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Händel in Göttingen : Diese Kaiserin kriegt man nicht klein

Der Auguste-Viktoria-Dutt ist nicht so fest wie ihre moralische Haltung: Anna Dennis als Rodelinda in Händels gleichnamiger Oper Bild: Alciro Theodoro da Silva

Sängerische Exzellenz und szenische Fantasie: Mit den Opern „Rodelinda“, „Ariodante“ und „Giustino“ feiern die Händelfestspiele Göttingen ihr hundertjähriges Bestehen nach.

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          Das ist große Kunst und zugleich ein echter Stunt! Nur Sänger können – gewiss mit Gänsehaut – nachvollziehen, was der Countertenor Christopher Lowrey in diesen Sekunden leistet: Während seine Beine auf dem Boden der Bühne des Deutschen Theaters Göttingen ausgestreckt sind, senkt er seinen Oberkörper ganz langsam nach hinten, bis er liegt. Doch damit nicht genug: Während er in quälender Zeitlupe sinkt, macht er ein herzzerreißendes messa di voce, ein An- und Abschwellen der Lautstärke, auf dem tadellos sauber, zudem spannungsvoll weich gesungenen Ton h. Versuchen Sie einmal, das zu Hause nachzumachen! Dazu braucht man nicht nur gut trainierte Bauch- und Beckenbodenmuskeln; dazu braucht man vor allem ein Zwerchfell wie aus orkanfestem Segeltuch.

          Jan Brachmann
          Redakteur im Feuilleton.

          „Vieni“, singt Lowrey auf diesem Ton, „komm“. Er ruft als entmachteter und totgesagter König Bertarido seine Gemahlin Rodelinda herbei, dass sie ihn trösten möge. Doch sie kommt nicht. Er sinkt zur süßesten Musik in eine Nacht ohne Halt. Am Ende geht natürlich alles gut in dieser Oper „Rodelinda“ von Georg Friedrich Händel, damit die herrschenden Verhältnisse gewahrt bleiben. Doch der junge Regisseur Dorian Dreher hat sich für das gute Ende eine dichte Folge von Pointen ausgedacht, die alles vom Putzigen ins Schaurige kippen lässt. Nur so viel sei verraten: Flavio, das Kind, dessen Leben mehrfach zum Mittel der Erpressung wird, stößt nicht nur – Kalle Gellert macht das ganz herzig – mit Sekt aufs gute Ende an, er lässt auch durchblicken, dass aus der Geschichte nichts gelernt wird und jede Generation die Verbrechen ihrer Vorgänger vergisst.

          Mit „Rodelinda“ begannen 1920 die ersten Händelfestspiele in Göttingen, geleitet vom Kunsthistoriker Oskar Hagen. Und es war der Plan des Intendanten Tobias Wolff, der im Mai 2021 die Geschäfte bereits an Jochen Schäfsmeier übergeben hat, auch die Hundertjahrfeier mit „Rodelinda“ zu eröffnen. Die Pandemie hat das im letzten Jahr verhindert, doch kann das modifizierte Jubiläumsprogramm jetzt nachgeholt werden.

          Dorian Drehers Inszenierung nimmt, auch dank der Ausstattung von Hsuan Huang, auf die Gründung der Festspiele Bezug. Er führt uns in die Zeit unmittelbar nach Ende des Ersten Weltkriegs, als die großen Monarchien Europas zusammengebrochen waren. Wir erleben einen Diktator mit künstlerischen Ambitionen, der den legitimatorischen Glanz der Monarchie sucht. Thomas Cooley fasst diesen Grimoaldo in den Kontrast aus vokaler Subtilität und physischer Grobheit. Markus Piccio taucht dessen ästhetische Träume von der Formung der Zukunft ins Blaulicht der Fantasie, wodurch deren Romantik gleich den Schein des Kriminellen erhält.

          Doch Anna Dennis als Rodelinda, deren Stimme an Wärme und Zartheit gewinnt, je weiter der Abend voranschreitet, ohne dass sie dabei an Brillanz verliert, widersteht den Avancen des Usurpators. Ihre moralische Festigkeit übertrifft jene ihres Kaiserin-Auguste-Viktoria-Dutts. Noch in der Beschwörung der geliebten Toten – wenn der Dirigent Laurence Cummings mit dem Festspielorchester Göttingen besonders kunstvoll zaubert und Solovioline sowie Traversflöte ihren Charme spielen lassen – bleibt sie eine Königin von unzermürbtem Stolz. Ihr Herz mag gebrochen sein, ihr Rückgrat ist es nicht!

          Als die Festspiele vor hundert Jahren gegründet wurden, war die Aufführung von „Rodelinda“ eine Pioniertat. Denn obwohl Händel als einer der wenigen Komponisten vor Mozart auf eine ungebrochene Aufführungstradition verweisen kann, blieb diese Kontinuität auf dessen Oratorien beschränkt. Die Opern galten als unaufführbar und historisch überholt. Auch Oskar Hagen setzte damals stark auf Bearbeitungen und Kürzungen.

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