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„Godot“ in London : Becketts Entertainer

Ian McKellen (li.) und Patrick Stewart als Vladimir und Estragon in „Warten auf Godot” Bild: Sasha Gusov

Spektakuläre Inszenierung in London: Gandalf-Darsteller Ian McKellen und Star-Trek-Captain Patrick Stewart spielen „Warten auf Godot“ mit einem Hauch John Osborne („Entertainer“). Beim Schlussapplaus gibt es sogar ein Tänzchen.

          Samuel Beckett stellte sich die zwei Vagabunden in „Warten auf Godot“ auf einer Landstraße vor. Im Londoner Haymarket Theatre aber vertreiben sich Estragon und Wladimir in den Trümmern eines Theaters die Zeit, in der nie kommt, auf den sie warten. Die Ausstattung setzt die Logen des viktorianischen Zuschauersaales fort, als sei die ganze Welt eine Bühne und Becketts Stück bloß eine Metapher für die Vergeblichkeit des Daseins. Die Balken brechen vom Bühnenportal, gedörrtes Unkraut rankt sich über die Ruinen, und der blattlose Baum, an dem sich die beiden Männer aus lauter Langeweile aufhängen wollen, hat die Bretter, die die Welt bedeuten, längst gesprengt.

          Gina Thomas

          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

          Ein Endzeitszenarium, das die Zeitstimmung trifft. Dabei nimmt der Regisseur Sean Mathias diese Tragikomödie von der heiteren Seite, betont die clownhaften Elemente des Stückes und kitzelt in seiner hochkarätig besetzten Inszenierung die Lacher dadurch heraus, dass er Ian McKellens und Patrick Stewarts Vagabundenpaar Züge eines Tingeltangelpersonals verleiht. Simon Callows beleibter Pozzo wirkt mit Zwirbelbart und dröhnender Stimme wie die Karikatur eines Zirkusdirektors. Sein Auftritt wird durch Trommelschläge angekündigt, und jedes Mal, wenn er seinen Hintern auf den Hocker senkt, erklingt ein albernes Geräusch, wie denn überhaupt Becketts misanthropische Poesie durch eine Fülle lautmalerischer Effekte verziert wird. Nur der geschundene Lucky des Ronald Pickup fügt sich nicht dieser Varieté-Interpreation und legt das Gesicht in eine vielsagend ausdruckslose Maske.

          Ohne Ecken und Kanten

          Umständlich kriecht Ian McKellen als Estragon aus dem brüchigen Mauerwerk und humpelt kurzatmig über die Bühne. Mit knarrenden Gelenken, wässrigen Basset-Augen und stumpfem nordischem Akzent spielt er den trübsinnigen alten Clown, der sich von seinem Kumpan alles erklären lassen muss. Patrick Stewart ist der Denker dieses durch jahrelange Routine aufeinander eingespielten Duos. Wladmir versucht den lakonischen Estragon immer wieder aufzumuntern. Umso ergreifender, wenn ihn selbst die Schwermut übermannt.

          Wladimir und Estragon wirken wie auf ein auf den Hund gekommenes Komikerpaar. Es ist, als habe Mathias Laurence John Osbornes „Entertainer“ vor Augen gehabt und sich den verbrauchten Archie Rice dem Abgrund einen Schritt näher in der Gosse vorgestellt. Wenn Estragon seine Füße in die Stiefel zwingt, von denen er nicht mehr weiß, ob es die sind, die er am Vortag abgelegt hat, weil sie ihn drückten, macht er einen kleinen Stepptanz. Wenn die Frage aufkommt, was die beiden als Nächstes machen sollen, um die Zeit totzuschlagen, ziehen sie den Hut und kratzen sich synchron den Kopf. Beim Schlussapplaus führen sie in ihren Lumpen und mit ausgebeulten Melonen zu den Klängen eines berühmten Musicalliedes sogar eine jener Nummern auf, für die sonst Zylinder, Stock und Frack üblich sind. Eine geschliffene Aufführung ohne Ecken und Kanten, die der Unterhaltung des West-End-Publikums dient, statt in die Tiefen der Seelen zu blicken.

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