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Hamburg : „Lulu“ - eine Kannibalin der Sinne

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Schießt gern aus dem Hinterhalt: Fritzi Haberlandt als Lulu Bild: dpa/dpaweb

Michael Thalheimer hat am Thalia Theater in Hamburg mit seiner beherzt unsentimentalen Analyse von Triebstrukturen und Machthierarchien Frank Wedekinds Fin-de-siècle-Pflanze „Lulu“ ins 21. Jahrhundert gehoben.

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          Sie stellt sich vor der großen, weißen Leinwand an der Rückseite der leeren Bühne im Hamburger Thalia Theater auf, als könnte sie kein Wässerchen trüben. Sie trägt hohe, schwarze Stöckelschuhe, dünne, violette Kniestrümpfe, ein knappes, cremefarbenes Hängerchen. Die Hände sind seitlich abgespreizt, der Kopf ist leicht zur rechten Schulter geneigt, der Blick irgendwo ins Ungefähre zwischen Koketterie und Demut, Berechnung und Bankrott gerichtet: eine perfekte Puppe, de luxe. Statt aus Plastik aus jungem Fleisch und mit einem flinken Verstand.

          Die Schauspielerin Fritzi Haberlandt zeigt als Frank Wedekinds Lulu in der Inszenierung von Michael Thalheimer von Anfang an, wie diese weibliche Lustmaschine funktioniert. Denn sie kam ganz beiläufig auf die Bühne, nahm ihre neckische Pose ein, registrierte, wie das Publikum verstummte. Dann ging sie, bestätigt in ihrer Wirkung und zufrieden mit dem Testergebnis.

          Im Obduktionslicht Wedekinds

          "Eine Monstretragödie" nannte Wedekind im Untertitel die 1894 abgeschlossene fünfaktige Urfassung seiner später als "Lulu" berüchtigt gewordenen Tragödie, die er im Lauf von rund zwanzig Jahren, genötigt durch Zensur wie Gerichtsprozesse, mehrmals umarbeiten und entschärfen mußte. Erst in Peter Zadeks Inszenierung am Hamburger Schauspielhaus 1988 wurde sie mit ihrer tabulosen Drastik und harten Sprache wiederentdeckt. Aber wie anders ließe sich die Geschichte einer Frau erzählen, auf die sich die Männer wie Motten ins Kerzenlicht stürzen und erwartungsgemäß verbrennen, ohne daß dies dem nächsten Schwärmer eine Warnung wäre? Von der nichts bekannt ist, außer daß sie sich schon als Kind prostituierte? Und die ihre Überlebensstrategien durch eine mannigfache sexuelle Angebotspalette und permanente Verfügbarkeit perfektionierte?

          Mit seinem laut Alfred Polgar typischen "Humor auf Tod und Leben" beschreibt Wedekind das Verhältnis der Geschlechter am Beispiel eines Straßenmädchens, das ins gehobene Gesellschaftsmilieu auf- und flugs zurück in die Gosse absteigt. Er tut dies im eiseskältesten Obduktionslicht, als wären seine Monstres durch zuviel falsche Moral, spießbürgerliche Exzesse und sonstige "Donquichotterien des menschlich Bewußten" bereits im besten Alter abgestorben.

          Den Stücken auf die Knochen

          Im Thalia Theater ragen seitlich der Rampe und darüber mächtige Scheinwerfer, die auf der von Olaf Altmann entleerten Bühne ebenfalls eine klinisch überscharfe Atmosphäre zwischen Leichenschauhaus und Fotostudio erzeugen. Es gibt keine lauschigen Winkel und keine diskreten Hintertürchen. Wer auftritt, ist deutlich zu sehen; was er oder sie treibt, auch. Bei Michael Thalheimer, der sich seine Reputation als Regisseur sozusagen mit dem Skalpell erworben hat, weil er den Stücken gern bis auf die Knochen geht und alles andere wegschneidet, bleibt auch hier nichts im dunkeln.

          In seiner auf Wedekinds Urfassung beruhenden, kaum zweistündigen Aufführung in einem kahlen Kontakthof ist Lulu seine einzige Anlaufstelle. Diese Kannibalin der Sinne macht die Phantasien der Männer wahr und gewinnt dadurch Selbstgewißheit: Je mehr sie begehrt wird, desto stärker fühlt sie sich. Am Ende ersticht sie ein Lustmörder aus höchster Wertschätzung.

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