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Große Oper: „Jenůfa“ in Brüssel : Selbst härteste Herzen mussten da schmelzen

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Keine Braut, sondern eine Geschenkverpackung: Jenůfa (Andrea Danková) Bild: Karl und Monika Forster

Was geht uns hier und heute ein gefallenes Dorfmädchen an? Der Regisseur Alvis Hermanis gibt in seiner spektakulären Lesart der „Jenůfa“ von Leos Janáček die Antwort. Herrlich gesungen wird obendrein.

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          Immer wieder schwarzer Faltenrock an barem Fuß! Oder, wahlweise, das schrille Nuttenoutfit! Dazu weiße, zeichenfreie Wände, harte Konturen, damit schien der Fall „Jenůfa“ klar. Ein Frauenschicksal halt. Und weil Jungfräulichkeit hierzulande im Prinzip egal und Folklore nur etwas fürs Oktoberfest ist, haben sich die Akteure des sogenannten Regietheaters (sofern sie nicht ohnehin an der Musik gänzlich vorbei inszenieren) darauf geeinigt, dass diese höchst beliebte und viel gespielte Oper von Leos Janáček, die vom Schicksal eines mährischen Dorfmädchens erzählt, nur noch als abstraktes Lehrstück gezeigt werden kann. Das Einzige, was sich allenfalls herüberretten ließ in unsere Zeit, war der Rosmarin im Blumentopf.

          Jetzt hat Alvis Hermanis diesen Bann der gepflegten Langeweile gebrochen. Seine neue Lesart der „Jenůfa“, die jetzt in Brüssel am Théâtre de la Monnaie Premiere hatte, ist einfach spektakulär. Sie springt den Zuschauer direkt an, mit ihren prächtigen, saftigen Bildern. Und diese teils plakatstarren, teils filmbewegten Bilder, ausgeliehen beim Prager Jugendstilmaler Alfons Mucha, helfen beim Zuhören, sie öffnen Ohren und Augen für die Musik - von welcher Opernregiearbeit der letzten Jahre hat man das sonst sagen können?

          Zum Beispiel: von Bernd Alois Zimmermanns „Soldaten“, wie im vorletzten Sommer in der Salzburger Felsenreitschule zu erleben. Es handelte sich damals um die erste Opernregie des lettischen Theatermannes Hermanis, ähnlich musikintensiv und zugleich hyperrealistisch, ein Überraschungscoup insofern, als der Zwölftonmusik dadurch ganz neue Hörerschichten gewonnen wurden. Und auch diesmal wieder, bei der Brüsseler „Jenůfa“, verweist die Inszenierung schockhaft in jedem Augenblick auf die Aktualität der Musik.

          1904 wurde das Werk mit einem Schlag bekannt

          Als Janáček diese seine dritte Oper vor hundertzehn Jahren, im Januar 1904, in Brünn zur Uraufführung brachte, war er damit seiner Zeit weit voraus. Mit einem Schlag machte ihn das Werk in ganz Europa bekannt, überall wurde es nachgespielt. Man war betroffen von der Modernität dieser Klangsprache, von ihrer Schroffheit und Direktheit: der abgerissen atemlosen Diktion der Phrasen, den von wechselnden Affekten zerfetzten, zerhackten Melodien und den nach Art der minimal music repetierten formelhaften Orchester-Ornamenten. Zugleich ist Janáčeks Musikerfindung unüberhörbar der Volksmusik seiner Heimat verpflichtet - und Modernität und Folklore sind hier kein Widerspruch, sie ergänzen sich.

          Dem entspricht die raffinierte Ornamentik der Bühnenaufteilung, die Hermanis, als sein eigener Bühnenbildner, entworfen hat. Mindestens drei Ebenen gibt es, die einander kontrapunktisch kommentieren oder parallel geführt sind. Wie bei einem Kasperletheater (oder auch: wie bei einer kostbaren Pralinenschachtel) wird die eigentliche Handlungsebene von einem appetitlichen Rahmen eingefasst.

          Vorn, auf dem schmalen Streifen am Orchestergraben, agieren die Sänger, mit kabukitheaterartig stilisierten Gesten, gewandet in üppige, mit Bändern, Blumen, enormen Hahnenfedern, viel Stickerei und Faltenwurf ausgeschmückter Phantasie-Folklore, wobei so ein mährischer Puffärmel schon mal die Ausmaße eines Volleyballs haben kann. Direkt hinter den Sängern, etwas erhöht, zieht sich, wie ein antikes Fries, das bewegte Band der bleichen Balletteusen längs, eine Girls-Reihe, ebenfalls in stilisiertem Böhmenlook, die jeden Akzent der Orchesterbegleitung, jede Aufwallung der Emotionen in Ausdruckstanz umsetzt.

          Plötzlich ist die Szene ganz klar

          Und wieder eine Etage darüber (wenn nicht gerade der Vorhang hochgezogen wird für eine der bewegten, hellen Chorszenen) zaubern wandelbare Überblendungen von Mucha-Zeichnungen ein Ambiente herbei, das die „Jenůfa“-Story zurückversetzt in die versunkene Fin-de-Siècle-Gedankenwelt, aus der sie stammt.

          So sieht die Bühne in Brüssel aus im ersten und im dritten Akt. Die dörfliche Enge, die historische Fremdheit der Geschichte ist hier klar darstellbar und wird zugleich virtuos verallgemeinert und verfremdet: ein Meisterstück. Im Mittelakt aber, auf den es ja ankommt, weil hier das eigentliche Verbrechen geschieht, verzichtet Hermanis auf Schönheit, Stilistik, Ornament und Dekor. Hier wird nichts überhöht und verfremdet. Die Szene sieht plötzlich ganz „normal“ aus, wie Opernszenen heutzutage eben nun mal aussehen. Und auch die Sänger, in Alltagskleidung, agieren unstilisiert, wie in einer Fernseh-Soap. In der Wohnküche der Küsterin, ärmlich ausgestattet mit Kühlschrank, Herd, Fernseher, Bett und Heiligenbild, wirft sich die Kostelnička (Jeanne-Michéle Chardonnet) verzweifelt vor dem leichtfertigen Burschen auf die Knie: Er möge Jenůfas Baby anerkennen, sie vor der Welt ehrlich machen.

          Steva (Nicky Spence) lächelt erst gerührt, als ihm das winzige Bündel in den Arm gelegt wird. Doch da besinnt er sich, lehnt ab, flieht. Und die Küsterin sieht keinen Ausweg, als das Kind zu nehmen und fortzueilen, um es unterm Eis, im Bach, zu ertränken.

          Da taucht plötzlich, hinter den vom Schnee verwehten Fenstern, während die ahnungslose Jenůfa erwacht und ihr Gebet singt (eine desdemonahaft geschlossene, traditionelle „preghiera“), schattenhaft die Girls-Reihe wieder auf. Wie Engel oder Geister reichen sie sich das Kindlein mit dem roten Mützchen weiter, bis das Lied zu Ende ist. Herrlich wurde das gesungen von Selbst härteste Herzen mussten da schmelzen, affektstark aufbrausend musizierte das Symfonieorkest van de Munt unter Ludovic Morlot. Selbst härteste Herzen mussten da schmelzen.

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