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„Agrippina“-Premiere : Verlier den Thron, nicht dein Herz

  • -Aktualisiert am

Die russische Sopranistin Julia Lezhneva legte eine atemberaubende Performance auf der Bühne ab. Bild: Hans Jörg Michel

Zu lange waren die Tore der Hamburger Staatsoper geschlossen, doch nun öffneten sie mit einer famosen Inszenierung. Händels „Agrippina“ ist das Beste, was die Hansestadt seit langem sehen durfte.

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          In der Liebe gibt es keine Lüge, die nicht sogleich durchschaut und an die nicht doch sofort geglaubt wird. Aus diesem Wechselspiel von Irrungen und (Ver-) Wirrungen entwickelt sich Georg Friedrich Händels Oper „Agrippina“. Um ihren Sohn Nerone mit der Kaiserkrone zu schmücken, spielt die Titelfigur, alle Mittel von List und Lüge einsetzend, ihre Widersacher gegeneinander aus.

          Eine Satire auf den päpstlichen Hof vermutete Reinhard Strohm („Händel und seine italienischen Operntexte“) in dieser Komödie. Wie gut sie als Satyrspiel auf Polit-Theater schlechthin zu verstehen ist, haben der schottische Regisseur David McVicar in Frankfurt und New York (2006 und 2019) und nun Barrie Kosky gezeigt, dessen Inszenierung von München über London und Amsterdam den Weg nach Hamburg gefunden hat.

          Wer einen steilen Jux erwartet hatte, für den Händels Opern lange herhalten mussten, wurde angenehm enttäuscht. Auch die grell-pop-kulturellen Assoziationen, die der Regie-Virtuose nicht aussparte, standen im Dienst einer Tragikomödie über eine verderbte Gesellschaft. Agrippina ist eine skrupellose Intrigantin, ihr Gatte Claudio ein aufgeblasener Popanz, Nerone ein haltloses Jüngelchen mit gestörtem Selbstbild, Poppea ein betörendes Flittchen. Inmitten steht, als einziger Mann von Ehre, Ottone, der um der Liebe willen auf die Macht verzichtet.

          Wie im Schnellfeuer ratternde Koloraturen

          Die mehr als drei Dutzend Arien der Oper sind Wunschbilder echter Empfindungen, die für den Zuschauer jedoch durch beiseite gelieferte Kommentare relativiert werden – ein dramaturgischer Kunstgriff wie der von Francis Underwood, der sich in „House of Cards“ direkt an den Zuschauer wendet. Diese ariosen Gefühlsbilder dürfen nicht affekt-gestisch zum „Ausdruck“ gebracht werden, sondern sind mit rein gesanglichen Mitteln darzustellen, besser: zu vermitteln mit der üppig-ornamentalen Formelsprache der Barockoper. Nur als Gesangs-Oper kann „Agrippina“ für eine nachhaltige Wirkung sorgen.

          Ob der vielgerühmte Reiz der Kastraten-Stimme durch Counter-Tenöre heraufbeschworen werden kann, ist schwer zu beantworten. Sie, die modernen Falsettisten, waren Vorboten der Diversität. Der vexatorische Reiz ihrer Stimmen liegt, wie im Begriff „Heldensoprane“ angedeutet, in einer (sexuellen) Zweideutigkeit, die vor einem halben Jahrhundert noch verpönt war. Aber wie kann es einen Ersatz geben für Stimmen, die wir nie haben hören können? In der Rolle des Ottone gelang es dem Franzosen Christophe Dumaux, die langen Phrasen von „Voi, che udite“ – ein Lamento darüber, dass es schwerer sei, sein Herz zu verlieren als den Thron – mit der Halbstimme zu singen, mit einem herzbewegenden Schmerzensklang. Aber wie beseelt sein durch zärtliche Schleifen veredeltes Cantabile, so wurde der Klang in Rezitativen und in raschen Parlando-Passagen eckig und manchmal auch scheppernd (gleich dem Klirren von Eis in einem Becher).

          Helles Entzücken

          Franco Fagioli, der Sänger der für einen Sopran-Kastraten geschriebenen Partie des Nerone, gehört zu den überragenden Vertretern seines Fachs. Dass ihm essentielle Fertigkeiten eines Belcantisten – Tonschönheit, portamento-basiertes Legato, geschmeidige Koloratur – zur Verfügung stehen, ist ebenso dokumentiert wie seine athletische Energie im virtuosen Passagenwerk. In der Aufführung aber war er weniger als Belcantist zu erleben denn als Darsteller, der die Klanggestalten seines Singens der Körpersprache eines hysterisch-überaktiven oder manisch-depressiven Jünglings anpasste: mit wie im Schnellfeuer ratternden Koloraturen und jähen, pop-virtuosen Akzenten. In der Dacapo-Gleichnis-Arie „Come nube che fugge del vento“ mit ihren Ketten von Sechzehnteln war ein Rausch der Geschwindigkeit zu erleben, kulminierend in einem trompetenhaft geschmetterten Spitzenton. Imponierend zwar als affektive Gestik, weniger aber als musikalischer Ausdruck der Exaltation.

          Trotz des Namens „Agrippina“ hat die Oper zwei Protagonistinnen. Die zweite ist Poppea, die im Textbuch (Carlo Grimani) nicht die verruchte Hetäre ist wie eine halbes Jahrhundert zuvor in Monteverdis „L’incoronazione di Poppea“. Sie lebt offenbar nach der Maxime, dass eine schöne junge Frau zwar ohne Liebe leben kann, aber nicht ohne Liebhaber. Mit der Hamburger Aufführung muss die russische Sopranistin Julia Lezhneva vierhundert neue Liebhaber (mehr Zuschauer gab es nicht) erobert haben. Was sie in ihren sieben Arien darbot – sublime Kantilenen mit wie Silberfäden eingewirkten Ornamenten, trampolin-federnde Staccati und ebenmäßig schwingenden Trillern –, sorgte für helles Entzücken. Noch eindringlicher, wie sie die messa di voce, das An- und Abschwellen des Tons, als Ausdruck seelischen Bebens einzusetzen verstand. Im ersten Teil des langen Abends (rund dreieinhalb Stunden) schien es, es würde die junge Russin mit ihrer funkelnden Virtuosität und ihrer Anmut der Protagonistin Anna Bonitatibus die Show stehlen. Nur ging es nicht um Show.

          Im Verlauf des Abends bewies die italienische Mezzo-Sopranistin eminente Qualitäten – grandios in der Arie „Pensieri, voi mi tormente“, dem Seelenbild einer von Angst und Schuldgefühlen geplagten Frau. In der Arie „Hò un non sò che“ brillierte sie ebenso wie die vier Solo-Instrumentalisten des superben Ensemble Resonanz, das unter Leitung von Riccardo Minasi alle Zärteleien „historisch-informierter“ Darstellungen vergessen ließ und zeigte, wie „aktuell“ die Barock-Oper sein kann. Einhelliger Jubel für die beste Aufführung der Hamburger Oper seit vielen Jahren.

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