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Gastbeitrag von Alfred Brendel : Goethe, Musik und Ironie

  • -Aktualisiert am

„Felix Mendelssohn-Bartholdy spielt vor Goethe“: 1864 hat Moritz Daniel Oppenheim die Weimarer Szene aus dem Jahr 1830 in einem Gemälde festgehalten. Bild: AKG

Johann Wolfgang Goethe war besessen von Lied und Gesang. Und ihn ließ das Projekt einer systematischen Tonlehre nicht los. Ein Gastbeitrag.

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          Trotz seiner enzyklopädischen Interessen, seiner riesigen Arbeitsleistung als Autor, seiner Verantwortung für die Universität von Jena und seiner Staatspflichten ist Goethes Verbindung mit der Musik kaum jemals unterbrochen worden. Seine Beschwörung, man solle nie lesen, immer singen, ist fast wörtlich zu nehmen. Viele seiner Gedichte waren schon in der Vorstellung mit Musik verbunden. Sie mussten so schnell wie möglich komponiert werden, manche waren schon von vornherein auf bereits existierende Melodien zugeschnitten. Die wunderbaren Gedichte, die in Goethes „Wilhelm Meister“ mysteriös auftauchen, erschienen im Erstdruck des Romans schon in Reichardts Vertonung. Goethe nannte zahlreiche seiner Gedichte „Lieder“ – in allen seinen Ausgaben der gesammelten Werke standen sie am Anfang. Nach Goethes Wunsch durften die Kompositionen den Text nicht stören und mussten die Anfangsmelodie, ob es nun drei Strophen waren oder zehn, beibehalten, ein Schema, das vom Volkslied herrührte. Abwechslung schaffen musste der deutlich deklamierende Sänger. Dieses Schema entsprach den Grundsätzen der Ersten und Zweiten Berliner Liederschule. Die hier geforderte Einfachheit war die Reaktion auf barocke Kompliziertheit und die Virtuosität italienischer Koloraturarien. Das Ziel war, mit Hilfe weniger Noten den Hörer unprätentiös ans Herz zu greifen.

          Goethe liebte es, seinen Komponistenfreunden zu sagen, wie sie komponieren sollten, und zwar nicht nur seine Lyrik, sondern auch seine Opernlibretti. Mit der Oper hat Goethe sich die längste Zeit seines Lebens abgegeben. Aber es mussten leichte Opern sein, wie sie damals die Opéra comique, Opera buffa und das Singspiel vor Augen führten. Das ist erstaunlich, denn es gibt unter seinen Theaterstücken kein Lustspiel von Bedeutung. Goethe schätzte die Opera seria gar nicht und zog die Vergnügtheit Cimarosas bei weitem vor. Der Sänger Eduard Genast hat verzeichnet, dass Goethe mit seiner Bassstimme komische Texte unvergleichlich deklamierte, während sich im Tragischen manchmal falsches Pathos einschlich. Sein Freund Kayser bezeugte, dass in Goethes Libretti die Oper quasi schon vorauskomponiert war; die Anweisungen waren so detailliert, dass dem Komponisten wenig Bewegungsfreiheit übrig blieb. Eine ganze Reihe dieser Libretti wurde zu seinen Lebzeiten komponiert und aufgeführt und einige sogar in seine Gesammelten Werke aufgenommen. Dreizehn verschiedene Versionen von „Claudine von Villa Bella“ und sechzehn von „Jery und Bätely“ sind bekannt. Noch im zwanzigsten Jahrhundert komponierte Othmar Schoeck „Erwin und Elmire“ und der Schönberg-Schüler Egon Wellesz „Scherz, List und Rache“. Hofmannsthal studierte Goethes Operntexte und schrieb ein Vorwort für einen Sammelband. Keine der komponierten Fassungen machte allerdings einen bleibenden Eindruck.

          Vom „Götterwert der Töne und der Tränen“

          Goethe war besessen von Lied und Gesang. Im Lied musste die Musik unmittelbar dem Wort und der Wortmelodie entnommen werden und allen Verlockungen, das Gedicht zu illustrieren, aus dem Weg gehen. Wie sein Mentor Herder war er davon überzeugt, dass es die Musik sei, von der alle Dichtungen herkommen und wohin sie zurückkehren. Als Goethe in jungen Jahren auf Herders Wunsch elsässische Volkslieder und Balladen sammelte, sang er sie seiner Schwester Cornelia vor, die sie niederschrieb.

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