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Grigory Sokolov in Salzburg : Unerlaubt belauscht

Grigory Sokolov am 4. August im Großen Festspielhaus in Salzburg Bild: Marco Borelli

Akkorde, die wie Krusten zerbersten, Idyllen, die zu Elegien werden, Formen, die uns atmen lassen: Der Pianist Grigori Sokolow bannt bei den Salzburger Festspielen das Publikum mit Mozart und Schumann.

          3 Min.

          Minimal, im Millisekundenbereich, und doch zauberhaft sind die Verzögerungen, die Grigori Sokolow im vierten und achten Takt des Themas der Eingangsvariationen zu Wolfgang Amadé Mozarts Klaviersonate A-Dur KV 331 macht. Sie geschehen nicht zufällig an diesen Stellen, auch nicht aus Gründen irgendwelchen „Ausdrucks“; vielmehr markieren sie Halbschluss und Ganzschluss, Mitte und Ende einer klassischen Phrase.

          Jan Brachmann

          Redakteur im Feuilleton.

          Das könnte nun, gerade durch die Betonung der Symmetrie, etwas Abgezirkeltes und Verzopftes bekommen. Das passiert aber nicht. Sokolow, in seiner ganzen Weisheit, erinnert uns daran, woher die „Phrase“ kommt: aus der Sprache und dem Tanz. Durch beide ist sie mit dem Körper verbunden. Die Verzögerungen stehen für Komma und Punkt, an denen wir beim Sprechen atmen. Sie stehen auch für die Wendepunkte der „Periode“, des Umlaufs beim Paartanz, an denen die Körper sich berühren oder voneinander lösen. Musikalische Syntax und spielerische Gestaltung weisen also zurück auf Formen des menschlichen Um-Gangs. Und Sokolow zeigt uns, dass wir in diesen Formen wohnen, atmen, uns bewegen können. Sie ersticken uns nicht.

          Hausmusik ist es im Grunde, was Sokolow an diesem Abend im Großen Festspielhaus zu Salzburg macht, Mozarts A-Dur-Sonate, eingebettet von dessen C-Dur-Fantasie KV 394 und dem Rondo a-Moll KV 511, gefolgt von Robert Schumanns „Bunten Blättern“ op. 99, hundert Minuten Musik, die auch von normalbegabten Spielern des vierten bis sechsten Unterrichtsjahres, von zwölfjährigen Kindern bewältigt werden könnte, keine Hammerklaviersonate, keine Études-Tableaux, kein Mephisto-Walzer, wozu es einen Virtuosen brauchte. Und doch hört man, dass durch Können und Erfahrung dieses mittlerweile siebzigjährigen Pianisten aus dieser Musik etwas anderes wird – oder vielmehr zutage tritt, was eigentlich in ihr steckt.

          Er muss nicht beweisen, dass er Mozart schneller und „brillanter“ spielen kann als halbwüchsige Debütanten. Er muss in den Bassvorschlägen der linken Hand bei der zweiten Variation in Mozarts Sonate nicht zeigen, wie keck und aufmüpfig „das Wolferl“ sein konnte. Er kann sie vielmehr sirren lassen wie Dudelsack und Drehleier, um daraus ein Schäferidyll à la manière de Watteau zu machen. Das Menuett nimmt er fast behäbig – aber nur, um Zeit zu gewinnen für die Entfaltung wechselnder Orchestralfarben und für phantasievolle Ornamente bei den Wiederholungen.

          Der „Türkische Marsch“ am Ende, von vielen Straßenmusikanten mittlerweile zu Tode gehetzt, beginnt zart und gemütlich: Allegretto heißt Mozarts Tempo, piano wird als Lautstärke verlangt. Aber dann lässt Sokolow es in den Dur-Couplets rumpeln und pumpeln. Er kann auf dem modernen Steinway-Flügel einfach alles, auch so tun, als habe er einen alten Hammerflügel mit Janitscharen-Zug vor sich: Da rasseln die Zimbeln und Schellen in krachendem Tschingderassabum der „Türkischen Musik“, bis Sokolow die letzten beiden Akkorde leise zurücknimmt – alles wird zur verbleichenden Erinnerung.

          Der Notentext fordert dieses Leiserwerden nicht, aber die Dramaturgie dieses Klavierabends, denn ohne Applauspause schließt Sokolow das Rondo a-Moll an. Es wird quasi zu einem Teil der Sonate, zu deren melancholischem Epilog, wie später die Komponisten des neunzehnten Jahrhunderts oft in einer Sammlung von Albumblättern eine Reihe von Idyllen mit einer Elegie schlossen, um die geheime Identität beider Gattungen – wie schon in der Malerei des siebzehnten Jahrhunderts – zu offenbaren.

          Damit bereitet Sokolow die „Bunten Blätter“ von Schumann vor, die mit ihrem ersten Stück – nicht schnell, mit Innigkeit – in A-Dur gleich wieder tonartlich an Mozart anschließen. Diese vierzehn Stücke sind wie eine Gedichtsammlung; ihr herbstlicher Titel lässt sie irgendwo zwischen „Les feuilles d’automne“ (Herbstblätter) von Victor Hugo und „Listopad“ (Blätterfall) von Iwan Bunin stehen. Sokolow legt es auf schärfste Kontraste zwischen den Stücken an: Die Nummer zehn, „Präludium“, ist harsch mit lauten Akkorden, deren Klang wie grobe Brotkruste zerbirst; der folgende Marsch still und in sich gekehrt wie ein Mensch, der niemandem mehr etwas zu sagen hat.

          Die „Abendmusik. Im Menuett-Tempo“ erklingt wie aus der Ferne, als würden wir etwas belauschen, das nicht für uns bestimmt ist. Bedrückend sind die langsamen der Albumblätter, unvorhersehbar in ihren harmonischen Fortschreitungen und im Wechsel der Register bei der Stimmführung. Das sind keine Formen mehr, in denen es sich wohnen, atmen und bewegen lässt. Der Geschwindmarsch am Ende besteht aus grellen Fetzen und Fratzen, die einem nichts sagen und einem doch zudringlich auf den Pelz rücken mit ihrem boshaften Frohsinn. Mit sechs Zugaben – von Johannes Brahms über Frédéric Chopin, Alexander Skrjabin bis zu Johann Sebastian Bach in Ferruccio Busonis Bearbeitung – klingt der Abend aus. Knapp neunhundert Menschen hörten gebannt und glücklich zwei Stunden lang Lyrik ohne Worte.

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