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Gespräch mit Mikis Theodorakis : Wo sollen wir Hoffnung hernehmen?

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Ich empfinde auch hier den Unterschied zwischen dem Gesetz der Harmonie und dem des Chaos. Jene, die Krieg und Folter wollen, sind die Organe des Chaos. Leider muss ich feststellen, dass die Kräfte des Chaos und ihre Helfer es geschafft haben, viele Menschen und Völker, besonders in Europa, zu betrügen. Es schaudert mich, wenn ich höre, dass bestimmte Leute nicht davor zurückschrecken, die Folter als Notwendigkeit für bestimmte Fälle zu betrachten. Wer es wagt, so etwas zu sagen, ist – wie der von ihm so genannte Terrorist – selbst ein Ungeheuer.

Taugt Musik dazu, menschliche oder sogar politische Beziehungen zu harmonisieren?

Musik ist eine Brücke. Sie drückt den Wunsch des Menschen nach Gesellschaft aus. Menschen leben in völlig unterschiedlichen, oft weit voneinander entfernten Gegenden, Ländern, Kontinenten. Die überwältigende Zahl von ihnen wird sich nie kennenlernen, nie miteinander sprechen können, wenig voneinander wissen. Aber genau diese Menschen können alle die gleiche Musik hören und lieben. Wir haben Tausende solcher Brücken, die Musik ist nur eine davon. Leider gibt es auch Brücken, die nicht beschritten werden. Doch schon immer waren wenige herausragende Persönlichkeiten – Philosophen, Musiker, Maler, Schriftsteller – mit ihren Stimmen sozusagen die Einheitswährung menschlicher Kultur und Kommunikation.

Ein wichtiger Teil Ihrer Musik ist politisch. Sie haben die Mauthausen-Ballade von Jakovos Kambanellis vertont, den „Canto General“ von Pablo Neruda und den „Epitaphios“ von Ioannis Ritsos – Texte, in denen es um die Vernichtung der Juden geht, um den nordamerikanischen Imperialismus in Lateinamerika und die blutige Niederschlagung eines Arbeiterstreiks. Eines Ihrer berühmtesten Werke aber, „Das Lied vom toten Bruder“, hat ein griechisches Thema: den Bürgerkrieg der Nachkriegszeit.

Das „Lied vom toten Bruder“, das ich als zeitgenössische griechische Volkstragödie bezeichne, wurde zum ersten Mal im Herbst 1962 in Athen vorgestellt. Sein Aufbau war inspiriert von der antiken Tragödie – mit dem Unterschied, dass ich den archaischen Tanz durch ein Orchester mit volkstümlichen Instrumenten ersetzt habe und den ursprünglichen Vorsänger durch einen Liedersänger der Gegenwart. Der Bürgerkrieg war damals ein Tabuthema und die Aufführung des Stücks ein Tabubruch. Entsprechend emotional waren die Reaktionen. Wir haben das „Lied“ dann zu Beginn des Jahrtausends neu aufgenommen, mit jungen Musikern und Sängern; es vergeht jetzt kaum ein Monat, in dem es nicht aufgeführt würde. Mehr als fünfzig Jahre nach seiner Premiere ist die dem Lied innewohnende Idee von der nationalen Versöhnung zum kulturellen Besitz aller Griechen geworden.

Ihr Name wird außerhalb Ihrer Heimat vor allem mit „Alexis Zorbas“ und dem Sirtaki in Verbindung gebracht.

Leider wird diese Berühmtheit meinem Werk nicht unbedingt gerecht und auch nicht meiner politischen Sicht und Denkensart oder gar meinem Handeln. Sie werden verstehen, dass diese Art von Ruhm mich nicht besonders interessiert. Sie ist wie ein schwerer Stein, der mir um den Hals gehängt wurde. Und sie erschwert es sicher, dass man auf internationalen Bühnen den wirklichen Theodorakis und die Bedeutung seines Werkes anerkennt.

Im Oktober 1974 haben Sie im Stadion Karaïskakis ihr erstes Konzert nach dem Fall der Junta gegeben. Wie fühlte es sich an, so verehrt zu werden?

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