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Pariser Oper im Streik : Das ist Menschenschinderei!

  • -Aktualisiert am

Streikende Musiker des Pariser Opernorchesters am 18. Januar 2020 vor dem Palais Garnier. Bild: dpa

Der Streik hat für die Pariser Oper katastrophale wirtschaftliche Folgen, aber die Orchestermusiker und Chorsänger haben gute Gründe für ihren Arbeitskampf.

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          Was, wenn die Pariser Nationaloper zahlungsunfähig wird? Noch gibt es Spielraum für Ausweichmanöver. Aber nach Informationen, die dieser Zeitung vorliegen, steuert der Riesentanker seit Ende letzten Jahres geradlinig auf die Insolvenz zu. Zwischen dem Beginn des landesweiten Streiks gegen Frankreichs Rentenreform am 5. Dezember und dieser Woche wurden sämtliche Vorstellungen abgesagt. Allein im Dezember bezifferten sich die Verluste für fünfundsechzig annullierte Matineen und Abende auf vierzehn Millionen Euro.

          Spielen da wieder einmal unverantwortliche Gewerkschafter im Kampf um ihre Privilegien mit dem Feuer? Im Gespräch mit fünf Arbeitnehmervertretern des größten Opernhauses der Welt zeichnet sich ein anderes Bild. Die künstlerische Motivation ist hoch, die Arbeitslast freilich auch. Nicht selten sitzen die Musikerinnen und Musiker sechsmal in der Woche im Orchestergraben – und das drei Wochen im Monat. Auch die Sängerdarsteller des Chors sind stark beansprucht. „Einmal stand ich innerhalb eines Monats dreiundzwanzigmal auf der Bühne“, erinnert sich der Tenor Olivier Fillon. An ihren beiden Standorten Opéra Bastille und Palais Garnier gibt die Nationaloper rund 360 abendfüllende Vorstellungen im Jahr.

          Der körperliche Verschleiß ist hoch. Instrumentalisten leiden an Muskel- und Skeletterkrankungen, Chorsänger an Stimmstörungen, Bühnenarbeiter an Rückenproblemen. Tänzer brauchen zum Teil schon mit vierzig Hüftgelenke aus Titan. Doch seit einer Nivellierung der betreffenden Kriterien 2008 gelten die Arbeitsbedingungen nur noch für eine Handvoll Mitarbeiter als beschwerlich – nämlich für die Nachtwächter der hausinternen Ballettschule! Alle anderen sind offiziell fit, um – wie der Rest der Franzosen – erst mit 62 (beziehungsweise künftig 64 oder 65) Jahren in Rente zu gehen.

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          Die Mitarbeiter der Oper protestieren gegen die geplante Auflösung ihrer spezifischen Rentenkasse in einem „universellen“ Regime. Dieses trägt den Besonderheiten ihrer Metiers in keiner Weise Rechnung. „Das derzeitige Regime“, erklärt der Englischhornist Christophe Grindel, „regelt neben der Rente auch das Problem der Arbeitsunfähigkeit. Ein Mitglied des Balletts, des Chors oder des Orchesters, das reformiert werden muss, erhält dank einer Zusatzversicherung bis zum Erreichen des Rentenalters 85 Prozent seines Gehalts. Das ,universelle‘ Regime dagegen dekretiert, dass Musiker, die einen Finger, oder Sänger, die ihre Stimme verlieren, bloß zu drei bis acht Prozent invalide sind!“

          Ein weiteres Problem ist, dass das „universelle“ Regime um bis zu ein Drittel (!) niedrigere Rentenbeträge zeitigen wird. „Für Angestellte der Oper wird die Höhe der Pension auf der Grundlage ihrer sechs letzten Monatsgehälter beziehungsweise, was die Tänzer, Sängerdarsteller und Instrumentalisten angeht, ihrer drei einträglichsten Jahre berechnet“, erklärt der Videotechniker Matthias Bergmann. „Die stillschweigende Übereinkunft mit dem Staat ist, dass wir weniger verdienen als im Privatsektor oder im Ausland, dafür aber eine halbwegs anständige Pension erhalten. Kalkuliert man deren Höhe nun freilich nicht mehr auf der Grundlage der ,fetten Jahre‘, sondern auf jener der gesamten Berufslaufbahn, kann der Betrag drastisch sinken. Viele Kolleginnen und Kollegen haben sich jahrelang als unterbezahlte Freiberufler durchgeschlagen, bevor sie hier angestellt wurden.“

          Die Jungen wandern ab ins Ausland

          Gerade bei den Tänzern droht das neue Regime die Anziehungskraft der Nationaloper markant zu verringern. Dafür, dass das Ballett zur Weltspitze zählt, sind die Löhne bescheiden: zwischen knapp dreitausend und etwas mehr als sechstausend Euro Monatsgehalt, weniger als die Hälfte dieser Beträge als Rente. Sollen die Truppenmitglieder fortan statt mit 42 erst mit 62 Jahren in Pension gehen, wird der Nachwuchs nach London, New York oder Skandinavien ausweichen. Mit sechzig oder auch bloß mit fünfzig tanzt niemand mehr halsbrecherische Stücke von Nurejew oder Cunningham. Und was dem Ballett droht, gefährdet in milderer Form auch Chor und Orchester: Überalterung und Qualitätsverlust. „Im Chor ist es bereits jetzt unglaublich schwierig, neue Mitglieder anzuheuern“, klagt der Tenor Olivier Fillon. „Neun Stellen sind zurzeit offen, aber Rekruten mit dem nötigen Niveau lassen sich einfach nicht finden.“

          Fazit? Das Rentensystem der Pariser Nationaloper weicht vom „universellen“ Regime ab, aber mit gutem Grund. Es hält die Truppe – und die gesamte Belegschaft – jung und alert. Niemand hat etwas davon, wenn Mitarbeiter, die Höchstleistungen nicht mehr erbringen können, bis weit über sechzig hinaus an ihrem Sessel kleben, weil das „universelle“ Regime es so will. Doch künstlerischer Elitismus und rentenpolitischer Egalitarismus lassen sich wohl nur schwer vereinen. Das Kulturministerium, das die Oper eigentlich schützen sollte, zeigt sich einmal mehr konsternierend unvorbereitet und willfährig. So ist es an den Betroffenen selbst, zu retten, was noch zu retten ist. Der Solobratscher Jean-Charles Monciero etwa schlug vor, die Rentenkasse in eine Art Vorsorgekasse für Frührente und Invalidität zu verwandeln. Operndirektor Stéphane Lissner stellte seinerseits eine umfassende Reflexion über die berufliche Neuorientierung der Tänzer in ihrem fünften Lebensjahrzehnt in Aussicht. Doch kam er nicht umhin, angesichts der finanziellen Schräglage auch drastische Sparmaßnahmen anzukündigen.

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