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Ibsens „Brand“ in Frankfurt : Gotteskrieger im Nebel

„Ihr wollt nur lieben, spielen, lachen“: Brand (Heiko Raulin) wähnt die Welt auf schiefer Ebene. Bild: Birgit Hupfeld

Verführung zum Verzicht: Im Schauspiel Frankfurt inszeniert Roger Vontobel das Versdrama „Brand“ von Henrik Ibsen – schwieriger Stoff in Prosasprache.

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          So viel Nebel war selten im Schauspiel Frankfurt. Aus dem wabernden Schleier der dunklen, weiten Bühne schält sich die schemenhafte Kontur eines Mannes in schwarzer Kutte heraus. Wir sehen ihn von hinten, stumm. Es ist „Der Mönch am Meer“, Caspar David Friedrichs ikonische Darstellung des modernen Menschen, als Tableau vivant. Auch Brand, der Titelheld von Henrik Ibsens Versdrama, ist ein protestantischer Geistlicher. Nur dass der noch dazu ein Fanatiker ist, ein Gotteskrieger, der zur Erlangung des vermeintlich hellen Lichts im irdischen Dunkel alles aufs Spiel setzt. Er kann nicht anders.

          Sandra Kegel

          Verantwortliche Redakteurin für das Feuilleton.

          Anpassung an die Verhältnisse begreift er als Sünde. „Ihr wollt nur lieben, spielen, lachen, wollt eine bequeme Religion, aber nichts sehen“, ereifert er sich. Wieder so einer, deren Lied jetzt überall zu hören sei, tönt es zurück: „Du bist einer von denen, die das Leben neuerdings als Tand und Staub hinstellen und alle Welt dazu bringen wollen, in Sack und Asche zu gehen vor lauter Höllenfurcht.“ Unversöhnlich tritt der Pfarrer seiner Umwelt gegenüber, sein idealistischer Furor ist grausam. Doch zückt er seine schärfste Waffe, das Wort, nicht nur gegen halbherzige Christen, heuchlerische Politiker und Kompromissler, sondern auch gegen seine Allerliebsten und damit gegen sich selbst: Der sterbenden Mutter verweigert Brand die Letzte Ölung, weil sie nicht bereit ist, ihr Erbe zu spenden. Den neugeborenen Sohn lässt er im rauhen Klima zugrunde gehen, weil er seine Gemeinde nicht zurücklassen will. Und seine geliebte Agnes wird ungetröstet sterben, nachdem er sie gezwungen hatte, die selbstquälerische Erinnerung an das verlorene Kind aufzugeben. Auch Gott habe seinen Sohn geopfert, obwohl der um Gnade bat, hatte er Agnes belehrt.

          „Alles oder nichts“, so lautet der Leitgedanke dieses Pietkong-Kämpfers aus dem hohen Norden. Wer nicht bereit ist, alles zu opfern, der hat auch nichts zu geben. Jedes Zugeständnis wäre ein fauler Kompromiss, und für die Einheit von Leben und Glauben geht Brand, trotzig und unbeirrbar, über Leichen. Eben darin liegt der Bruch, der nicht zu kitten ist: Dass Brands Konsequenz, mit der er die Menschen zu einem besseren, richtigen Leben führen will wider den Egoismus und die Doppelmoral von Kirche und Staat, einerseits bemerkenswert ist, der Rigorismus andererseits aber zahlreiche Opfer verlangt. Was tun?

          Hochallegorisches Drama in Prosasprache

          Als „Brand“ 1866 erschien, war das Stück augenblicklich ein Erfolg, und Ibsen konnte sich mit 38 Jahren endlich als freier Autor etablieren. Doch anders als der nur ein Jahr später ebenfalls in Reimform erschienene „Peer Gynt“, bis heute eines der weltweit meistgespielten Stücke, hatte „Brand“ es auf der Bühne von Anbeginn schwer. Das analytische Drama wurde zu Ibsens Lebzeiten zwar begeistert gelesen, aber nicht gespielt, und daran hat sich bis heute kaum etwas geändert. Die Theater machen einen großen Bogen um „Brand“.

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