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Händel-Festspiele 2018 : Zartherb schmelzend wie Bitterschokolade

  • -Aktualisiert am

Der Countertenor Christopher Lowrey spielt in Göttingen die Rolle des „Arminio“ in der gleichnamigen Oper. Bild: Alciro Theodoro da Silva

Erfrischung für die Ohren und kein Wort über die Ost-West-Konkurrenz: „Arminio“ bei den Händel-Festspielen in Göttingen und „Berenice“ in Halle.

          Georg Friedrich Händel ist nicht nur der „King of Baroque“. Er ist der einzige Opernkomponist, der seit dem 18. Jahrhundert kontinuierlich die Opernhäuser füllt und die Best-of-Listen der Arien-Charts anführt. Zwar sind seine Stücke historisch weit weg und erscheinen uns in ihren Affekten und Handlungen seltsam fremd. Doch treffen seine antiken oder mythischen Stoffe irgendwie den Nerv unserer medialen Fantasy-Begeisterung, passen das Pompöse und Extravagante zu aktuellen Life-Style-Konzepten. Nicht zuletzt lädt die charakterlich-seelische Entblätterung seiner Protagonisten uns ein, Zaungäste privater Pech- und Glücksgeschichten zu werden: insgesamt also eine Mischung aus Game of Thrones, Lady Gaga und Reality Shows. Noch mehr als ein Publikum des 18. Jahrhunderts, das an die Kirche, den Imperialismus und die Temperamentenlehre glaubte, sind wir heute offenbar die gesteigert Affektbedürftigen. Ebendas macht Händels Musik für uns attraktiv. Sie berührt, trotz aller Distanz. Sie greift aus der Zeit direkt an unser Herz.

          Jährlich widmen die Städte Göttingen und Halle dem Phänomen Händel je ein Festspiel, das in Göttingen am 21. Mai endete und in Halle noch bis zum 10. Juni läuft. Die historisch gewachsene Ost-West-Konkurrenz wird beidseitig diplomatisch negiert, schließlich gehe es nur um die Musik. Untergründig ist sie freilich spürbar, wenn etwa die Beschäftigten in Halle zum Spielzeitbeginn gegen die Sparmaßnahmen in Sachsen-Anhalt protestieren oder wenn man das prächtige, dicke Programmbuch aus Göttingen mit dem gefalteten Schwarzweiß-Blatt der ostdeutschen Konkurrenz vergleicht. Pomp versus Circumstance? Ganz so einfach ist das nicht. Künstlerisch können sich die Festivals das Wasser reichen, beide sind international hochrangig aufgestellt, Gäste kommen aus aller Welt. Ein Qualitätseinbruch in Halle ist jedoch zu befürchten, sollte sich die Landesregierung nicht noch eines Besseren besinnen. Statistisch hat der Osten jedenfalls momentan die Nase vorn: Mit der diesjährigen Aufführung der „Berenice“ ist Halle die erste Stadt weltweit, die alle 42 Händel-Opern nach der neuen historisch-kritischen Edition aufgeführt hat.

          Temporeiche Premiere in Göttingen

          In Göttingen hat man als Premierenstück den im Jahr 1736 vollendeten „Arminio“ gewählt: zwei Reiche (Germanien und Rom), zwei getrennte und wieder vereinte Liebespaare, Familienbande, Intrigen, unerwiderte Gefühle und Mordversuche sind die üblichen Zutaten. Händels Handlungen muss man nicht verstehen, um die Musik zu genießen. Jedenfalls setzen sich die Germanen gegen die Römer durch, und alle sind am Schluss glücklich.

          „Arminio“ wurde von Händel im Jahr 1736 fertiggestellt.

          Dies geschieht in fetzigem Tempo. Das aus namhaften Interpreten zusammengesetzte Festspielorchester Göttingen unter der Leitung von Laurence Cummings liefert sich nicht nur untereinander, sondern auch mit den Sängern nicht selten einen Wettlauf. Die werden auf eine unbewegte Bühne gesetzt: Arminio betritt als Traumschiff-Kapitän das Deck eines düsteren, vielleicht gestrandeten Containerschiffes, vorn als dekadentes Symbol eines goldenen Perückenzeitalters eine derangierte Tafel unter Kronleuchtern, hinten schwarzdunkle Kistenstapel. Ein neues, römisches Menschenbild dominiert die Szene, mit Wehrmachtsstiefeln und in nüchterner Pose, während der Germanenfürst Segeste so gekleidet ist, als würde er sein täglich Brot in Fußgängerzonen sammeln. Die Minimalregie (Erich Sidler) greift auch später nicht ein, sondern lässt lediglich Bühnenteile verschwinden. Wenn einige blasse Schüler anrücken und den ausstaffierten Arminio mit Feldherrenhelm zeichnen, ist das schon viel. Mehr Regie gibt es nicht. Ungestört darf man Musik hören.

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