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„Hamlet“ in Hamburg : Verbohrt im Zweifel, tänzerisch in der Attacke

  • -Aktualisiert am

Schein oder Nichtschein: Hamlet in der Kugel Bild: Armin Smailovic

Posierende Instagramer, Hamletmaschine und Elektropop: Im Hamburger Thalia Theater inszeniert Jette Steckel „Hamlet“ als großes Kinderspiel unter einer noch größeren Weltkugel.

          3 Min.

          Im Trailer, mit dem das Thalia Theater Hamburg auf seiner Homepage für die Neuproduktion von William Shakespeares „Hamlet“ wirbt, verspricht die Regisseurin Jette Steckel, „dass Theater etwas bewirken kann“. Und dann lacht sie beherzt bis verlegen auf – als hätte sie sich verplappert oder als traue sie diesem Befund selbst nicht, obwohl sie aus einer Theaterfamilie stammt und kaum vierzig Jahre alt ist.

          Am Ende des knapp vierstündigen Abends ist nicht ganz klar, zu welchem Ergebnis sie gekommen ist, aber eines wird unbedingt deutlich: Sie vertraut dem Theater, und sie vertraut Shakespeare. Es geht im Foyer los, wo sich Julian Greis und Björn Meyer als Rosencrantz und Guildenstern in schwarz und weiß gestreiften Anzügen wie zwei Instagram-Trottel durch die Menge drängen. Sie schwafeln und posieren und sind überglücklich, dass sie zur Feier des Amtsantritts von König Claudius nach Schloss Helsingör im Staate Dänemark eingeladen wurden. Claudius hat im Geheimen seinen Bruder ermordet, dessen Frau Gertrud geheiratet und ist nun der Herrscher über Land und Leute. Sein Neffe Hamlet aber will den Betrug nicht mitmachen, steht abseits wie ein schmales Marsmännchen mit einer riesigen Kugel um den Kopf und nölt schlechtgelaunt: „Schein oder Nichtschein.“

          Im Bühnenbild von Florian Lösche ist nichts als dunkle Leere und Nebel zu sehen. Von ihm umgeben steht Hamlet mit einer Axt. Wütend schlägt er sie in den Boden und zitiert dabei aus Heiner Müllers „Hamletmaschine“: „Ich stand an der Küste und redete mit der Brandung. Blabla.“ Da hat er seinen Kopfballon abgenommen, doch bald wird sich, wie der Planet in Lars von Triers „Melancholia“, eine gewaltige schwarze Kugel herabsenken und ihn fast zerdrücken. Sie wird die Figuren bedrohen und vor sich herschieben. Vor allem verleiht sie Hamlets Leiden an der Welt einen imposanten Ausdruck, denn was kann der schmächtige Mirco Kreibich als gebrochener, leichtfüßig-verzagter Prinz der Finsternis gegen diesen stilisierten, überdimensionalen Globus tun? Er ist ja nicht einmal imstande, seinen Vater zu rächen, obwohl er die Pistole schon an die Schläfe von Bernd Grawert als Claudius presst. Barbara Nüsse als Hamlets Mutter Gertrud muss sich von ihm aufs Übelste beschimpfen lassen: „Dein Tun besudelt noch das keuscheste Erröten“, heißt es in der Übersetzung von Frank-Patrick Steckel (dem Vater der Regisseurin).

          Historisierende bis neonfarbene Kinkerlitzchen

          Es ist ein wahres Kinderspielspektakel, das Jette Steckel hier mit Elektropop und schweren Bässen anrichtet, mit Neckereien und pubertären Faxen, mit Grimassen, die Hamlet und Ophelia, seine Geliebte, schneiden. Sie tritt im weißen Kleid oder in einer neonfarbenen ausgefeilten Robe auf, er schlüpft ins historisierende Hamlet-Kostüm mit Wams und kurzer Hose im Stil vielleicht eines Alexander Moissi, alles klug entworfen und variiert von Pauline Hüners. Scheinwerfer werden hereingefahren, die Drehbühne kreist, manchmal blitzt es, und die Musik rauscht bedeutungsvoll auf. So betont Jette Steckel die Mittel des Theaters und gibt dem wunderbar aufeinander abgestimmten Ensemble viel Zeit und Raum, sich zwischen den Kinkerlitzchen wieder auf Shakespeares längstes Stück zu konzentrieren.

          Als die Schauspieltruppe eintrifft, mit der Hamlet in der „Mausefalle“ die Ermordung seines Vaters aufdecken will, entpuppt er sich als Regie-Diktator. Er fällt dem Schauspieler harsch ins Wort, kanzelt ihn ab, bis der endlich den geforderten Gestus findet – worauf Hamlet sofort applaudiert. Damit spiegelt Jette Steckel mit lockerer Selbstironie den Theaterbetrieb, ohne sich allzu lange mit der Nabelschau aufzuhalten. Vor dem finalen Zweikampf zwischen Hamlet und Rafael Stachowiak als Laertes erklärt Claudius: „Wir machen das wie im Theater!“ Und also wird der Ausgang heimlich festgelegt, damit der Schein das Sein steuern kann.

          Alle beherrschen hier vortrefflich den Spagat zwischen Theaterspielen und Theaterspielen-Spielen und lassen das Publikum an dem Spaß, den sie dabei haben, teilhaben. Ob bei der grotesken Intrige, dem verzweifelten Ausbruch, als Hamlet unter den Rock seiner Mutter kriecht, sich Marie Jung als verschmähte Ophelia in die Geisteskrankheit flüchtet oder sich Jirka Zett als Hamlets Freund Horatio als stiller Brüter anschleicht. Mit schier unerschöpflichen darstellerischen wie stimmlichen Reserven ist Mirco Kreibich ein Held der inneren Unsicherheit, verbohrt im Zweifel und tänzerisch in der Attacke, souverän im Jonglieren mit Wahnsinn, Wut und Trübsinn. Seinen deutsch-englisch gemischten Monolog um „To be or not to be“ deklamiert er mit harten Zäsuren und hitzigen Wiederholungen wie einen Rocksong. Wenn er mit Laertes fechten muss, greift er nicht zum Degen, sondern simuliert seine Angriffe ungeschützt mit der gestreckten Hand. Am Schluss ist Hamlet tot, aber die amüsant-elegante Inszenierung von Jette Steckel lässt das Theater ein bisschen närrisch, ein bisschen nachdenklich, jedenfalls unbeschwert, bunt und beherzt weiterleben.

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