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Götterdämmerung in München : Warum, zum Wotan, bleichen sie hier alle Orchesterfarben aus?

  • -Aktualisiert am

Fahrt ins Blaue? Stephan Gould hat als Siegfried zwar mit Seegang und einem Mangel an sängerischem Metallglanz zu kämpfen, aber er erreicht zuverlässig jede Höhe Bild: Rabanus

München beschließt seinen Wagner-„Ring“. Die „Götterdämmerung“ gerät unter Kent Nagano und Andreas Kriegenburg musikalisch zu ungenau und dramaturgisch zu originalitätssüchtig.

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          Geht die Spielzeit zu Ende, fängt der Festspielsommer an. Nur die Bayern und ihre stolze Staatsoper legen beides immer auf einen Tag. Am Samstag gab es also in München, bei dreißig Grad im Schatten, als letzte Premiere und zugleich als Eröffnung der Opernfestspiele Wagners „Götterdämmerung“. Drei Wochen vor Beginn der Bayreuther Festspiele brachten Kent Nagano und Andreas Kriegenburg damit ihr Ring-Projekt zu Ende, das sie nur fünf Monate vorher mit „Rheingold“ begonnen hatten. Selbst für ein so großes und so gut betuchtes Opernhaus wie das Münchnerische ist das eine logistisch bedeutende Anstrengung, die jeden Applaus verdient, egal, was am Ende auf der Bühne steht.

          Aber jetzt, nach vier langen Wagner-Abenden, sollte doch etwas mehr herausspringen als nur sechs Vorhänge und ein freundliches Schulterklopfen. Nach dem poetisch-dekorativen Beginn mit Picknick am Grunde des Rheins, auch noch nach der ausgefransten „Walküre“ und nach dem veralberten „Siegfried“ hieß es immer wieder tröstend: Kinder, das wird schon noch! Mit der „Götterdämmerung“ aber schlägt die Stunde der Wahrheit. Jetzt wollen wir es wissen.

          Viele Fragen, keine Antworten

          Warum, zum Wotan, bleicht Herr Nagano die Orchesterfarben aus? Warum nivelliert er alle Kontraste? Wieso zerdehnt er die Tempi? Warum gibt er seine Einsätze immer nur so furtwänglerisch ungefähr ins Blaue hinein, dergestalt, beispielsweise, dass die Hörner wirklich Kummer damit haben, pünktlich zu kommen? Warum sitzt gleich der erste es-moll-Akkord nicht auf den Schlag? Wieso wird im siebten Takt des Vorspiels das Diminuendo und im achten Takt die Fermate und überhaupt jede Binnenphrasierung einfach überspielt? Und so weiter.

          Generalmusikdirektor Kent Nagano ist ein sympathischer und wortgewandter, ein umgänglicher, stiller, oftmals charismatischer Musik-Intellektueller, was ihm höchste Sympathien beim Publikum sichert. Ein erstklassiger (Wagner)-Dirigent ist er ganz sicher nicht. Und wieso hat Herr Kriegenburg sein Konzept, falls er mal eines hatte, zu Hause liegen lassen? Sieht er in Richard Wagners „Ring des Nibelungen“ eher ein sozialkritisches, antikapitalistisches Weltuntergangs-Endspiel? Etwas Aktuelles, auf die globale Finanzkrise Bezogenes? Oder doch mehr den Mythos, das Märchen, eine Gründerzeit-Parabel? Und, die vielleicht wichtigste Frage: Was geht mich das an?

          Der Chor zückt die Handys

          In der „Götterdämmerung“ - das ist eine der bekannten Wagnerschen Witzigkeiten - tauchen die Götter selbst nicht mehr auf. Nur niedere Untergötter haben noch ihre kleinen Warn- und Mahn-Scharmützel am Rande, die Nornen, die Rheintöchter, Alberich. Und eine längst abgestrafte, abgesetzte Göttin, die zur Menschenfrau degradierte Brünnhilde, muss ein jammervolles Menschenfrauenschicksal über sich ergehen lassen. Es ist dies übrigens der einzige Teil des „Rings“, der ausschließlich in einer historisch datierbaren, auch genau lokalisierbaren Wirklichkeit spielt und von realen Begebenheiten berichtet, vom Schicksal der Gibichungen Gutrune und Gunther, von Hagen von Tronje und den Gibichsmannen, und wegen letzterer ist die „Götterdämmerung“ auch der einzige Teil der Ring-Tetralogie, der Chöre braucht.

          Im zweiten Aufzug, dritte Szene schlägt die Stunde des Chores und Extrachores der Bayerischen Staatsoper, vortrefflich vorbereitet von Chordirektor Sören Eckhoff. Der grimme Hagen ruft zu den Waffen, es tost das Blech, brutale Drohung geht aus von den gestaffelten, gezackten, paukengrundierten Sturmchören der Männer: „Wir kommen mit Waffen, wir kommen mit Wehr!“ (Und recken dabei ihre Handys in die Luft, das ist so ein typischer Kriegenburgscher Kammerspiel-Regieeinfall, wirkungslos, weil nicht mehr erkennbar ab etwa Reihe zehn in einem großen Opernhaus.)

          Die Götterdämmerung im Sängerglück

          Als Hagen ist in letzter Sekunde Eric Halfvarson eingesprungen. Er gestaltet souverän und flüssig das Rollenporträt des Bösewichts, ein bisschen schwärzer und böser dürfte die Stimme aber schon sein. Auch sonst ist eine stilistische Besonderheit dieses Münchner „Rings“ die Praxis der Umbesetzung. Wotan wechselte vom „Rheingold“ zur „Walküre“ zu „Siegfried“ Gesicht und Stimme, ebenso wandelten Brünnhilde und Siegfried die Physiognomie - womit signalisiert wurde, dass diese „Ring“-Lesart mehr ein Pasticchio sein will als ein Panorama.

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