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„Groß und Klein“ in Wien : Die Komödie einer Leidenslosen

  • -Aktualisiert am

Sie geht einem ans Auge, nicht ans Herz: Cate Blanchett als Lotte "Groß und klein" von Botho Strauß Bild: Lisa Tomasetti

Ihr fehlt ja nichts, sie spielt ja nur: Cate Blanchett gastiert als flotte Lotte in „Groß und klein“ von Botho Strauß bei den Wiener Festwochen.

          Verstehe einer die siebziger Jahre! Nie ging es den Deutschen so gut. Die Gesellschaft als das große „Wir“ wurde großzügigst abgefüttert. Man hatte Staatsschulden- und Arbeitslosenzahlen, Renten- und Arbeitsplatzsicherheiten, von denen man heute nur noch träumen kann. Aber nie waren die Deutschen so depressiv, missmutig, schlecht gelaunt wie in jenem Jahrzehnt, das sie die „Eiszeit“ oder auch die „Bleierne Zeit“ nannten, in der das große „Wir“ zu zersplittern und gleichzeitig sich zu verbunkern begann im Ratlosen. Wo überm allgegenwärtigen Beton die Detonationen den akustischen Horizont bildeten, die vom Terror der Wohlstandsbürgerkriegskinder herkamen, die sich die Fratzenmaske des roten Todes übergezogen hatten.

          Es fehlte dem Jahrzehnt lange das Drama, das es weniger begriff als vielmehr umgriff. Das Drama einer Frau, Lotte-Kotte aus Remscheid-Lennep. 1978 betrat sie in „Groß und klein“ die Bühne. Botho Strauß, ihr dramatischer Schöpfer, ließ in und mit Lotte das große „Ich“ gegen das große „Wir“ antreten, die seltsame, einsame, völlig „Wir“-lose Einzelgängerin und Einzelleiderin, eine Selbstlose, aus der Gesellschaft Gefallene, eine Gerechte, die dadurch, dass sie „nur einfach so“ da ist, den Gesichtslosen um sie herum ein Gesicht gibt: das ihre. Gegen die sich selbst Entfremdeten, mit sich und der Welt Zerfallenen setzt sie unbeirrt ihr Leiden, das ein Mitleiden ist. Sie sucht noch in Abfalleimern nach Gott. Denn „er ist einfach, wahr in Tat und Wort. Er verwandelt sich nicht und betrügt niemanden“. Also ist er zweites (oder erstes) Ich. Sie liebt ihrem abgehauenen Mann Paul hinterher, von dem sie sich demütigen und schlagen lässt. Sie schwärmt durch fremde Schlafzimmerfenster hindurch fremde Frauen an, denen sie die schönsten Kleider auf den Leib phantasiert. Sie kommuniziert in Ruhrgebietsbetonwüsten mit alten Freundinnen nur noch über Klingelsprechanlagen, ist überhaupt auf die Stimmen von Fremden, Unbekannten sehnsüchtig scharf, da sie gerade das Fremde, Widerständige sich zu eigen macht, in ihre Seelenhülle wickelt. In keiner Familie findet sie mehr Halt. Aus einem großen, leeren, weißen Lebensbuch liest sie nur noch die Blutspur des Leidens, die sich auf ihre Hände abfärbt.

          Von Leiden keine Spur

          Diese große, leidenssatte Liebeskünstlerin, die keine Lebenskünstlerin ist, sitzt am Ende in einer Arztpraxis und stellt sich die Diagnose: „Mir fehlt ja nichts.“ Allen fehlte damals nichts. Aber alle taten so krank. So wurde Lotte zur bundesrepublikanischen Ikone des Frauenleidens: in leerer Männerwelt. In zehn Szenen. Zehn Stationen. Zehn Zimmer darunter. Botho Strauß hat der bundesrepublikanischen Gesellschaft der siebziger Jahre sozusagen ihr dramatisches Dezimalsystem verpasst, bei dem als Ergebnis immer herauskam: „Mir fehlt ja nichts.“ Die ersten großen Lotten auf den Bühnen, Edith Clever (Berlin, Regie: Peter Stein), Cornelia Froboess (München, Regie: Dieter Dorn), Barbara Nüsse (Bochum, Regie: Niels-Peter Rudolph), Helga Grimme (Mannheim, Regie: Jürgen Bosse), trugen ungefähr bis 1980 unterschiedlich schwer an Lottes Leiden. Dann verschwand Lotte von den Bühnen, so, wie die siebziger Jahre und die alte Bundesrepublik mählich verschwanden. Nina Hoss ließ 2008 im Berliner Deutschen Theater (Regie: Barbara Frey) die Lotte einfach nur Lotte sein: keine Welt mehr um sie herum, ein kurzes, kaltes Aufglühen wie in einem Nachspiel. „Groß und klein“ schien doch ein sehr spezielles deutsches, historisches, fast schon klassisches Stück. Aus der alten Bundesrepublik.

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