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Gorbatschow-Stück in Moskau : Seid nicht so verletzlich, Genossen!

Nicht mit seinem Land verheiratet: Dem verwitweten Michail Gorbatschow (Jewgeni Mironow) erscheint seine Frau Raissa (Tschulpan Chamatowa). Bild: Theatre of Nations

Der menschliche Faktor: Das Dokumentardrama „Gorbatschow“ des lettischen Regisseurs Alvis Hermanis macht am Moskauer Theater der Nationen Furore, aber es erzürnt die Kommunistische Partei.

          3 Min.

          Das Moskauer Theaterereignis des Corona-Herbstes ist ein neues Zweipersonendrama mit dem Namen „Gorbatschow“. Sein Autor ist der lettische Regisseur Alvis Hermanis, der nach eigenem Bekenntnis vor einigen Jahren begriff, dass die Sowjetunion nicht aus wirtschaftlichen Gründen, sondern durch den „menschlichen Faktor“ kollabierte. Dank dieses Faktors, der Michail Gorbatschow heiße, sei er ein freier Mensch, so Hermanis, und lebe in einem freien Land, dessen Einwohner ebenfalls alle Freiheiten genießen könnten.

          Kerstin Holm

          Redakteurin im Feuilleton.

          Zu diesem Faktor gehöre aber auch Gorbatschows 1999 verstorbene Gattin Raissa, die ein neues Frauenbild verkörperte und dafür – wie ihr Mann, der den Staat zerfallen ließ – in ihrer Heimat oft angefeindet wurde. Als deren Darsteller wählt Hermanis den phänomenal vielgesichtigen Jewgeni Mironow, der in Präsident Putins Kulturrat sitzt und das Moskauer Theater der Nationen leitet, und dessen bewährte Bühnenpartnerin, die anmutige Tschulpan Chamatowa.

          Liebeserklärung an Gorbatschow

          Für sein Stück, das die große Politik bewusst ausblendet, studierte Hermanis ein Jahr lang Literatur, Memoiren, Briefe und traf sich in Moskau mit dem heute 89 Jahre alten Gorbatschow, nachdem Mironow für den Letten, der nach putinkritischen Äußerungen auf der Liste der in Russland unerwünschten Personen steht, von Putin persönlich ein Sondervisum erwirkt hatte. Das Werk sei eine Liebeserklärung an Gorbatschow, dessen Herz für sein Land schlug, der für einen Politiker aber vielleicht zu vertrauensvoll war, kommentierte Mironow vorab. Und Chamatowa erklärte, ihrer Generation habe Raissa Gorbatschowa neue Horizonte eröffnet und der Welt gezeigt, dass Sowjetrussinnen gebildet und attraktiv zugleich sein können.

          Im Theater der Nationen, wo Maskenpflicht herrscht und Besuchern wie Mitarbeitern die Temperatur gemessen wird, ist auf der Bühne eine Künstlergarderobe aufgebaut mit Schminktischen, Drehstühlen, Kleider- und Perückenständern. Mironow und Chamatowa vergegenwärtigen eingangs Raissas Leukämieerkrankung und ihre letzten Wochen in einer Spezialklinik in Münster als dialogische Lesung. In einer Krankenhausnacht hatten die trotz ihres Zustandes noch scherzende Patientin und ihr sie in den Armen haltender Mann einander ihr Leben erzählt. Das tut in dem Zweieinhalbstundenabend auch das sich durch Make-up, Kostüme und Gummiglatze verwandelnde Schauspielerduo.

          Studentenromanze: Michail Gorbatschow (Jewgeni Mironow) lernt an der Moskauer Staatsuniversität Raissa Titarenko (Tschulpan Chamatowa) kennen. Bilderstrecke
          Gorbatschow-Stück in Moskau : Seid nicht so verletzlich, Genossen!

          Das Licht geht aus, beide drehen sich zum Spiegel, man hört skurrile Stimmtrainingslaute – und als sie sich wieder umdrehen, zelebriert Mironow die gedehnte, singende südrussische Redeweise seines Helden, das G wie H aussprechend, so zwingend, dass das Publikum charmiert in Gelächter ausbricht.

          Die sprachmusikalische Figurenzeichnung ist umso frappierender, als der schmale Mironow Gorbatschow gar nicht ähnlich sieht und zunächst in Jeans und Hoodie auftritt. Er erinnert an seine Kindheit im Dorf nahe Stawropol, an Ikonen und Stalin-Bilder zu Hause und wie der Vater von der Front heimkam, nachdem er der Familie als tot gemeldet worden war. Im schlechtsitzenden Anzug wird Mironow zum Moskauer Jurastudenten, der dort die Philosophiestudentin Raissa Titarenko kennenlernt.

          Sanitätsstunde für ein Rendezvous

          Auch Tschulpan Chamatowa macht die in Sibirien aufgewachsene Raissa durch Körperbewegungen, bescheidenen Nachkriegsschick, vor allem aber durch die ausschwingende, empathische, manchmal das Falsett streifende Sprachmelodie lebendig. Das Paar erinnert sich, wie sie für ihr erstes Rendezvous im Studentinnenheim, wo sich sechzehn Mädchen einen Raum teilten, eine „Sanitätsstunde“ organisierten, um kurz allein zu sein. Für ihre Studentenhochzeit musste Raissa sich passende Schuhe leihen. Während die Regie immer wieder Fragmente der elegischen Arie des Lenski aus Tschaikowskys „Eugen Onegin“ einspielt, agieren sie lebhaft, freudig gerührt und mit jener zurückhaltenden Zugewandtheit, die diese große Liebe zu einem großen Bühnenereignis werden lässt.

          Das Stück macht klar, wie sehr Raissa, die der georgische Philosoph Merab Mamardaschwili und sein Freiheitsimperativ beeindruckt hatten, ein entscheidender Motor hinter dem Reformprojekt ihres Mannes, ja, seine Mentorin war. Während Gorbatschow, der 1979 als Politbürokandidat in die oberste Führungsriege aufstieg, taktisch die Nähe zum Konservator der sowjetischen Gerontokratie Andrej Gromyko suchte und Breschnew zitierte, erregte sich seine Frau schon über die hinfälligen Greise, die im Kreml in Luxus schwelgten, während im Land Kraftwerke kaputtgingen, ein Fehlalarm fast einen Atomschlag ausgelöst hätte und die Examensarbeit ihrer Tochter Irina über die Todesursache von Moskauer Männern im arbeitsfähigen Alter für geheim erklärt wurde.

          Das Leben verlangt Veränderungen

          Als Generalsekretär der KPdSU setzt Mironow sich endlich die Glatzenperücke mit dem unverwechselbaren Muttermal auf. Wenn er das bekannte Perestrojka-Motto intoniert, demzufolge das Leben nach Veränderungen verlange – mit Blick auf die Ereignisse in Belarus und Putins Reaktion darauf ein höchst aktueller Slogan – wird wieder beifällig gelacht. Seine sechs Amtsjahre schnurren bei Hermanis zu einem Arbeitstag zusammen. Das Drama setzt wieder ein bei dem durch die Putschisten 1991 auf seinem Krim-Kurort Foros gefangengesetzten Gorbatschow, dessen vom Verrat schockierte Frau einen Minischlaganfall erleidet und später fast erblindet. Dass Gorbatschow sich nach dem gescheiterten Putsch nicht von der Moskauer Menge feiern lässt, sondern zu seiner Frau ins Krankenhaus fährt, scheint im Rückblick bezeichnend: Dieser Politiker war eben nicht mit seinem Land, sondern mit seiner Gattin verheiratet.

          Russlands Kommunistische Partei hat verlangt, „Gorbatschow“ zu verbieten, weil es die historische Erinnerung an die Sowjetunion beschädige. Daraufhin ermahnte der Rocksänger Andrej Makarewitsch die „verletzlichen Genossen“, sie verdankten es der Milde von Gorbatschow, der seinerzeit ein Gerichtsurteil über die KP verhindert habe, dass es sie überhaupt noch gebe.

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