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„Rodelinda“ in Frankfurt : Darum ist der Schmerz so schön

  • -Aktualisiert am

Kann auch Breakdance: Der polnische Countertenor Jakub Józef Orli in der Rolle des Unulfo. Bild: Monika Rittershaus

Existentielle Kneippkur der Gefühle: Claus Guth inszeniert Georg Friedrich Händels „Rodelinda“ an der Frankfurter Oper. In den Momenten des Leids scheint die Zeit stillzustehen.

          Über den Grund des Vergnügens an traurigen Arien wurde noch nicht genug nachgedacht. In Georg Friedrich Händels Oper „Rodelinda“, die am Sonntag an der Frankfurter Oper Premiere hatte, waren es die traurigen und langsamen Stücke, die bei verständigen Zuhörern zu schnellerer Atmung und schmerzlich-lustvoller Absorption führten. Da war etwa die große Arie des Langobardenkönigs Bertarido „Con rauco mormorio“ zu Beginn des zweiten Teils: Tot geglaubt, kehrt er inkognito zurück, nur um aus dem Versteck beobachten zu müssen, wie seine Frau Rodelinda seinem siegreichen Rivalen Grimoaldo die Hand verspricht.

          Dass sie das bloß zum Schein tut, wissen wir und Bertarido nicht, als er sich sein Leid in freier mediterraner Natur vom (orchestralen) Echo zurückspiegeln lässt. Andreas Scholl stand einfach nur da in einem leicht abgewetzten Trenchcoat und sang – und es gelang ihm, selbst in die kleinsten Phrasen mit dosiertem Vibrato das Zittern der Empfindung so zu legen, dass das Echo der Flöten geradezu grausam-teilnahmslos wirkte wie die Natur selbst (was nicht gegen das vorzügliche Frankfurter Museumsorchester und den verdienten Andrea Marcon am Dirigentenpult gesprochen sein soll!). Nirgendwo nimmt sich Regisseur Claus Guth so zurück wie in dieser Szene – und er tut das mit sicherem musikalischem Gespür.

          Schönheit der vollendeten Phrase

          Als das Missverständnis aufgeklärt ist und das Ehepaar sich in den Armen liegt, stürzt Grimoaldo mit Häschern zur Tür herein und lässt Bertarido in den Kerker zur alsbaldigen Hinrichtung werfen. So sind aber die Gesetze der Opera seria, dass das Ehepaar zuvor in einem langen, schmerzvoll-schönen Duett Abschied nehmen kann – schon getrennt durch einen Abgrund, von zwei einander gegenüberliegenden Galerien im Königshaus aus. Lucy Crowe in der Titelpartie stand Scholl um nichts nach in der Kunst, jenen Schmerz, der eigentlich zum Versagen der Stimme bringen sollte, in die Schönheit der vollendeten Phrase zu kleiden.

          Unser Vergnügen am kunstvoll geformten Leid liegt sicher auch darin, dass uns das berühmte Als-Ob der Kunst erlaubt, auch negative Affekte gefahrlos zu genießen. Wie jede Händel-Oper ist auch „Rodelinda“ eine Kneippkur der Gefühle, aber das Traurige dominiert gerade in den Arien der Titelheldin, die ihren Gemahl im Lauf des Stücks gleich zweimal als tot betrauert.

          Dass uns dieses Traurige oft schöner erscheint als das Fröhliche, liegt vielleicht daran, dass seine langsame Gangart erlaubt, die Nuancen mehr auszukosten. Zwar verfehlt die hoffnungsvolle Arie des Unulfo „Un zeffiro spirò“ ihre aufheiternde Wirkung keineswegs – zumal der polnische Countertenor Jakub Józef Orliński ihr durch seine chaplineske Gestik auch noch einen selbstironischen Touch verlieh (im Finale schlug Orliński, der auch Breakdancer ist, sogar noch ein paar Räder). Aber es sind die Momente des Leids, in denen die Zeit stillzustehen scheint.

          Zum heiteren Schlussensemble gestrickt

          Immer wieder in Schieflage gebracht werden die dynastischen Verhältnisse vor allem durch Grimoaldos illoyalen Ratgeber Garibaldo (böse polternd: Božidar Smiljanić) und Bertaridos intriganter Schwester Eduige (tolle Tiefe, und zu Höherem berufen: Katharina Magiera). Was sich so an Katastrophen ereignet in der georgianischen Puppenstube, die Guths Bühnenbildner Christian Schmidt von allen Seiten ein- und ansichtig gemacht hat, ist freilich nicht ernst zu nehmen, denn wir wissen, dass bei Händel auch die tragischste Verwicklung immer zum heiteren Schlussensemble gestrickt wird.

          Aber Guth hat in den Mittelpunkt seiner „Rodelinda“-Inszenierung, die 2017 mit großem Erfolg am Teatro Real in Madrid lief und bald nach Lyon und Barcelona weiterwandern wird, eine Figur gestellt, die nicht singt und darum ganz realen, gar nicht genussvollen Schrecken erlebt: Flavio, den Sohn von Bertarido und Rodelinda. Wie gelingt es Rodelinda, dem Usurpator Grimoaldo ihre Hand zugleich zu versprechen und zu verweigern? Indem sie erklärt, sie werde ihn nur heiraten, wenn er Flavio vor ihren Augen ermorde und so seinen Ruf selbst unter den grimmigen Langobarden ruiniere. Davor schreckt der von Martin Mitterrutzner etwas eng gesungene Herrscher zurück.

          Doch der kleine Flavio ist bei diesem Dialog anwesend – und war er schon durch den Vaterverlust beschädigt, geht es nun endgültig rund: Doubles der Erwachsenen bedrängen ihn in Albtraumvisionen als kürbisköpfig hohngrinsende Monster. Schon in Madrid verkörperte der kleinwüchsige Schauspieler Fabián Augusto Gómez Bohórquez den Flavio – in Frankfurt wird sein stummes, kindnahes Spiel zum tief berührenden, aber auch verstörenden Ereignis. Bohórquez gewinnt der Oper jene existentielle Dimension ab, die sie von der Seifenoper unterscheidet, aber die Flavio-Handlung wird in ihrer virtuosen Inszenierung auch zur szenischen Ablenkung.

          Das zweistöckige Puppenhaus hat Guth dazu verführt, Nebenhandlungen wuchern zu lassen, immer wieder werden die Räume und Korridore zur Simultanbühne. Nun möchten nur hartgesottene Feinde des Regietheaters fünfminütige Arien ohne jede szenische Einflussnahme genießen; doch trotz der vielen gelungenen und eindringlichen Momente, in denen Guth den Fluss des Szenischen mit dem der Musik in Einklang bringt, wird doch das Drama des kleinen Flavio zur manchmal irritierenden Parallelaktion. Dabei hatte Händel mit seinem schon zwei Jahre zuvor entstandenen Sequel „Flavio“ gezeigt, dass der Spross der Langobarden-Ehe zu einem eher übermütig-verführerischen König herangereift war!

          Doch das heißt Überfülle kritisieren. Im Ganzen ist diese Produktion wunderbar gelungen. Musikalisch genügt sie allen Ansprüchen, szenisch bietet sie eine vertiefte und in sich stimmige Lesart – glücklich, wer sich an Leid und Freud erfreuen will!

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