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Gustav Mahlers „Titan“ : Selbstporträt des Komponisten als junger Mann

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Gustav Mahler, 1892, als Kapellmeister in Hamburg. Bild: epd

Der „Titan“, kantig und ungebärdig: Thomas Hengelbrock wagte sich mit seinem NDR-Sinfonieorchester an die Hamburger Fassung von Gustav Mahlers erster Symphonie.

          Die Zukunft der Symphonie beginnt auf der Reeperbahn, abends um halb acht. Wo heute Hamburgs sündigste Meile endet, am Millerntor, gleich hinter den Kneipen und Bordellen, stand einst das „Concerthaus Ludwig“. Ein Prachtbau, üppigster Gründerzeitstil, leider im Krieg zerstört. Zu Glanzzeiten aber gibt sich „tout Hambourg“ bei den kunstsinnigen Brüdern Ludwig die Ehre, leger frönt man hier bei reichlich Bier und Zigarren dem Kunstgenuss. Was die Hanseaten an diesem 27. Oktober 1893 zu hören bekommen, ist freilich alles andere als gediegene Unterhaltung. An diesem Freitagabend wird ein neues Kapitel der Musikgeschichte aufgeschlagen.

          Der junge Dirigent, der ans Pult tritt, sieht mit seinem modischen Kneifer auf der Nase nicht aus wie ein Revolutionär. Gustav Mahler, gerade dreiunddreißig, blass, nervös, ist, wie immer, völlig überarbeitet. Kein Wunder, er hat das zuvor sanft entschlafene „Stadt-Theater“, Vorläufer der Hamburgischen Staatsoper, in nur zweieinhalb Jahren, seit er aus Budapest an die Elbe kam, komplett umgekrempelt und im ganzen Kaiserreich zum Gesprächsthema gemacht. Sogar bis nach Wien ist Mahlers Ruhm gedrungen. Allerdings hatte es sich der Herr Kapellmeister in den Kopf gesetzt, neben dem Dirigieren auch noch zu komponieren. Heute stellt er zum ersten (und übrigens auch einzigen) Mal in Hamburg ein Programm mit eigenen Werken vor.

          Einspielung mit wissenschaftlichem Segen

          Seine Lieder aus „Des Knaben Wunderhorn“ im ersten Teil des „Populären Concerts“ lässt man sich noch gefallen. Durch Beethovens „Egmont“- und Mendelssohns „Hebriden“-Ouvertüre ist man zudem bestens eingestimmt. Auch die zwei Arien aus Adolphe Adams „La Poupée de Nuremberg“ und Heinrich Marschners „Hans Heiling“ haben das Bier nicht schal werden lassen. Aber was dann folgt, tönt bedenklich. Schon der Titel ist eine Provokation: „Titan. Eine Tondichtung in Symphonieform von Mahler“ heißt es auf dem Programmzettel.

          Es ist ein älteres Werk, 1888 in Leipzig komponiert und am 20. November 1889 in Budapest uraufgeführt, sehr zum Missvergnügen des dortigen Publikums. Dadurch verunsichert, hat Mahler das Stück stark bearbeitet, er fügt für die Hamburger Wiederaufführung sogar neue Passagen ein und ersinnt den zugkräftigen, auf Jean Paul verweisenden Titel „Titan“. Auch lässt er vor der Aufführung einige Erläuterungen zum Inhalt des Werkes verteilen. Produkt dieser Bemühungen ist die früheste vollständig erhaltene Fassung seiner ersten Symphonie. Eine Lesart, die, anders als die Budapester Urversion, ohne Ergänzungen spielbar ist und einen umfassenden Einblick eröffnet in Mahlers Anfänge als Symphoniker.

          Das NDR-Sinfonieorchester hat diese „Hamburger Fassung“ jetzt unter der Leitung seines Chefdirigenten Thomas Hengelbrock aufgenommen. Sie sind nicht die ersten. Bereits 1967 hatte Benjamin Britten den nach 1893 eliminierten zweiten Satz („Blumine“) in Aldeburgh aufgeführt, etliche weitere Rekonstruktionsversuche der „Titan“-Symphonie folgten. Doch Hengelbrock und seine Musiker stützen sich bei ihrer Einspielung erstmals auf die „Neue kritische Gesamtausgabe“ der Internationalen Gustav-Mahler-Gesellschaft. Sie spielen das Stück also mit dem Segen der wissenschaftlichen Gralshüter. Dies ist bemerkenswert, weil die Mahler-Gesellschaft mit der Publikation der „Hamburger Fassung“ von ihrem seit 1955 verfolgten Vorsatz abrückt, Mahlers Symphonien ausschließlich in Partitureinrichtungen „letzter Hand“ zugänglich zu machen.

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