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Gespräch mit Mikis Theodorakis : Wo sollen wir Hoffnung hernehmen?

  • -Aktualisiert am

Komponist Mikis Theodorakis hält 2011 eine Rede vor der Universität im Zentrum Athens Bild: Picture-Alliance

Mikis Theodorakis ist der berühmteste Komponist seines Landes und ein Liebling der Nation. Jetzt blickt der fast Neunzigjährige auf sein Leben zurück – und auf die Gegenwart Griechenlands.

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          Der Schriftsteller Nikos Kazantzakis erzählte mal von einem hundert Jahre alten Mann, den er einst in einem kretischen Bergdorf traf. Als er ihn fragt: „Wie war es, dein Leben?“, antwortet der: „Wie ein Glas Wasser – ich habe es ausgetrunken und habe doch immer noch Durst.“ Sie selbst sind nun neunzig Jahre alt. Haben Sie noch Durst?

          Diese Geschichte hat sich Kazantzakis vermutlich ausgedacht, das hat nicht irgendjemand gesagt, sondern eher er selbst. Ich persönlich habe das Problem, dass ich immer noch zusehe, wie das Glas sich leert, ich bin ja noch keine hundert. Ich fühle, dass es jeden Tag weniger wird. Meine Augen sind schlecht, mit der Sprache ist es auch nicht mehr weit her, ich kann kaum noch gehen.

          Stehen Sie nachts noch auf, wenn Sie Noten aufschreiben müssen, um weiterschlafen zu können?

          Die Musik ist immer noch im Kopf, auch nachts. Um im Bett zur Ruhe zu kommen, setze ich mir inzwischen Kopfhörer auf und höre mir an, was mich in all den Jahren um den Schlaf gebracht hat. Bis die Augen von allein zufallen.

          Theodorakis im Gespräch mit Ministerpräsident Alexis Tsipras im Februar 2015
          Theodorakis im Gespräch mit Ministerpräsident Alexis Tsipras im Februar 2015 : Bild: dpa

          Ihr Leben – als Musiker, als Politiker, als Bürger Griechenlands – ist von der Suche nach Harmonie geprägt. Thomas Mann, der 1947 vom „dämonischen Potential“ des Klangs sprach, sah die Gefahr, dass Musik den Menschen vom Guten ins Böse leiten könnte. Haben Sie diesen Dämon je kennengelernt?

          Die alten Griechen glaubten, die Quintessenz allen Wissens liege im Erkennen jener Gegensätze, aus denen der Kosmos entstand. Chaos und Harmonie, Leben und Tod, das Nichts und die Unendlichkeit – jeweils zwei Seiten derselben Medaille. Das Material der Musik ist der Klang. So sicher die Musik aus Klang besteht, so wenig ist Klang aber Musik. Der Klang ist lediglich ein Ausschnitt von etwas, aus dem nur dann Musik wird, wenn die Kreativität hinzukommt. Der Komponist schafft Leben, das heißt Harmonie. Und nicht Chaos, denn das wäre Tod. Dieser Gegensatz wird personifiziert von der Harmonie Beethovens und dem Chaos Hitlers – um hier ein Beispiel aus dem Land Thomas Manns zu nennen.

          Am 12. Februar 2012 nahm Mikis Theodorakis, im Rollstuhl sitzend (Mitte), in Athen an einer Demonstration teil. Durch einen Tränengaseinsatz wurde er schwer verletzt.
          Am 12. Februar 2012 nahm Mikis Theodorakis, im Rollstuhl sitzend (Mitte), in Athen an einer Demonstration teil. Durch einen Tränengaseinsatz wurde er schwer verletzt. : Bild: Wassilis Aswestopoulos

          Sie haben Harmonie nicht nur als Musiker gesucht, sondern auch bei der Gestaltung der Beziehungen Ihres Volks zu seinen Nachbarn; als griechischer und europäischer Bürger und Politiker.

          Unser aller Leben hatte einmal einen natürlichen Rhythmus, den haben wir verloren. Wir versinken in ungeheuren Geldbewegungen und einem Bombardement von Informationen, wir verlieren und vergessen unsere Menschlichkeit, unser Menschsein. Dabei haben wir Hunger auf echte Harmonie – nicht auf solche, die als Illusion daherkommt. Die Menschen sollten lernen, der Disharmonie entgegenzutreten und falsche Harmonie zu erkennen. An die Politik gerichtet: Es ist äußerst gefährlich, Situationen falscher Harmonie zu erzeugen.

          Der Mensch hungert nach Harmonie. Was hindert ihn daran, sie zu finden und sich von ihr zu nähren?

          Die Kraft des Chaos. Wir erleben heute das vielleicht größte Chaos, dem Menschen jemals ausgesetzt waren. Wir hatten in Europa furchtbare Kriege, doch ich fürchte, diesmal ist es noch schlimmer. Das Chaos wird uns eingepflanzt, jeden Tag, und es lebt in jedem von uns. In diesem Moment unseres Gesprächs werden Menschen geschlagen und getötet, überall auf der Welt. Wir sind geworden, was wir nicht sein wollten.

          Nicht wenige Verantwortliche in unserem westlichen Gesellschaftsystem meinen heute, dass – zur Bekämpfung des Terrorismus etwa – auch Folter notwendig sein könnte. Was empfinden Sie als jemand, der die Folter am eigenen Leib ertragen hat angesichts solcher Diskussionen?

          Ich empfinde auch hier den Unterschied zwischen dem Gesetz der Harmonie und dem des Chaos. Jene, die Krieg und Folter wollen, sind die Organe des Chaos. Leider muss ich feststellen, dass die Kräfte des Chaos und ihre Helfer es geschafft haben, viele Menschen und Völker, besonders in Europa, zu betrügen. Es schaudert mich, wenn ich höre, dass bestimmte Leute nicht davor zurückschrecken, die Folter als Notwendigkeit für bestimmte Fälle zu betrachten. Wer es wagt, so etwas zu sagen, ist – wie der von ihm so genannte Terrorist – selbst ein Ungeheuer.

          Taugt Musik dazu, menschliche oder sogar politische Beziehungen zu harmonisieren?

          Musik ist eine Brücke. Sie drückt den Wunsch des Menschen nach Gesellschaft aus. Menschen leben in völlig unterschiedlichen, oft weit voneinander entfernten Gegenden, Ländern, Kontinenten. Die überwältigende Zahl von ihnen wird sich nie kennenlernen, nie miteinander sprechen können, wenig voneinander wissen. Aber genau diese Menschen können alle die gleiche Musik hören und lieben. Wir haben Tausende solcher Brücken, die Musik ist nur eine davon. Leider gibt es auch Brücken, die nicht beschritten werden. Doch schon immer waren wenige herausragende Persönlichkeiten – Philosophen, Musiker, Maler, Schriftsteller – mit ihren Stimmen sozusagen die Einheitswährung menschlicher Kultur und Kommunikation.

          Ein wichtiger Teil Ihrer Musik ist politisch. Sie haben die Mauthausen-Ballade von Jakovos Kambanellis vertont, den „Canto General“ von Pablo Neruda und den „Epitaphios“ von Ioannis Ritsos – Texte, in denen es um die Vernichtung der Juden geht, um den nordamerikanischen Imperialismus in Lateinamerika und die blutige Niederschlagung eines Arbeiterstreiks. Eines Ihrer berühmtesten Werke aber, „Das Lied vom toten Bruder“, hat ein griechisches Thema: den Bürgerkrieg der Nachkriegszeit.

          Das „Lied vom toten Bruder“, das ich als zeitgenössische griechische Volkstragödie bezeichne, wurde zum ersten Mal im Herbst 1962 in Athen vorgestellt. Sein Aufbau war inspiriert von der antiken Tragödie – mit dem Unterschied, dass ich den archaischen Tanz durch ein Orchester mit volkstümlichen Instrumenten ersetzt habe und den ursprünglichen Vorsänger durch einen Liedersänger der Gegenwart. Der Bürgerkrieg war damals ein Tabuthema und die Aufführung des Stücks ein Tabubruch. Entsprechend emotional waren die Reaktionen. Wir haben das „Lied“ dann zu Beginn des Jahrtausends neu aufgenommen, mit jungen Musikern und Sängern; es vergeht jetzt kaum ein Monat, in dem es nicht aufgeführt würde. Mehr als fünfzig Jahre nach seiner Premiere ist die dem Lied innewohnende Idee von der nationalen Versöhnung zum kulturellen Besitz aller Griechen geworden.

          Ihr Name wird außerhalb Ihrer Heimat vor allem mit „Alexis Zorbas“ und dem Sirtaki in Verbindung gebracht.

          Leider wird diese Berühmtheit meinem Werk nicht unbedingt gerecht und auch nicht meiner politischen Sicht und Denkensart oder gar meinem Handeln. Sie werden verstehen, dass diese Art von Ruhm mich nicht besonders interessiert. Sie ist wie ein schwerer Stein, der mir um den Hals gehängt wurde. Und sie erschwert es sicher, dass man auf internationalen Bühnen den wirklichen Theodorakis und die Bedeutung seines Werkes anerkennt.

          Im Oktober 1974 haben Sie im Stadion Karaïskakis ihr erstes Konzert nach dem Fall der Junta gegeben. Wie fühlte es sich an, so verehrt zu werden?

          Die Euphorie war damals unglaublich, es war ein Sturm der Begeisterung, der durch das Stadion fegte, es war wie ein wohltuender Schmerz, all den Menschen in die Gesichter zu sehen, die meine Lieder auswendig kannten und vor Freude weinten. Es war schön und zugleich eine schwere Bürde. Ich hatte immer das Gefühl, ich sei für nahezu alles verantwortlich, was bei uns geschieht. War es Freude, freute ich mich mit meinen Leuten. War es Schmerz, dann hatte ich das Gefühl, etwas mehr leiden zu müssen als die anderen – weil sie mir ja mit ihrer Liebe zu mir ein so wertvolles Geschenk gemacht haben. Warum lieben sie mich so? Ich kann es nicht begreifen.

          Vierzig Jahre später scheint es, als ob vor allem junge Griechen den alten Theodorakis immer noch brauchen. Sie waren bis zum verhängnisvollen Tränengaseinsatz der Polizei auf dem Syntagmaplatz am 12. Februar 2012 häufig im Fernsehen, Radio, auf Konzert- und Politikveranstaltungen präsent. Seitdem sind Sie kaum mehr öffentlich aufgetreten. Was ist damals geschehen?

          Ich war mit meinen Freund Manolis Glezos unterwegs, er zu Fuß, ich im Rollstuhl. Plötzlich steckten wir mitten drin in der Menge, so wie es ja sein soll, wenn man an einer Demonstration teilnimmt. Es ging gegen die unselige Austeritätspolitik, die uns Griechen ins Elend gestürzt hat. Wir sind heute wieder da, wo wir nach der Junta angefangen haben: bei null. Dann gab es Krawall, die Polizei schoss mit Tränengas, ich bekam eine volle Ladung mitten ins Gesicht, weil ich mich aufgerichtet hatte, und fiel in meinem Rollstuhl zurück. Junge Helfer stülpten mir eine Gasmaske über, aber es war zu spät. Meine Bronchien wurden schwer beschädigt, ich musste wochenlang im Bett bleiben, ich bin nicht mehr der alte. Ich hatte meinen Standpunkt nie geändert, war immer aufrecht geblieben. Dann hat das Gas mich fertiggemacht.

          Griechenland hat in seiner neueren Geschichte furchtbare Situationen überstanden. Werden sich die Griechen am Ende auch diesmal behaupten?

          Wenn man Druck macht auf ein Volk, dann steht es irgendwann auf. Das sei an die Adresse jener gerichtet, die uns hier jeden Tag an die Wand stellen wollen. Das vom Geld dirigierte Europa erscheint mir inzwischen wie eine riesige Spinne, und jeder, der in ihr Netz gerät, ist verloren. Wir Griechen haben seit der Antike viel bewegt. Aber seit der Antike ist es auch so, dass der Verrat oft von innen gekommen ist. Die Vorgänger der aktuellen Regierung haben alles unterschrieben, sie haben das griechische Tafelsilber verkauft und uns gesagt: Schäuble ist der Chef. Nun ist es an Alexis Tsipras, das rückgängig zu machen. Ich hoffe nicht, dass er in die gleiche Richtung gehen wird wie seine Vorgänger.

          Haben Sie uns vor dem Hintergrund Ihres Lebens Hoffnung anzubieten?

          Nun, ich zumindest werde bald nicht mehr da sein. Sie schon, Sie werden noch leben. Und Sie werden zurechtkommen müssen mit dem Chaos. Wo sollen wir Hoffnung hernehmen? Man raubt sie uns ja jeden Tag. Ich bin täglich umgeben vom Chaos. Und doch...plötzlich, völlig unerwartet, fällt mir eine Melodie ein. Das ist ein Wunder. Jeder Mensch hat Harmonie in sich, er will sie, und er braucht sie. Wir könnten eine harmonische Welt herstellen, wir müssten sie nur wollen. Ich spreche hier nicht von politischen Manifesten, sondern von dem, was machbar ist, was Wirklichkeit sein kann. Wir dürfen dem Chaos einfach nicht erlauben, sich bei uns einzunisten. Ich selbst aber will so schnell wie möglich sterben, meine Eltern und mein Bruder sind schon gegangen, sie warten.

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