https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buehne-und-konzert/griechischer-komponist-mikis-theodorakis-ist-tot-17513243.html

Mikis Theodorakis ist tot : Der Lead-Sänger Griechenlands

  • -Aktualisiert am

Noch 2018, mit 93 Jahren, trat Mikis Theodorakis als Redner auf einer Kundgebung in Athen auf und schwenkte danach die griechische Fahne. Bild: dpa

Er schrieb Filmmusik, Schlager, Oratorien und Symphonien, war als kosmopolitischer Patriot und Volkstribun eine Epochenfigur. Jetzt ist der Komponist und Politiker Mikis Theodorakis mit 96 Jahren gestorben.

          3 Min.

          „Ein garstig Lied! Pfui! ein politisch Lied Ein leidig Lied!“ So tönt der Brander in Auerbachs Keller im „Faust“ von Johann Wolfgang Goethe. Und für die hehre Kunst der deutschen Klassik und des auf sie eingeschworenen Bildungsbürgertums schien dies unumstößlich. Aber schon Robert Schumann hat im „Faschingsschwank aus Wien“ die „Marseillaise“ zitiert: Anspielung womöglich wider die Restauration Metternichs; auch wenn er diesem keineswegs grimmig opponierte. Entsprechend schwankend bleibt denn auch das Verhältnis von Musik und Politik: Autonomie oder Engagement. Das Primat des Ästhetischen und das soziale Gewissen, die gar „absolute“ Musik und die populäre, auch die angewandte bilden ein Kräfte-Vieleck, dem man sich nicht so leicht entziehen kann. Prototypisch war der Konflikt zwischen Schönberg und seinem abtrünnigen Schüler Hanns Eisler, der schließlich darunter litt, in der DDR mehr als Kommunist denn als Komponist gefeiert zu werden. Hans Werner Henze ab 1965 und der frühe und mittlere Luigi Nono standen für auch politische Musik, hielten gleichwohl Abstand zu Agit-Prop und fetzigen Massen-Idiomen.

          Mikis Theodorakis hat die quasi Dreizack-Ästhetik von elaborierter Komposition, aktivem gesellschaftlichem Widerstand und überaus erfolgreicher Popularisierung nicht nur gesucht, sondern auf seine Art auch eindrucksvoll durchgehalten. So wurde er zum Lead-Sänger eines freien Griechenlands und dies nicht zuletzt im Sinne vitaler Virilität. Weltruhm nämlich erlangte er schon 1964 mit der Musik zu Michael Cacoyannis’ Film „Alexis Sorbas“, in dem Anthony Quinn zum Urbild des maskulin robusten, ewig Sirtaki tanzenden Vollblut-Griechen wurde – und so ein Klischee installierte, das lange Bestand hatte. Woran die mitreißende Musik von Theodorakis erheblichen Anteil hatte. Weltweit hat sie ein Bild vitaler Folklore geprägt, das durchaus den Ansprüchen der Unterhaltung genügte. Ob dies alles „authentisch“ war, tut wenig zur Sache, wirkte doch Theodorakis’ Soundtrack quasi als Erfindung des Ursprünglichen – ähnlich wie manches bei Franz Schubert zur Volkstümlichkeit zweiten Grades wurde.

          Dieser Mann konnte auch ohne Mikrofon laut werden: Mikis Theodorakis  (1925 bis 2021), hier bei einem Konzert am 10. März 1978
          Dieser Mann konnte auch ohne Mikrofon laut werden: Mikis Theodorakis (1925 bis 2021), hier bei einem Konzert am 10. März 1978 : Bild: Getty

          War „Alexis Sorbas“ noch eindeutig auf Kreta lokalisiert, so spielte der Polit-Thriller „Z“ von Costas-Gavras 1968 in einer anonymen Diktatur. Obwohl er eindeutig auf Geschehnisse im Griechenland von 1963 zu beziehen war. Und wieder trug Theodorakis’ suggestive Musik zur eindringlichen Wirkung bei.

          Kunst-Folklore und politisches Eingreifenwollen gehörten bei ihm zusammen. Und sein Leben wurde gleichermaßen zur Leidens- wie Erfolgsgeschichte. 1925 auf der Insel Chios geboren, schloss er sich schon 1943 dem Widerstand gegen die deutschen Besatzer an, wurde nach dem Bürgerkrieg 1952 als gefährlicher Linker auf Strafinseln verbannt, erfuhr Folter und willkürliche Inhaftierung – so nach der Rückkehr aus dem Pariser Exil 1967 erneut durch das Obristen-Regime. Theodorakis, der kosmopolitische Patriot, wurde weltweit zur Symbolfigur eines tapferen Antifaschismus, zum Heros eines freien Griechenlands. Als Komponist, Dirigent, Sänger, gemeinsam mit Maria Farantouri, vermochte er die Massen zu mobilisieren. Als Volkstribun mit musikalischen Mitteln wurde der große kräftige Mann zur Epochengestalt.

          In seinen kompositorischen Mitteln und Strategien war er nicht wählerisch, die Breitenwirkung war ihm wichtiger als ein ästhetisches Reinheitsgebot welcher Art auch immer. Sein Pablo-Neruda-Oratorium „Canto General“ avancierte international zur antitotalitären Hymne, aber er schrieb auch Symphonien. Und im Vorfeld der Olympischen Spiele 2004 in Athen beendete er 2002 seine griechische Tetralogie: Auf „Elektra“, „Medea“ und „Antigone“ folgte 2002 „Lysistrata“, Aristophanes’ keineswegs nur heitere Komödie, in der die Frauen durch Liebesverweigerung ihre Männer vom ewigen Kriegführen abbringen. Im Vorjahr hatte es im Megaron-Theater die „Prometheus“-Uraufführung gegeben, mit Musik von Iannis Xenakis, dem anderen großen griechischen Komponisten, ebenfalls vom antifaschistischen Widerstand gezeichnet, in Paris exiliert. Extreme berührten sich.

          So vielgestaltig wie seine Musik waren auch seine politischen Aktivitäten, konsistent, doch undogmatisch, stets anti-rechts, gleichwohl auch links nicht unumstritten. In der Welt des „real existierenden Sozialismus“, so in der DDR, wurde er mit Misstrauen und Ablehnung bedacht, dann wieder vereinnahmt. Die international wichtigen Musiker wie Dmitri Schostakowitsch, Benjamin Britten, Henze und Leonard Bernstein jedoch solidarisierten sich mit ihm in der Gefährdung. Um Widersprüche hat er sich wenig geschert, bekannte in seiner Autobiographie „Die Wege des Erzengels“ lapidar: „Da fängt man etwas Bestimmtes an, und etwas ganz anderes entsteht.“

          Wolf Biermann hat ihn so kumpelhaft herzlich wie schnöde tituliert als „eitles Arschloch“, dem man trotzdem nie böse sein konnte. Unbequem blieb er bis zum Schluss, hat immer wieder gegen Krieg und Ausbeutung protestiert, sich heftig gegen die von der Europäischen Union für Griechenland verordneten Spar-Auflagen gewehrt. Schillernd, spontan unberechenbar mag sein politisches Verhalten mitunter gewesen sein, sein Komponieren allemal effektsicher. Als Figur bleibt er eindrucksvoll in Erinnerung. Einen wie ihn wird es nicht mehr geben. Am Donnerstag ist er sechsundneunzigjährig in Athen gestorben.

          Weitere Themen

          Schostakowitschs Chefankläger

          Ukraine und Stalins Völkermord : Schostakowitschs Chefankläger

          Für ihn war „Lady Macbeth von Mzensk“ eine musikalische Rechtfertigung von Stalins Völkermord an den Ukrainern. Auch an der Authentizität der historischen Aufführungspraxis hatte er Zweifel. Jetzt ist der Musikwissenschaftler und Kritiker Richard Taruskin gestorben.

          Hört ihm einfach zu

          Fredrik Vahle wird achtzig : Hört ihm einfach zu

          Er steht für das gute Gewissen des Kinderlieds, hieß es, als er im Jahr 2000 das Bundesverdienstkreuz bekam. Dabei steht er auch für dessen Unsinn und Hintersinn. Jetzt wird Fredrik Vahle achtzig Jahre alt.

          Topmeldungen

          Stellenausschreibung in Mecklenburg-Vorpommern

          Fachkräftemangel : Die FDP macht Dampf

          Auch das wäre eine konzertierte Aktion wert: Deutschland muss seinen Fachkräftemangel in den Griff bekommen. Die FDP drückt der Koalition ihren Stempel auf.
          Wut auf die Polizei: Ein Demonstrant steht vor Soldaten, die nach den Protesten gegen den Tod von Jayland Walker in Akron (Ohio) im Einsatz sind.

          Polizeigewalt in Amerika : Von Schüssen durchsiebt

          Was eine Verkehrskontrolle werden sollte, endet im nächsten Fall tödlicher Polizeigewalt in den Vereinigten Staaten: Videos zeigen, wie Beamte in Ohio Dutzende Schüsse auf einen unbewaffneten jungen Schwarzen feuern.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.