann, spielt Amelle Schwerk ihre Ophelia kraftvoll und geerdet, mehr allgäufrische Landwirtstochter als präraffaelitisches Opferblümchen. Sie schweigt, schmollt, grämt und wundert sich, dann bricht es aus ihr heraus: Ophelia stapft von der Bühne, entert das Parkett, steuert unbeirrbar in die sechste Reihe und singt Freddy Mercurys große Leidens- und Abschiedshymne „Bohemian Rhapsody“. So richtig überzeugend funktioniert das leider nicht.

          Gerade einmal zwei Stunden dauert dieser „Hamlet“ in Hannover. Das Stück ist gestrafft, seine Seitenstränge sind gestutzt, die Sprache ist modernisiert, Shakespeares mitunter eher langatmiger Wortwitz wird stellenweise kurz und trocken ins Heute geholt. Regisseurin Lisa Nielebock hat einen gegenwärtigen „Hamlet“ inszeniert, ausgesprochen schulkassentauglich, unterhaltsam und geschickt mit Brüchen operierend. Wie passen eigentlich Claudius und Gertrud zusammen? Gar nicht, und das macht sie interessant. Philippe Goos spielt den in allen Fäulnisfacetten schillernden Königsmörder als smarten Machtstrategen, seine Königin ist bei Sabine Orléans so resolut wie vulgär, die Möchtegern-mondäne Herrin einer Herberge, in der man lieber nicht absteigen möchte. Auch der Horatio des Sebastian Nakajew hätte besser einen großen Bogen um Helsingör gemacht. Jetzt steht er da wie ein sanftmütiger Vertrauenslehrer vor der aufsässigen Schulklasse: guten Willens, aber heillos überfordert.

          Tabea Frehner und Max Koch in Judith Herzbergs „Rivka“ in Hannover
          Tabea Frehner und Max Koch in Judith Herzbergs „Rivka“ in Hannover : Bild: Katrin Ribbe

          Polonius ist eine Frau: zunächst Helikopter-Mutter, dann erst königlicher Ratgeber. Bei Anja Herden ist der Höfling überdreht, neunmalklug und selbstgefällig noch in der größten Unterwürfigkeit. Sie findet sich toll, alle anderen finden sie nervig. Hamlet erwürgt sie. Er kann auf mildernde Umstände hoffen.

          Doch Fabian Dott als Laertes will die tote Mutter rächen. Bei Shakespeare kommt es zum Duell mit Hamlet, Lisa Nielebock inszeniert den Zweikampf indes als Auftakt eines allgemeinen Gemetzels. Zuerst lassen sich die beiden Kontrahenten auf alle viere nieder, dann umschleichen sie einander und gehen sich schließlich an die Kehlen. Und nun beginnt ein Kampf jeder gegen jeden: Fauchend wälzt sich der ganze Hof übereinander, beißwütige Zombies, die einander am liebsten in Stücke rissen. Dänemark im Blutrausch: Splatter-Hamlet.

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