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Gorki am Schauspiel Frankfurt : Die Tagträume der kreativen Klasse

Beflügeltes Beinahepaar: Oliver Kraushaar und Verena Bukal Bild: Birgit Hupfeld

Geschrieben hat Maxim Gorki sein Theaterstück „Kinder der Sonne“ in einer Gefängniszelle. Was Wunder, dass es vom Scheitern handelt. In der Frankfurter Neuinszenierung strahlt es dennoch Leichtigkeit, ja Grandezza aus.

          3 Min.

          Maxim Gorki, Sturmvogel der russischen Revolution, den die Bekanntschaft mit dem eigenen Volk „bitter“ machte, ließ in seinem Stück „Kinder der Sonne“ das anmutige Segelflugzeug der Tschechow-Komödie auf dem gesellschaftlichen Erdboden bruchlanden. Es wirkt symbolisch, dass Gorki diese Hommage an seinen Freund Tschechow, der geradezu rechtzeitig noch vor dem ersten Revolutionsjahr 1905 starb, in der Gefängniszelle der Peter-und-Pauls-Festung schrieb, wo er wegen seiner Sympathien für die Petersburger Blutsonntagsrevolte eingesperrt war.

          Kerstin Holm
          Redakteurin im Feuilleton.

          Mit seinem Beziehungsreigen einer Troika von Intelligenzlern - einem Grundlagen-, einem praktischen Wissenschaftler, einem Künstler und drei feinfühligen Frauen - stellt der Autor sich den eigenen Hoffnungen auf eine politisch wegweisende Rolle der kreativen Klasse, der er angehört. Er zeigt aber, dass auch sie, wie Kaufleute und Proleten, nicht über den eigenen Tellerrand sehen. Wohl deshalb hat er, wie überliefert, in seiner Zelle laut gelacht.

          Straßenkinder die ihren Schützling beklauten

          Die Neuinszenierung, die die opernerfahrene Regisseurin Andrea Moses jetzt am Frankfurter Schauspiel herausbrachte - die freilich wegen ihrer Erkrankung Oliver Reese zu Ende führte -, verleiht den „Kindern der Sonne“ die lakonische Grandezza eines Musikdramas. Als einziges Dekor hat Bühnenbildner Olaf Altmann den Drehboden mit baumhohen Rundsäulen und deren Stümpfen bepflanzt, durch den die Figuren irren wie durch den allegorischen dunklen Wald. Klanglich untermalt von einem Reigentanzpuls mixt der Möchtegernerfinder Pawel Protassow, der sein ererbtes Haus längst an einen jüdischen Kaufmann veräußern musste, seine Pulver; wozu der Tierarzt Boris Tschepurnoi, die einzige sozial engagierte Figur, berichtet, wie Straßenkinder, die er bei sich zu Hause aufnahm, ihn nur beklauten, und dass er zum Geldverdienen vor allem Schoßhündchen behandeln muss.

          Der Chemiker Protassow, von Thomas Huber als sympathischer seemannsbärtiger Weltflüchtling verkörpert, will an das Potential der vom Joch von Zar und Kirche befreiten Menschen glauben, sich selbst schöpferisch zu vervollkommnen, sich zu „vergöttlichen“. Auch Gorki glaubte daran, weshalb er später mit Lenin aneinandergeriet und nach dem Oktoberumsturz emigrierte. Die Figur des Tierarztes Tschepurnoi, den Oliver Kraushaar als bebrillten Nerd mit versonnenem Dauerlächeln spielt, hält dem die ehrlich erarbeitete Überzeugung entgegen, der Mensch sei widerlich. Dabei ist dieser Künder zynischer Parolen zugleich der lyrische Held, der das Liebesglück mit Protassows von schlimmen, aber realistischen Umsturzahnungen kranker Schwester Lisa knapp verfehlt. Großartig wie Kraushaar bei beider Annäherung mit seinen „schüchtern“ hochgezogenen Schultern und marionettenhaften Schlenkerarmen tanzt als sei er schwerelos.

          Ein Zugwind der Realität durch die Parallelwelt

          Die späte Kulturblüte damals beschwor die Menschen der Zukunft als „Kinder der Sonne“, die, von der Wissenschaft erleuchtet und von Todesfurcht befreit - als ob das zu etwas gut wäre! - sich herrlich entfalten würden. Gorki lässt den Zugwind der Realität durch die Parallelwelt pfeifen. Das phlegmatisch erotisch posierende Dienstmädchen von Paula Skorupa holt Gebote ein und gibt einem reichen Greis den Zuschlag. Ihre Nachfolgerin trinkt den Tee, auf den die Figuren während des ganzen Stückes warten, selbst aus. Und der Besitzer von Protassows Haus plant schon eine Fabrik auf dem Gelände.

          Die durch Bildung und Schicksal Begünstigten merken das gar nicht. Sie entrüsten sich nur matt über das, was gleich bleibt, das Lumpenproletariat: Schlosser Jegor, der säuft und seine Frau schlägt; der indes, vor allem im Vollrausch, besonders treu an Protassows wissenschaftliche Mission glaubt. Darüber hinaus hat der Künstler mit den Fettsträhnen, Dmitri Wagin, nur Augen für Protassows vernachlässigte Gattin. Und die Protassow hörige Kaufmannswitwe Melania träumt von der Verbindung zu einem Mann, der etwas Höheres darstellt. Die von Verena Bukal mit mädchenhafter Glut gespielte Lisa hingegen glaubt, sie dürfe den Antrag von Tierarzt Tschepurnoi krankheitshalber nicht annehmen.

          Erst als bekannt wird, dass draußen Ärzte, die die Cholera bekämpfen, vom Volk verdächtigt werden, sie hätten die Krankheit erfunden, um daran zu verdienen, kommt die Ernüchterung. Protassow tritt mit blutig geschlagenem Gesicht auf. Er steckt die Umarmungen der Kaufmannswitwe nicht mehr einfach weg. Der Hobbychemiker braucht, gesteht er, seine Frau. Denn er kann ohne sie nicht arbeiten. Da fährt der Bühnenboden mit dem Waldgestänge nach hinten weg. Maler und Kaufmannswitwe sind am Boden zerstört. Doch es ist Lisa, die, als sie vom Selbstmord ihres Tierarztes erfährt, den Verstand verliert, die im Schlussbild, irr lachend, die von der Geschichte niedergewalzte Kultur erschütternd vergegenwärtigt. Während der Schlosser, der als heroischer Klassensieger neben ihr steht, für die Ingenieure der Macht nur Knetmasse sein wird.

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