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Hamlet in Bregenz : Alles, was das Opernherz begehrt

  • -Aktualisiert am

Die Figuren dieses Staates Dänemark, in dem so vieles faul ist, geben sich karnevalesk: Sabine Winter als Königin Giovanna. Bild: dpa

Ein Shakespeare aus Italien kommt in Bregenz auf die Bühne: „Amleto“ von Franco Faccio ist eine sensationelle Opern-Entdeckung.

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          Jetzt hat es also doch noch geklappt, und das Shakespeare-Jahr kann sich mit einer atemraubenden Shakespeare-Ausgrabung schmücken, die nicht nur echt, sondern auch noch ernst zu nehmen ist. Ja, es gibt sie, die musikalisch satisfaktionsfähige, literarisch hochachtbare Hamlet-Oper! Sie ist kitschfrei und unsentimental, anders als die bekannte französische Lyrique-Version von Ambroise Thomas. Sie ist ein Manifest des „nuovo melodramma“, wie es sich die wilden jungen Opernreformer der „Scapigliatura“ auf die Fahne geschrieben hatten: wahrhaftig, wuchtig, antikisch-dramatisch und ironiefrei, dazu mit reichlich Brio aufgeladen, und auch die Eierschalen der alten Nummernoper sind darin noch nicht ganz abgestreift. Es gibt also eine zünftige Preghiera, ein Brindisi, Fernmusiken, Blechgepränge, mit Tempo in die Stretta rauschende Ensembles – kurz: alles, was das italienische Opernherz begehrt.

          Ein schwarzgründelnder, kontrabassknurrender Geist tritt auf, aus dem posaunendurchwehten Zwischenreich der Untoten. In bellinihaft unendlichen Melodienbögen verströmt sich die wahnsinnige Ofelia. Hamlet tanzt, ficht, kämpft, küsst, blödelt, verstellt sich und sticht zu wie nur je ein Dänenprinz, er singt mit metallischer, fast roher Attacke wie nur je ein Tenorheld. Schleudert sein „Essere o non essere“ an der Rampe so klar und bedingungslos heraus, als gälte es, wie behauptet, das Leben, dergestalt, dass das sinnlich tremolierende Solovioloncello, das ihn beim dieses Rezitativ durchbrechenden süß-zweifelnden Arioso zu begleiten hat, fast hörbar eine Gänsehaut bekommt.

          Ein hartnäckig in Fußnoten verbreitetes Gerücht

          Wohl die wenigsten derer, die der historischen Wiederentdeckung des Werks am Mittwochabend in Bregenz beiwohnten, hatten damit gerechnet, dass so viel dran sein könnte an diesem von einigen wenigen Verdi-Experten hartnäckig in Fußnoten verbreiteten „Amleto“-Gerücht. Giuseppe Verdi selbst hatte die Sache damals ziemlich dubios gefunden. Und wir verstehen den chronisch schlecht gelaunten Alten aus Sant’Agata und seine Idiosynkrasien jetzt, da wir diese kraftvolle Kostprobe aus der Opernreformwerkstatt seiner jungen Verehrer oder vielmehr Widersacher, der strubbelköpfigen „Scapigliati“, selbst gehört und erlebt haben, ein bisschen besser als vorher.

          Zum vierten Mal überhaupt wird die Oper aufgeführt. Dafür braucht man ein junges, enthusiastisches Ensemble – Intendantin Elisabeth Sobotka hatte Glück.
          Zum vierten Mal überhaupt wird die Oper aufgeführt. Dafür braucht man ein junges, enthusiastisches Ensemble – Intendantin Elisabeth Sobotka hatte Glück. : Bild: dpa

          Der „Amleto“ hat vier Akte, ein Libretto von Arrigo Boito, wurde komponiert von Boitos gutem Freund Franco Faccio und im Mai 1865 in Genua uraufgeführt. Ein Jahr später schlossen sich die beiden Strubbelköpfe der Armee Garibaldis an und zogen in den Krieg. Als sie zurückkehrten, vertrugen sie sich mit Verdi, und der eine, Boito, wurde dessen Lieblingslibrettist, der andere, Faccio, dessen Lieblingsdirigent. Ihre eigene Jugendsünde, der „Amleto“, wurde nach der Uraufführung bislang nur noch dreimal aufgeführt: im Februar 1871 in Mailand, im Oktober 2014 in Albuquerque, New Mexico, und vorgestern, am 20. Juli 2016, in Bregenz.

          Der Jugendtraum der Intendantin

          Und das kam so: Die Intendantin der Bregenzer Festspiele, Elisabeth Sobotka, hatte, als sie noch an der Wiener Universität ihre musikwissenschaftliche Diplomarbeit schrieb, erste Kenntnisse über das apokryphe Werk und deren Schöpfer gesammelt. Jetzt setzte sie ihren Jugendtraum kurzerhand auf den Spielplan, engagierte eine Riege hervorragender junger Sänger (aus hoffnungsvollen Jahrgängen, die noch bereit sind, anspruchsvolle Partien zu büffeln, auf die Gefahr hin, sie nie wieder singen zu können) und überzeugte, unter gleichen Vorzeichen, auch die Wiener Symphoniker, den Dirigenten Paolo Carignani sowie den Philharmonischen Chor Prag von dem Projekt. In dem Regisseur Olivier Tambosi und dem Bühnenbildner Frank Philipp Schlößmann fand sie probate Mitstreiter. Alle gaben, bis in die kleinste Nebenrolle, ihr Bestes, nur die Kostümbildnerin Gesine Völlm, sonst um kreative Einfälle nicht verlegen, gab diesmal nur ihr Zweitbestes.

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