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Grace Bumbry wird 80 : Die doppelte Primadonna

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Ehrgeizig und wandlungsfähig: Grace Bumbry und ihr Rolls Royce. Bild: dpa

Der dramatische Mezzosopran war ihr Fach, Kritik verbat sie sich: Grace Bumbry war eine der ersten farbigen Sängerinnen, die im damals noch weißen Operngeschäft Karriere machte.

          Bis in die späten fünfziger Jahre war die Oper ein fast exklusiv „weißes“ Unternehmen. Die erste Sängerin, die – nicht obwohl, sondern auch weil eine Farbige– ihren Weg auf die Straße des Ruhmes fand, war Grace Bumbry. Kaum dass sie 1961, im zweiten Jahr ihrer Laufbahn, bei den Bayreuther Richard-Wagner-Festspielen im „Tannhäuser“ debütiert hatte, machte sie weltweit als „schwarze Venus“ Schlagzeilen. Den Zeloten unter den unverbesserlichen Alt-Wagnerianern, die ob dieser „Rassenschande“ zürnten, konnte Wieland Wagner sarkastisch entgegenhalten: „Mein Großvater hat für Stimmfarben geschrieben, nicht für Hautfarben.“ Welch bemerkenswerte Koinzidenz, dass sich die zehn Jahre ältere Leontyne Price nach ihrem Debüt an der Met – ebenfalls 1961 – noch als „barrier breaker“ der Klassenschranken empfand.

          Mit sieben Jahren erhielt die aus Missouri gebürtige Grace Bumbry Klavierunterricht, mit fünfzehn die ersten Gesangsstunden. Siebzehn war sie, als sie an der Boston University ein Gesangsstudium begann. In Santa Barbara fand sie eine weise Lehrerin und Förderin: die legendäre Lotte Lehmann. Im Winter 1958 teilte sie sich mit Martina Arroyo den ersten Preis der Met-Auditions. Ein Jahr später ging sie nach Europa, gab Lieder-Recitals in der Londoner Wigmore Hall und in der amerikanischen Botschaft in Paris und erhielt alsbald einen Dreijahresvertrag an der Oper Basel mit der Lizenz zu Gastspielen.

          Brennender Ehrgeiz und theatralisches Temperament

          Bumbry brachte die beste Voraussetzung für eine bedeutende sängerische Laufbahn mit: eine brillante Stimme mit einem reichen, in der hohen Lage leuchtenden, intensiv vibrierenden Klang, bestens geeignet für die Parade-Partien des dramatischen Mezzosopran-Fachs. 1963 debütierte sie in Covent Garden, London, als Eboli in Giuseppe Verdis „Don Carlos“, 1964 bei den Salzburger Festspielen als Lady in Verdis „Macbeth“ sowie an der Wiener Staatsoper als Santuzza in Mascagnis „Cavalleria Rusticana“, 1966 sang sie an der Mailänder Scala die Azucena im „Troubadour“ sowie in Salzburg die Titelpartie in Bizets „Carmen“ unter Herbert von Karajan.

          Das Ehepaar Macbeth: Im Jahr 1964 mit Dietrich Fischer-Dieskau bei den Salzburger Festspielen. Bilderstrecke

          Was Grace Bumbry ebenfalls mitbrachte, waren ein brennender Ehrgeiz, das theatralische Temperament und der Überlegenheitskomplex für die Rolle der Primadonna, die sie auch im Café Society virtuos zu spielen verstand. Da aber einer Mezzosopranistin in der Hierarchie der Fächer immer nur die Rollen der seconda donna zugewiesen werden, entschied sie sich – auch im Vertrauen auf das brillante hohe Register ihrer Stimme – zum Wechsel ins dramatische Fach.

          Nach Übergangsrollen wie Lady Macbeth und Santuzza übernahm sie 1970 Partien wie Medea, Aida, Gioconda, Tosca und Salome. Als sie letztere Partie, als Strauss-Heroine, erstmals unter Georg Solti in London sang, bekam sie von dem englischen Kritiker William Mann zwar eine „outstanding performance“ bescheinigt; doch war dem Lob eine unüberhörbare Warnung eingeschrieben: „She shrieks in the upper register.“ Unter dem spöttischen Titel „Frau Venus erweitert ihr Revier“ berichtete Karl Schumann 1973 in der „Süddeutschen Zeitung“ über eine Aufführung von „Tannhäuser“, in der sie die Venus sowohl wie die Elisabeth sang. Auch hier war zu lesen, dass sich erst in Elisabeths Gebet „das Vibrato beruhigt hatte“.

          Die Berichte über ihre Aufführungen im Sopranfach deuten darauf hin, dass sie beispielsweise als Gioconda und Tosca glänzende Abende gestaltete, hingegen in technisch anspruchsvolleren Partien wie Norma, Abigaille oder Aida zuweilen enttäuschte. In Interviews zeigte Grace Bumbry sich jedoch, in die Autosuggestion des „Diva Talk“ verfallend, als Schönrednerin in eigener Sache. „Ins Sopranfach zu wechseln ist eine Sache“, sagte sie in einem Interview, „den Wechsel so zu meistern, wie ich es getan habe, ist eine andere. Ich habe nun meine Pianissimi, wie ich sie noch nie hatte, mit vollem, rundem Ton. Ich habe das erst im vergangenen Mai erreicht.“

          In Erinnerung aber bleibt die von ihren Kollegen teils eifersüchtig, teils spöttisch als „amazing Grace“ bezeichnete Sängerin vor allem als Mezzosopran: durch ihre aus den sechziger Jahren stammenden, stimmlich überrumpelnden Porträts der Lady Macbeth, Eboli, Amneris, Carmen und Santuzza. Heute wird Grace Bumbry achtzig Jahre alt.

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